Klare Ansage von Amtschef Lahl: Das Land will nicht warten, bis die Eisenbahnverkehrsunternehmen die Probleme selbst in den Griff bekommen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Der Amtschef des Verkehrsministeriums, Uwe Lahl, spricht im Interview über Zugausfälle, Probleme der Unternehmen – und den geplanten Lokführerpool des Landes. Hilft der wirklich?

Stuttgart – -

Der geplante Lokführerpool des Landes steht teilweise in der Kritik. Der Amtschef des Verkehrsministeriums, Uwe Lahl, erklärt, warum sein Ressort diesen Schritt geht und was es sonst noch tut, um den Fahrplan robust zu bekommen.

Herr Lahl, sind Sie im sozialen Netzwerk Facebook aktiv?

Nein.

Als das Verkehrsministerium ankündigte, dass Flüchtlinge zu Lokführer ausgebildet werden, wurde Minister Hermann in den Kommentarspalten angefeindet.

Ich habe es mir nicht angetan, das durchzulesen. Aber ich habe es mir sagen lassen. Das war einer unserer größten Shitstorms, die wir in dieser Legislaturperiode hatten. So aufgeladen wie die gesellschaftliche Stimmung ist, hatten wir das schon erwartet. Dennoch sind wir davon überzeugt, dass wir eine richtige und sinnvolle Initiative in Angriff genommen haben. Denn wenn es Menschen gibt, die eine Aufenthaltsberechtigung, aber keine Beschäftigung haben, und es gleichzeitig ein Problem bei der Anwerbung von Lokführern gibt, dann muss man doch im Interesse dieser Menschen und auch der Bahnkunden gucken, was geht. Vielen war auch nicht klar, dass das Basis-Programm der Agentur für Arbeit nicht nur Geflüchteten zur Verfügung steht.

Hilft dies, um den Lokführermangel in den Griff zu bekommen?

Es leistet mittelfristig einen kleinen Beitrag, aber es hilft nicht kurzfristig. Wir müssen diesen Menschen die Zeit geben, die deutsche Sprache zu lernen und den Bahn-Sprech, also die Fachbegriffe. Und sie müssen die Prüfung bestehen. Beim Anwerben von Bauingenieuren aus anderen Ländern haben wir aber auch gelernt, dass man die Menschen unterstützen muss. Deshalb bekommen die Eisenbahnverkehrsunternehmen, die EVU, die sich beteiligen, Geld von uns für eine Sozialbetreuung. So werden die Flüchtlinge bei ganz alltäglichen Dingen, die für uns einfach sind, an die Hand genommen. Das ist ein wichtiger Schlüssel, um die Abbruch-Quote gering zu halten.

Wann sehen wir die ersten Kandidaten auf der Schiene?

Das Programm ist jetzt gestartet. Wenn es gut läuft, werden wir wahrscheinlich in zwei Jahren den einen oder anderen haben, der einen Zug in Baden-Württemberg fährt.

Personalprobleme, die immer wieder zu Zugausfällen führen, bestehen aber schon jetzt.

Es gibt unterschiedliche Ursachen für die Qualitätsmängel im Schienenpersonennahverkehr. Höhere Gewalt, die wir nicht beeinflussen können. Auch Mängel in der Infrastruktur und dass der verspätete Fernverkehr unseren eigentlich pünktlich fahrenden Nahverkehr aus dem Takt bringt, weil Fernverkehr immer Vorrang hat, können wir nur beklagen. Wogegen wir etwas tun können, sind die Zugausfälle wegen fehlender Fahrzeuge oder wegen Personalmangel.

Inwiefern?

Um diese beiden Ursachen von Verspätungen und Zugausfällen anzugehen, haben wir uns als Land zum einen drei Triebwagen und drei Doppelstockgarnituren bis Ende 2020 vertraglich gesichert, die jetzt für Abellio beispielsweise fahren. Und wir haben den Lokführerpool ausgeschrieben. Ihn soll es an vier Standorten geben mit jeweils vier Lokführern, die kurzfristig einspringen können, und zwei Lokführern, die bei voraussehbaren Ereignissen einspringen können.

