Amira ist gesichtsblind. Das heißt, sie kann keine Gesichter erkennen. Die junge Stuttgarterin erzählt, wie sie mit der Störung im Alltag umgeht.
Mal ist es eine Person, die winkt. Mal ist es eine Stimme im Fahrstuhl, die so wahnsinnig vertraut klingt. Oder jemand, der ein freundliches Hallo über die Straße ruft. Kennen wir uns? Das hat sich die 19-jährige Stuttgarterin Amina schon oft gedacht. Nur mit dem Erraten, wer es denn nun ist, damit tut sie sich schwer. Amina ist gesichtsblind. Ein Antlitz sieht für sie aus wie das andere. Feine Züge, große Nasen, schmale Lippen – da ist nichts, woran sie sich zuverlässig festhalten kann.
Das geht so weit, dass sie selbst ihre eigenen Eltern nicht ohne Weiteres erkennt. Nicht einmal ihr eigenes Porträt würde sie aus dem Zusammenhang gerissen ausmachen können.
Prosopagnosie, so der medizinische Begriff, ist eine sehr seltene Störung einer bestimmten Funktion des Gehirns. Laut einer Veröffentlichung der Ruhr-Universität Bochum gibt es zwei Formen. Die eine ist die angeborene Gesichtsblindheit wie bei Amina. Laut der Experten aus dem Institut für kognitive Neurowissenschaft beruht sie sehr wahrscheinlich auf einer Mutation eines Gens, das für die Funktionsfähigkeit von Neuronen, also Nervenzellen im Gehirn, verantwortlich ist. Zudem gibt es die erworbene Prosopagnosie, etwa nach einem Schädelhirntrauma, einer Tumorerkrankung oder einem Schlaganfall. Beide Formen sind demnach weder heil- noch therapierbar.
Sie möchte über die Störung aufklären
Ihren Nachnamen will Amina nicht in der Zeitung lesen, aus Rücksicht auf ihre Familie. Aber sie möchte aufklären. „Ich will drauf aufmerksam machen, damit die Leute einfach Bescheid wissen, dass es das gibt“, sagt sie. Sie selbst habe lang gedacht, dass sie sich Leute einfach nicht merken könne. Dass sie Personen jedoch ganz anders wahrnimmt als etwa ihre Freunde, ist ihr viele Jahre nicht klar gewesen. „Mir ist eher aufgefallen, wie andere geredet haben. In Filmen heißt es oft: Ich vergesse nie ein Gesicht. Und ich dachte mir immer: Wow, das ist eine Superkraft.“ Vor etwa drei Jahren habe ein Bekannter sie auf das Thema Prosopagnosie gestoßen. Dass sie das vielleicht auch habe. Daraufhin habe sie sich eingelesen, etwa dazu, dass Menschen mit Gesichtsblindheit Fernsehserien nur schwer folgen können – und gemerkt: Das trifft auch auf mich zu.
Ihre Diagnose hat Amina erst vor wenigen Wochen nach einem Test an der Uni Bochum erhalten. Mit dem Erkennen von Formen, Gegenständen oder Farben hat die junge Frau keine Probleme. Sie sieht gut. Die einzelnen Teile eines Gesichts nimmt sie ebenfalls wahr, wie sie sagt: Augenbrauen, Nase, Augen. Sie könne sie aber nicht jemandem zuordnen.
„Das Abspeichern geht bei mir nicht“, erklärt sie. Zum Beispiel die Augen schließen und an das Gesicht ihrer besten Freundin denken, auch das klappe nicht. „Ich habe eine sehr ausgeprägte Fantasie. Aber bei Gesichtern ist da gar nichts.“
Andere Menschen reagieren skeptisch
Menschen reagierten mitunter skeptisch, wenn sie sage, dass sie gesichtsblind sei. Du kennst mich doch, höre Amina dann immer wieder. Tatsächlich ist sie mit ihrer Störung nicht allein. Etwa zwei Prozent der Bevölkerung, so schreibt es der selbst betroffene Mediziner Thomas Grüter aus Münster auf seiner Homepage, haben Probleme, ihr Gegenüber zu erkennen. Der US-Schauspieler Brad Pitt und die schwedische Kronprinzessin Victoria haben sich schon vor Jahren in Interviews dazu bekannt, Gesichter nicht einordnen zu können.
Allerdings können sich Betroffene im Alltag behelfen. Amina etwa orientiert sich an Frisuren, Piercings, Brillen oder der Statur einer Person. „Wenn ich mit meinen Eltern rausgehe, merke ich mir immer, was sie anhaben.“
Ebenso achte sie sehr stark auf Stimmen; kein Wunder, denn Amina arbeitet als Sprecherin für Werbebeiträge oder Hörbücher. In ihrem Alltag fühle sie sich nicht eingeschränkt. „Das ist mein Normalzustand. Ich bin damit groß geworden.“ Die Diagnose habe ihr nun Klarheit gebracht. Dennoch: Nicht immer erkläre sie sich, wenn jemand mal wieder auf der Straße winke, denn „das ist immer ein riesiges Fass, dass man aufmacht“. Manchmal sei es schlichtweg einfacher zu sagen: Sorry, ich habe deinen Namen vergessen.