Wenn Autos zu schnell an Amphibien vorbeifahren, platzen ihre Atemorgane. Foto: dpa

Die Amphibien machen sich wieder auf Wanderschaft. Aber es gibt immer weniger. Warum?

Filder - Wenn die Nächte im Frühling milder werden, erwachen sie und werden aktiv. Dann machen sich Kröten, Frösche und Molche auf den Weg zu ihren Laichgewässern. Die fast schon explosionsartigen Wanderungen werden bei einer Temperaturschwelle von vier bis fünf Grad Celsius ausgelöst. Wenn es regnet, sind es oft noch mehr Tiere. Martin Rahlenbeck, Amphibienbeauftragter beim Nabu Filder, erwartet den ersten großen Schwung für dieses Wochenende. Zwar sei es für die Tiere noch recht früh, aber die Temperaturen seien mild und es regne.

Warum sind Autos so gefährlich?

Die meisten Amphibien wandern jedes Jahr wieder genau zu dem Tümpel, in dem sie einst selbst schlüpften, um dort wieder für Nachwuchs zu sorgen. Traditionslaicher nennt man sie im Fachjargon. Doch viele der Tiere erreichen ihr Ziel gar nicht, denn die Amphibien müssen häufig breite Straßen überqueren und viele kommen dabei unter die Räder. Auch wenn das Auto an ihnen vorbeifährt, überleben die Tiere das oft nicht, denn viele sind zu schnell unterwegs. Die entstehende Druckwelle zerreißt den Tieren die Atemorgane.

Wo gibt es Schutzzäune?

Um das zu verhindern, sind jedes Jahr viele ehrenamtliche Helfer im Einsatz. Dort, wo mehrere Hundert bis Tausend Tiere erwartet werden, stehen oft Schutzzäune. Diese sollen nicht nur die Tiere schützen, sondern auch der Verkehrssicherheit dienen. Auf der Filderebene gibt es solche Zäune um den Rot- und Schwarzwildpark sowie am Rand des Haldenwalds in Sonnenberg. Am Kreisel an der Magstadter Straße/Mahdentalstraße hat das Regierungspräsidium dauerhafte Leiteinrichtungen mit Durchlässen für die Amphibien gebaut. Zusätzlich werden auch dort Zäune aufgestellt. Die etwa kniehohen Barrieren sollen die Frösche, Kröten und Molche am Überqueren der Straße hindern. Die Amphibien wandern entlang der Zäune und fallen dann in die eingegrabenen Eimer.

Gibt es immer weniger Kröten?

Ehrenamtliche kontrollieren die Strecken regelmäßig und tragen die Tiere über die Straße. Eine von ihnen ist Ingrid Schulte aus Möhringen. Sie hat beobachtet, dass es immer weniger Tiere werden. Am Onstmettinger Weg beim Probstsee sei die Situation geradezu dramatisch, sagt sie. „Als ich vor etwa zehn Jahren angefangen habe, waren es in der Wanderphase sicher Tausend Tiere, vor allem Erdkröten, im vergangenen Jahr nur noch etwa 100“, sagt Schulte. Es sei eine Abwärtsspirale. „Ich bin beunruhigt. Das macht uns Sorge“, sagt Schulte.

Was macht den Tieren zu schaffen?

Rahlenbeck kann diese Beobachtung bestätigen, auch wenn er keinen Ort kennt, wo die Situation so dramatisch ist wie am Probstsee. Ein Problem sei der Klimawandel. „Die Sommer werden immer trockener und heißer“, sagt Rahlenbeck. Die Dürre 2018 sei massiv gewesen. „Die Tiere brauchen stabile Laichplätze für ihre Eiablage“, sagt der Mann vom Nabu. Manche Arten wie zum Beispiel der Grasfrosch laichten in sehr flachen Gewässern oder gar Pfützen. „Wenn die austrocknen, dann war’s das für den Nachwuchs“, sagt Rahlenbeck. Immer mehr Laichplätze gingen verloren. Auch Susanne Zhuber-Okrog vom Nabu Stuttgart bestätigt: „Die Amphibienzahlen sind im Laufe der Jahre leicht rückläufig.“ Insgesamt schwanke die Zahl der gesammelten Tiere stark. Das sei jedoch normal. „Wichtig ist es, den Trend über die Jahre im Auge zu behalten“, sagt Zhuber-Okrog.

Was braucht die Kröte?

Ein großes Problem für die Tiere sei auch die immer weiter voranschreitende Versiegelung von Flächen. Einst sei in Oberaichen ein Tümpel einem Baugebiet zum Opfer gefallen. „So können schnell ganze Populationen verschwinden“, sagt Rahlenbeck. Und auch wenn für Baugebiete als Ausgleichsmaßnahme ein neuer Teich angelegt werde, sei es damit allein nicht getan. „Solche Teiche verlanden schnell und wachsen zu. Sie werden flacher und die Sonne kommt nicht mehr durch. Die Tiere brauchen aber die Wärme“, erklärt der Fachmann. Er plädiert dafür, dass es nicht nur Geld für Ausgleichsmaßnahmen gibt, sondern auch für die später notwendig werdende Pflege.

Auch das Insektensterben wirkt sich auf andere Tierarten aus. Was genau das für die Amphibien bedeute, müsse aber noch wissenschaftlich erforscht werden, sagt Rahlenbeck. Und nicht zuletzt machten die vielen Straßen, welche Biotope zerschnitten, den Tieren zu schaffen.

Wo sind die Amphibien unterwegs?

Auf der Filderebene kreuzen folgende Straßen die Wege der Amphibien: die Falkenstraße in Sonnenberg, der Onstmettinger Weg am Probstsee in Möhringen, die Christian-Belser-Straße in Kaltental, die Musberger Straße in Rohr, die Gustav-Barth-Straße in Heumaden, die Roßhaustraße in Degerloch, die Straße Hintere Weingärten in Heumaden, die Rotwiesenstraße in Schönberg sowie die Eichenparkstraße bei Riedenberg.

Südlich der Autobahn sind die Tiere vor allem im Siebenmühlental unterwegs, zum Beispiel auf der Alten Poststraße zwischen Echterdingen und Steinenbronn, auf der Kreisstraße zwischen der Mäulesmühle und der Kläranlage Musberg, auf der Böblinger Straße in Musberg zwischen dem Reichenbach und dem Aktivspielplatz (Aki) sowie in Stetten auf der Zufahrtsstraße zur Kochenmühle.

Wer möchte helfen?

Wer dem Nabu bei seiner Amphibienrettung helfen will, kann sich unter der Telefonnummer 0711/7 56 04 12 melden oder eine E-Mail an nabu.le@gmx.de schreiben. Der Nabu Stuttgart sucht für den Bereich Solitude Helfer und ist unter Telefon 0711 / 62 69 44 oder per Mail an nabu@nabu-stuttgart.de erreichbar. Auch die Ehrenamtsagentur Sillenbuch sucht Helfer. Interessierte melden sich telefonisch unter 0711/47 21 71 oder 0711/216-6 08 85 oder per E-Mail an ehrenamtsagentur-sillenbuch@t-online.de.

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