„America“: Porträt des Autors Kai Wieland Die tollsten Sachen passieren in der Provinz

Von Stefan Kister 

Zwischen Rillingsbach und Reinsburgstraße: Kai Wieland Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Zwischen Rillingsbach und Reinsburgstraße: Kai Wieland Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Er führt ein ganz normales Leben und ist doch eine Ausnahmeerscheinung: Kai Wieland hat einen schwäbischen Heimatroman geschrieben, wie man ihn noch nicht gelesen hat. Für „Amerika“ erhält er den Thaddäus-Troll-Preis.

Stuttgart - Als Kind wollte Kai Wieland Fußballer werden. Nun ist er Autor. Auch nicht schlecht. Normalerweise wird man weder das eine noch das andere, sondern verabschiedet sich irgendwann von seinen Träumen und ergreift einen anständigen Beruf. Genau das hat der junge ernsthafte Mann auch gemacht, der sich an diesem Vormittag kurz von seiner Arbeit in einem Stuttgarter Verlagsbüro freigemacht hat, um nun in einem benachbarten sehr urbanen und shabbyhaften Café im Stuttgarter Westen davon zu erzählen, wie das eine mit dem anderen zusammengehen kann: ein geregeltes Leben mit dem Sinn fürs Abseitige, das Lektorieren von Reiseführern mit dem souveränen Erfinden, das Randständige mit dem Bedeutsamen.

Und so viel teilt sich sofort mit: dass sich das Fehlen jeglichen jungautorenhaften Dünkels bestens verträgt mit einem der interessantesten Debüts des Jahres. Denn das lässt sich getrost von Kai Wielands Roman „Amerika“ behaupten, für den der 1989 in Backnang geborene Autor mit Kritikerlob überschüttet wurde und am 11. Dezember den mit 10 000 Euro dotierten Thaddäus-Troll-Preis erhält.

Shabby ist schön und gut, aber doch nur ein possierlicher Abklatsch gegen die feierliche Schäbigkeit, in der man sich das zur Dorfkneipe abgesunkene einstigen Dreisternehotels Schippen in dem fiktiven Ort Rillingsbach irgendwo im Schwäbischen Wald vorstellen muss. Das ist „Amerika“. Hier kommt ein vom Leben gebeiztes Häuflein von Trinkern und Trinkerinnen zusammen, um im Dunst von Alkohol, Nikotin und einer stets nebulösen Erinnerung ihre Geschichten zu ordnen. Und wie sie das tun, führt weit über die kruden Absehbarkeiten der sich an Bizarrerien weidenden kritischen Dorfgeschichte hinaus – mitten hinein in eine Hinterwelt, deren zugrunde liegende Ereignisse im Prozess ihre Eindeutigkeit zusehends verlieren, dafür eine rätselhafte Sogkraft hinzugewinnen. Und damit ist man bereits an einem zentralen Punkt dieses Schreibens angelangt, das magisch angezogen wird von dem, was andere meiden.

Orte wie autarke Inseln

„Ich bin vielleicht nicht die urbanste Seele auf dem Planeten“, sagt der sympathisch aufgeweckte Lockenkopf, der keinerlei Anstalten macht, das Idiom seiner Herkunft zu verleugnen. Seit zwei Jahren arbeitet er in dem Verlagsbüro um die Ecke. In Stuttgart kennt er sich trotzdem noch nicht richtig aus, auch wenn seit Kurzem die ältere Schwester in der Nähe wohnt. Täglich pendelt Kai Wieland mit der S-Bahn aus einem kleinen Ort herein, der arroganten Großstadthipstern vermutlich ein mitleidiges Lächeln hinter den Bart zaubern würde. Was einerseits mit der verrückten Preisentwicklung auf dem Wohnungsmarkt zu tun hat, andererseits aber mit einem klaren Bekenntnis zur Provinz. „Ein Ort wie der ,Schippen‘ beeindruckt mich ehrlich gesagt mehr als eine angesagte Bar.“ Am Rand, nicht in Berlin, wo sich die junge deutsche Literatur bequem eingerichtet hat, findet er die Figuren, die ihn interessieren. Wer den Roman gelesen hat, weiß, dass sie den Neigungen ihres Autors zum Trotz keine Idylle bewohnen.

