In einem Thalys-Schnellzug in Nordfrankreich hat ein Mann um sich geschossen. Foto:  

Auf der Fahrt von Amsterdam nach Paris wird ein Fahrgast angeschossen. Die US-Reisenden greifen ein und verhindern nach Ansicht von Innenminister Cazeneuve womöglich ein „furchtbares Drama“. Auch Obama lobt die „heldenhaften Taten“ seiner Landsleute.

Arras - Drei amerikanische Reisende haben im Hochgeschwindigkeitszug von Amsterdam nach Paris einen mit einem Sturmgewehr bewaffneten Mann überwältigt, nachdem dieser zwei Fahrgäste verletzt hatte. Der Zwischenfall ereignete sich am Freitagnachmittag in Belgien, der Thalys-Zug wurde danach in das nordfranzösische Arras umgeleitet. Französische Anti-Terror-Spezialisten ermitteln, ebenso die belgischen Behörden, weil der mutmaßliche Täter in Brüssel zugestiegen sein soll. Es handelt sich nach Angaben eines Sprechers der französischen Polizeigewerkschaft Alliance um einen 26-jährigen Marokkaner.

Der französische Innenminister Bernard Cazeneuve warnte vor vorzeitigen Schlussfolgerungen, lobte aber die drei Amerikaner - einen Luftwaffensoldaten, einen Nationalgardisten und einen Studenten - für ihr tapferes Eingreifen „in schwierigen Umständen“. Sie hätten womöglich ein „furchtbares Drama“ verhindert. In Frankreich gelten seit den Terrorangriffen auf die Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt in Paris mit insgesamt 20 Toten verschärfte Sicherheitsvorkehrungen. Auf Bahnhöfen patrouillieren schwer bewaffnete Soldaten, allerdings müssen Zugreisende etwa im Pariser Bahnhof Gare du Nord noch keine Sicherheitskontrollen mit Metalldetektoren durchqueren.

Dem Verletzten geht es offenbar gut

Ein Amerikaner wurde bei dem Zwischenfall mit einem Teppichmesser verletzt und war am Samstag im Krankenhaus. Der Bürgermeister von Arras, Frederique Leturque, sagte am Samstag, es gehe ihm relativ gut, er sollte aber noch operiert werden. Leturque lobte die „außerordentlichen Reflexe“ der Amerikaner und zeichnete sie mit Medaillen aus. „Wir haben das Schlimmste vermieden, die Lage war schwer für sie und für alle“, sagte der Bürgermeister.

Präsident Barack Obama wurde über den Vorfall und das Eingreifen der drei Amerikaner informiert und erklärte anschließend, auch im frühen Stadium der Ermittlungen sei „klar, dass ihre heldenhaften Aktionen eine bei weitem schlimmere Tragödie verhindert haben“.

Einer der Amerikaner, der Student Anthony Sadler, sagte der Nachrichtenagentur AP, sie hätten plötzlich einen Schuss gehört und einen Zugbegleiter gesehen, der vor einem mit einem Sturmgewehr bewaffneten Mann davonlief. „Als er es spannte um zu schießen, schrie Alek ‚Spencer go!’ und Spencer sprintete den Gang hinunter. Spencer war als erster bei ihm, packte ihn und Alek entwand ihm das Gewehr. Der Bewaffnete zückte ein Teppichmesser und schlitzte ihn ein paar Mal. Und wir drei schlugen auf ihn ein, bis er bewusstlos war.“

Auch ein Brite habe den Angreifer gestoppt

Ein weiterer Passagier, ein Brite, habe geholfen, den Angreifer zu fesseln. Spencer Stone, der Luftwaffensoldat, habe sich um einen aus einer Halswunde blutenden Reisenden gekümmert. Er habe die blutende Wunde an der Kehle gestoppt, bis Rettungssanitäter eingetroffen seien.

Die Stiefmutter des dritten Amerikaners sagte, sie habe mit ihrem 22-jährigen Stiefsohn nach dem Zwischenfall telefoniert. Alek Skarlatos war im Juli aus Afghanistan zurückgekehrt, sagte Karen Skarlatos. „Alek und Spencer sind große, tapfere, starke Kerle und sie haben beschlossen, ihn anzugreifen“, sagte sie der AP. „Spencer hat ein paar Schnittwunden abbekommen, aber sie haben es geschafft, ihn zu überwältigen, während der Zug noch fuhr.“

Alliance-Sprecher Philippe Lorthiois sagte, der Angreifer habe seine automatische Waffe nicht abgefeuert, einen Reisenden aber mit einer Handfeuerwaffe verletzt und einen weiteren mit einer Klinge. Ein französischer Passagier, der Schauspieler Jean-Hugues Anglade, habe den Notfallalarm des Zuges ausgelöst und sich dabei leicht verletzt.

Der Angriff ereignete sich gegen 17.45 Uhr, als der Zug des Transportunternehmens Thalys durch Belgien fuhr, wie das Büro des französischen Präsidenten François Hollande mitteilte. Am Samstagmorgen trafen die Reisenden erheblich verspätet in Paris ein. Sie wurden auf dem Gare du Nord von Betreuern der Bahngesellschaft SNCF empfangen, die ihnen Essen und Trinken anboten und dabei behilflich waren, Taxis und Hotelzimmer zu finden.

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