Hätten Sie nicht einfach vorgeben können, dass die EVU eine bestimmte Anzahl an Lokführer als Reserve vorhalten müssen?

In einer Planwirtschaft hätte man das so gemacht. Wir haben aber bewusst nicht vorgegeben, dass ein Unternehmen x Personen vorhalten muss. Wir haben uns so entschieden, um die Vorteile des Wettbewerbs nicht einzuschränken und den Unternehmen eine wirtschaftliche Flexibilität einzuräumen. Das Anforderungspaket, was alles zu erfüllen ist, war auch so schon immens.

Aber ist es Aufgabe des Landes, einen eigenen Lokführerpool zu gründen und zu finanzieren?

Wir haben uns entschlossen, ein weiteres Sicherheitsnetz einzuziehen, um die Qualität zu verbessern. Denn den Menschen, die auf dem Bahnsteig auf den Zug warten, ist es egal, ob wir uns als Land auf den klassisch ordnungspolitischen Standpunkt stellen, dass das Aufgabe des EVU ist und ein Vertrag einzuhalten ist. Die Fahrgäste wollen, dass ihr Zug fährt. Ich finde, darauf haben sie auch einen Anspruch. Der Lokführerpool ist ein Experiment, das auf vier Jahre angelegt ist.

Und das teuer werden kann.

Im Idealfall machen wir mit dem Pool keine Verluste. Wenn ein EVU Lokführer aus dem Pool abruft, die wir bezahlen, muss es das Dreifache des Stundenlohns an uns zahlen. Das bedeutet: Schon wenn die Lokführer ein Drittel der Zeit fahren und zwei Drittel der Zeit nur in Bereitschaft sind, ist es für das Land ein Nullsummenspiel.

Was stimmt Sie optimistisch, dass die insgesamt 24 Stellen im Pool besetzt werden können? Den Lokführermangel beheben Sie ja nicht, in dem Sie neue Stellen schaffen.

Das ist richtig. Wir wollen aber auch nicht die Hände in den Schoß legen und warten, bis die EVU die Probleme von alleine lösen. Deshalb haben wir uns entschlossen, den Markt für Triebfahrzeugführer in Baden-Württemberg zu vergrößern. Denkbar ist, dass die Deutsche Bahn oder Personaldienstleister sich auf die Ausschreibung des Pools bewerben und Personal in den Südwesten schieben, falls sie eines der Ausschreibungslose gewinnen.

Ist die Aktion - wie es die FDP Ihnen vorwirft - nicht ein Eingeständnis, dass Sie bei den Verträgen geschlampt haben?

Nein, wir haben sehr gute Verträge. Jeder Zug, der ausfällt, ist ein Vertragsbruch. Wir müssen das EVU dann nicht bezahlen und bekommen die gleiche Geldmenge noch einmal als Strafzahlung. Mit dem Fahrzeug- und dem Lokführerpool bieten wir den EVU eine Lösung, die sie Geld kostet. Es kostet aber nicht so viel wie der Totalausfall. Dadurch ergibt sich für die Unternehmen die Motivation, diese Pools zu nutzen. Der Lokführerpool wird aber so teuer sein, dass es sich allemal rechnet, eigenes Personal zu haben. Also ökonomische Steuerung – die FDP müsste uns loben.

Und was ist, wenn die Lokführer aus dem Pool gar nie abgerufen würden?

Wenn dieser Fall eintritt, dann wäre das für den Fahrgast paradiesisch und wir könnten das Programm kurzfristig einstellen.

Wie realistisch ist dieses Szenario?

Wir erwarten, dass die Unternehmen eine gewisse Reserve für Urlaub, Krankheit und anderes vorhalten. Trotzdem wird es auch künftig Grippe-Epidemien oder andere Krankheitshäufungen geben. Da können dann Lokführer aus dem Pool einspringen. Ich rechne eher damit, dass der Pool eine höhere Auslastung als die 30 Prozent haben wird. Ziel ist jedoch, dass wir den Pool langfristig nicht mehr brauchen und die EVU selbst eine ausreichende Reserve aufbauen. Wir wollen nicht dauerhaft den Ausputzer geben. Aber vielleicht kommt es auch anders. Über allem steht allerdings: Schienenverkehr muss eine hohe Qualität haben.

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