Viel Verfall, wenig Infrastruktur, keine Dorfromantik. „Es gibt Orte wie autarke Inseln, wo die Leute auf sich selbst konzentriert sind, nicht auf die nächste Metropole.“ Das ist die Lebenswirklichkeit, die ihn reizt, sie abzubilden, nicht als Schwarz-Weiß-Skizze, sondern in all ihrer schillernden Eigenart. Das, was uns ausmacht, Geschichte, Vergangenheit, Herkunft, changiert und löst sich auf in Erzählweisen. Oder wie Kai Wieland sagt: „Die meisten Rätsel werden nicht klarer, je weiter wir uns von ihnen entfernen.“

Während seines Studiums der Buchwissenschaft in München ist er auf die Arbeit der amerikanischen Information Control Division gestoßen, die nach dem Krieg für die Säuberung des deutschen Buchmarkts und der Bibliotheken von nationalsozialistischem Gedankengut zuständig war. Für seine Abschlussarbeit untersuchte er deren Rolle am Beispiel des Stuttgarter Klett-Verlags. In „Amerika“ begegnet man einem ehemaligen Oberscharführer, der vom Bock zum Gärtner der Entnazifizierung wird. Der Roman, in den diese Kenntnisse eingeflossen sind, landete irgendwann auch auf dem Stapel unverlangt eingesandter Manuskripte bei Klett-Cotta und passierte wie die meisten darunter zunächst nicht die Control Division des Lektorats.

Wenn eine Münchner Bekannte ihn nicht auf den Blogbuster-Wettbewerb aufmerksam gemacht hätte, wären die Qualitäten dieses Textes, seine vertrackte Schönheit, sein eigener Ton und leiser Aberwitz, wohl noch lange unentdeckt geblieben. So aber reichte er ihn ein; für das Unerhörte offenbar noch empfänglichere Literaturblogger, die bei diesem Preis ein Vorschlagsrecht haben, wählten ihn aus, und plötzlich hatte er einen Verlagsvertrag in der Tasche – bei Klett-Cotta.

Dauerkarte beim VfB

Offenbar gibt es überzeugende Alternativen zu den Kaderschmieden der Literaturinstitute. Zum Beispiel ein scheinbar ganz normales Leben: eine Jugend im Fußballverein, eine Dauerkarte für den VfB, ein soziales Umfeld, dessen große Anteilnahme am Erfolg seines Romans er zu den schönsten Begleiterscheinungen des Ganzen zählt. Die Liebe zur Literatur wurde ihm nicht in die Wiege gelegt, die Begegnung mit Daniel Kehlmanns „Vermessung der Welt“ war ein Schlüsselerlebnis, „Der Fremde“ von Albert Camus folgte, die Kurzgeschichten Alice Munros, die großen Amerikaner. „Mein Wunsch zu schreiben entzündete sich an dem Guten, das ich gelesen habe.“

Und Amerika? „Über Film, Literatur und Musik hat dazu jeder ein Verhältnis – wie ambivalent zurzeit auch immer.“ Dort war er noch nie, anders als eine seiner Romanfiguren, die aus dem Schwäbischen Wald ins Land ihrer Träume fährt, um dort die Stätten berühmter Attentate aufzusuchen. Auch so eine Idee. „Man kann ein nicht ausschweifendes Leben führen und trotzdem Geschichten erzählen“, sagt Kai Wieland. Und vielleicht liegt genau darin sein Geheimnis. Wo die landläufige Literaturszenen-Folklore sich gegen das Gewöhnliche aufplustert und sich darin immer ähnlicher wird, verabschiedet sich der bescheidene junge Mann wieder in sein Verlagsbüro, um einem Buch über Wandern im Südschwarzwald den letzten Schliff zu geben. Zurück bleibt die Gewissheit, einem wirklich außergewöhnlichen Autor begegnet zu sein.

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