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Bluttat in Lörrach: Eine Stadt steht unter Schock, auch Innenminister Heribert Rech.

Lörrach - Die Stadt erwacht und ist doch wie gelähmt. Der Amoklauf  ist das einzige Thema, über das die Menschen reden. "Dass so etwas bei uns hier passiert, hätte ich nicht für möglich gehalten", sagt ein älterer Mann. Hier in Lörrach, da leben sie doch in einer heilen Welt, dachten sie. Hier, wo die berühmte lila Schokolade produziert wird, wo die Schweiz und Frankreich nur einen Steinwurf entfernt sind, da gibt es keinen Hass. "Ein Amoklauf bei uns? Nein", meint eine Frau, "das kennt man doch sonst nur aus den Großstädten." Und doch, jetzt ist es passiert. Vier Tote, fast 20 Verletzte. Lörrach, die 55.000-Seelen-Gemeinde im Dreiländereck, ist plötzlich bundesweit in den Fokus der Aufmerksamkeit gestoßen worden. Fernsehteams haben ihre Übertragungswagen aufgebaut, die Sender überschlagen sich mit Live-Schaltungen. Es wird versucht, etwas zu erklären, was kaum zu erklären ist.

Die Innenstadt rund um das St.-Elisabethen-Krankenhaus, wo der Amoklauf endete, ist mit rot-weißen Bändern abgesperrt. Kriminalexperten sind mit ihren Koffern unterwegs. Auf der Straße sind Blutflecken mit weißer Kreide umrandet. Spurensuche der Polizei. Aber es geht nicht nur um die Frage, wo die 41-jährige Täterin überall gewütet hat. Es geht auch um die Frage nach dem Warum. Doch selbst erfahrene Ermittler wie der Lörracher Oberstaatsanwalt Dieter Inhofer stehen vor einem Rätsel. "Wir haben uns immer wieder gefragt: Gibt es einen Grund für diese Tat? Wir wissen es nicht", sagt Inhofer.

Nur der Ablauf des Amoklaufs ist zu diesem Zeitpunkt nahezu komplett rekonstruiert. Fakt ist: Die Frau ist in einer Mischung aus Brutalität und Willkür vorgegangen. Es ist kurz nach 18 Uhr, als das Drama beginnt. In einem Mehrfamilienhaus ganz in der Nähe des Krankenhauses betreibt die 41-Jährige seit Dezember vergangenen Jahres eine Anwaltskanzlei, gleich daneben hat sie eine kleine Wohnung. Dort, so ergeben die Untersuchungen später, erschießt sie ihren Ehemann, einen 44-jährigen Schreiner. Seit Juni dieses Jahres lebt das Paar getrennt.

Eine Beziehungstat?

War der Amoklauf womöglich eine Beziehungstat? "Es war kein Sorgerechtsstreit anhängig", sagen die Ermittler. Gemeinsam hat das Paar einen fünfjährigen Sohn. Er lebt beim Vater, an jenem Wochenende war er zu Besuch bei der Mutter. Auch er muss sterben. "Wir haben Spuren von stumpfer Gewaltanwendung an ihm festgestellt", erklärt die Polizei. Alles spreche dafür, dass die Mutter auch ihn umgebracht habe. Die genaue Todesursache soll die Obduktion erbringen.Bevor die Frau ihre Wohnung verlässt, kippt sie eine Nitroverdünnung aus und zündet. Es kommt zu einer heftigen Explosion. Die Wucht ist so stark, dass eine Hauswand herausgerissen wird. Was dann passiert, stellt Polizei und Staatsanwaltschaft vor weitere Rätsel. Die Frau geht die wenigen Meter hinüber zum Krankenhaus. Mit ihrer Waffe, eine "Walther Long Rifle", Kaliber 22, "schießt sie wild um sich", so Polizei-Einsatzleiter Michael Granzow, verletzt zwei Personen im Eingangsbereich der Klinik und stürmt in die gynäkologische Abteilung im ersten Obergeschoss. Genau dorthin also, wo sie - wie sich später herausstellt - im Jahr 2004 eine Fehlgeburt hatte. Ob das womöglich der Auslöser für die Bluttat war? "Wir wissen es nicht", sagt Inhofer auch zu diesem Aspekt. Womöglich wird man es nie erfahren. Die Familie ist ausgelöscht.

Erinnerungen an Winnenden


Klar ist nur: Die Frau ist zu diesem Zeitpunkt offenbar wild entschlossen, in dem Krankenhaus ein Blutbad anzurichten. Erst sticht sie auf einen 56-jährigen Krankenpfleger mit einem Fahrtenmesser ein und erschießt ihn. Dann verschanzt sie sich auf der Station und feuert auf ein Patientenzimmer, in dem mehrere Besucher in Todesangst sind. Einige Geschosse durchschlagen die Zimmertür. Zu diesem Zeitpunkt sind erste Rettungskräfte und Polizisten längst über Notruf alarmiert worden. Zwei Beamte wagen sich in die Gynäkologie, fordern die Frau auf, sich zu ergeben. Die Frau antwortet mit Schüssen. Die Polizei schießt zurück - und tötet die Amokläuferin.

