Amoklauf Lörrach unter Schock

Von Frank Krause 

 Foto: dpa
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Bluttat in Lörrach: Eine Stadt steht unter Schock, auch Innenminister Heribert Rech.

Lörrach - Die Stadt erwacht und ist doch wie gelähmt. Der Amoklauf  ist das einzige Thema, über das die Menschen reden. "Dass so etwas bei uns hier passiert, hätte ich nicht für möglich gehalten", sagt ein älterer Mann. Hier in Lörrach, da leben sie doch in einer heilen Welt, dachten sie. Hier, wo die berühmte lila Schokolade produziert wird, wo die Schweiz und Frankreich nur einen Steinwurf entfernt sind, da gibt es keinen Hass. "Ein Amoklauf bei uns? Nein", meint eine Frau, "das kennt man doch sonst nur aus den Großstädten." Und doch, jetzt ist es passiert. Vier Tote, fast 20 Verletzte. Lörrach, die 55.000-Seelen-Gemeinde im Dreiländereck, ist plötzlich bundesweit in den Fokus der Aufmerksamkeit gestoßen worden. Fernsehteams haben ihre Übertragungswagen aufgebaut, die Sender überschlagen sich mit Live-Schaltungen. Es wird versucht, etwas zu erklären, was kaum zu erklären ist.

Die Innenstadt rund um das St.-Elisabethen-Krankenhaus, wo der Amoklauf endete, ist mit rot-weißen Bändern abgesperrt. Kriminalexperten sind mit ihren Koffern unterwegs. Auf der Straße sind Blutflecken mit weißer Kreide umrandet. Spurensuche der Polizei. Aber es geht nicht nur um die Frage, wo die 41-jährige Täterin überall gewütet hat. Es geht auch um die Frage nach dem Warum. Doch selbst erfahrene Ermittler wie der Lörracher Oberstaatsanwalt Dieter Inhofer stehen vor einem Rätsel. "Wir haben uns immer wieder gefragt: Gibt es einen Grund für diese Tat? Wir wissen es nicht", sagt Inhofer.

Nur der Ablauf des Amoklaufs ist zu diesem Zeitpunkt nahezu komplett rekonstruiert. Fakt ist: Die Frau ist in einer Mischung aus Brutalität und Willkür vorgegangen. Es ist kurz nach 18 Uhr, als das Drama beginnt. In einem Mehrfamilienhaus ganz in der Nähe des Krankenhauses betreibt die 41-Jährige seit Dezember vergangenen Jahres eine Anwaltskanzlei, gleich daneben hat sie eine kleine Wohnung. Dort, so ergeben die Untersuchungen später, erschießt sie ihren Ehemann, einen 44-jährigen Schreiner. Seit Juni dieses Jahres lebt das Paar getrennt.

Eine Beziehungstat?

War der Amoklauf womöglich eine Beziehungstat? "Es war kein Sorgerechtsstreit anhängig", sagen die Ermittler. Gemeinsam hat das Paar einen fünfjährigen Sohn. Er lebt beim Vater, an jenem Wochenende war er zu Besuch bei der Mutter. Auch er muss sterben. "Wir haben Spuren von stumpfer Gewaltanwendung an ihm festgestellt", erklärt die Polizei. Alles spreche dafür, dass die Mutter auch ihn umgebracht habe. Die genaue Todesursache soll die Obduktion erbringen.Bevor die Frau ihre Wohnung verlässt, kippt sie eine Nitroverdünnung aus und zündet. Es kommt zu einer heftigen Explosion. Die Wucht ist so stark, dass eine Hauswand herausgerissen wird. Was dann passiert, stellt Polizei und Staatsanwaltschaft vor weitere Rätsel. Die Frau geht die wenigen Meter hinüber zum Krankenhaus. Mit ihrer Waffe, eine "Walther Long Rifle", Kaliber 22, "schießt sie wild um sich", so Polizei-Einsatzleiter Michael Granzow, verletzt zwei Personen im Eingangsbereich der Klinik und stürmt in die gynäkologische Abteilung im ersten Obergeschoss. Genau dorthin also, wo sie - wie sich später herausstellt - im Jahr 2004 eine Fehlgeburt hatte. Ob das womöglich der Auslöser für die Bluttat war? "Wir wissen es nicht", sagt Inhofer auch zu diesem Aspekt. Womöglich wird man es nie erfahren. Die Familie ist ausgelöscht.

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