Das Drama ist zu Ende. Was zu diesem Zeitpunkt noch niemand weiß: Die Frau - in der Pfalz geboren, in Nordbaden aufgewachsen, zuletzt in einem Dorf im Wiesental bei Lörrach lebend - hat 300 Schuss Munition mit in die Klinik gebracht. Einst war sie Mitglied in einem Schützenverein in Nordbaden, besaß die Waffe völlig legal, hatte auch die notwendige Waffenbesitzkarte. Erinnerungen werden wach an den Amoklauf von Winnenden und Wendlingen, bei dem Tim K. die Waffe seines Vaters nahm, sich mit einer ähnlich großen Menge Munition ausstattete und am Ende 15 Menschen tötete.

Erinnerungen an Winnenden

Und plötzlich, da immer mehr Hintergründe bekanntwerden, scheinen die Parallelen zwischen Winnenden und Lörrach mit Händen zu greifen. Polizei und Staatsanwaltschaft beteuern zwar, "es gibt keine Erkenntnisse, dass die Frau in psychiatrischer Behandlung war". Vernehmungen im Umfeld der Familie ergeben aber, dass die Sportschützin in den vergangenen Monaten "psychisch angespannt gewesen sei". War es also womöglich der anstehende oder bereits begonnene Sorgerechtsstreit um das Kind, der bei der Mutter alle Regeln der Vernunft außer Kraft setzte und sie zur Wahnsinnstat trieb?

Innenminister Heribert Rech (CDU) jedenfalls steht,  als er in Lörrach eintrifft, der Schock über den neuerlichen Amoklauf in Baden-Württemberg ins Gesicht geschrieben. "Wenn ich ganz ehrlich sein darf, auch wenn es sich nicht für eine Überschrift eignet, ich habe gedacht: Nicht schon wieder", gewährt er vor den wartenden Journalisten einen kleinen Einblick in sein Seelenleben aus den Stunden zuvor, als lange Zeit völlig unklar war, was sich da in Lörrach eigentlich abspielte. Nun steht Rech vor einer Armada an Mikrofonen und ist gleichermaßen bestürzt wie erleichtert: "Die Polizei hat mit ihrem umsichtigen Vorgehen einer Vielzahl von Menschen das Leben gerettet", betont er am Tatort, lobt den Einsatz seiner Beamten: "Es gehört schon viel dazu, wenn man in ein Haus eindringt, in dem geschossen wird." Auch Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) sieht das so. Er dankt mit ernster Miene den Polizeibeamten und Feuerwehrleuten für ihren "selbstlosen Einsatz", mit dem "vermutlich Schlimmeres verhindert" worden sei. Er spricht den Opfern und ihren Familien sein Mitgefühl aus.

Und der Regierungschef sagt einen Satz, den viele im Land in diesem Moment möglicherweise auch im Kopf haben: "Ich habe mit großer Bestürzung zur Kenntnis nehmen müssen, dass Baden-Württemberg so kurze Zeit nach dem Amoklauf von Winnenden und Wendlingen wieder Tote und Verletzte zu beklagen hat." Der Amoklauf, das ultimative Grauen. Auch in Lörrach ist dieser Aspekt die meistgestellte Frage. "Ein Amoklauf in einem Krankenhaus. Das ist eine neue Dimension", räumt Landrat Walter Schneider ein.

Ratlose Bürger

So stehen die Bürger ratlos am Straßenrand. Auch am Abend diskutieren sie noch. Manch einer trägt sich ins Kondolenzbuch ein, andere gehen zum Beten in die Kirche. Von überall her kommen Solidaritätsadressen, die Stadt richtet ein Spendenkonto für die Familie des getöteten Krankenpflegers ein, die Kirchen planen Trauerfeiern. Der württembergische Landesbischof Otfried July äußert genauso sein Mitgefühl wie Robert Zollitsch, der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz. Im St. Elisabethen-Krankenhaus läuft der Betrieb zwar wieder normal, aber von Normalität kann keine Rede sein. In einem kleinen Raum versammeln sich Mitarbeiter wie Patienten zur stillen Andacht. Nicht wenige werden psychologisch betreut. Und die Oberbürgermeisterin? Gudrun Heute-Bluhm, seit 1995 an der Spitze der Stadt und führender Kopf in der Landes-CDU, kämpft mit den Tränen: "Ganz Lörrach steht unter Schock."

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