Lukas Franke (Matthias Schweighöfer) guckt mal wieder fassungslos. Foto: Amazon

An diesem Freitag steht er an, „der größte deutsche Serienstart aller Zeiten“: Amazon hat kräftig die Werbetrommel gerührt für „You are wanted“, den Hacker-Thriller von und mit Matthias Schweighöfer. Darin wird der Schauspieler als Hotelmanager Lukas Franke von keinem Geringeren als Gott platt gemacht.

Berlin - Berlin ist tot. Zumindest sieht es so aus. Leichenblass liegt die Stadt da, vom großen Stromausfall dahingerafft. Kurz zuvor ist ein Rechner explodiert und ein brennender Mann hat sich aus einem Hochhausfenster gestürzt. Jetzt setzt der Herzschlag der Hauptstadt aus. Der Hotelmanager Lukas Franke kann da nur fassungslos vom Büro aus aufs morbide Straßenbild starren. Diesen Gesichtsausdruck darf Matthias Schweighöfer dann gleich aufbehalten. Denn so wird er als Lukas Franke von nun an sehr sehr oft dreinschauen müssen.

Stark also beginnt die Thriller-Serie „You are wanted“, bilderrauschend hebt an, was Fernsehgeschichte werden soll, wovon die Presse vorab lediglich zwei Folgen zu sehen bekam. Der Sechsteiler ist die erste deutsche Produktion des amerikanischen Streaming-Dienstes Amazon, dem Serienfans verfallen, weil er ähnlich wie der Konkurrent Netflix, mit seinem Angebot nie dem Mainstream gefallen will, abseitige Drehbücher durchwinkt und gern Aufsehen erregt.

Ein wenig verwundert es da schon, dass Amazon den „größten deutschen Serienstart aller Zeiten“ vertrauensvoll in die Hände von Matthias Schweighöfer legt, der zuverlässig die deutschen Kinokassen dann abfüllt, wenn er sich als Schauspieler durch doch eher durchschnittliche Stoffe kaspert. Amazon setzt aber nicht nur auf das Gesicht Schweighöfer, sondern auch auf den Regisseur, Produzenten, Showrunner. Kurz gesagt: Schweighöfer ist verantwortlich für das Ganze.

Der berühmte Blondschopf ist der Meinung, er könne Musik machen, ein komischer und ernster Schauspieler sein und nebenher gute Filme liefern. Er will den Pophimmel erobern und träumt gleichzeitig vom Oscar. Davon erzählt er oft und gern. Er will vielleicht zu viel. Das bekommt auch seine Serie „You are wanted“ zu spüren.

Fassungslos, fassungsloser, am fassungslosesten

In 200 Ländern, auf Portugiesisch, Hindi und Japanisch untertitelt ist Schweighöfer aktuell als Lukas Franke zu sehen, als Manager und Familienvater, der von Hackern böse aus seinem Bilderbuchleben gerissen wird. Eine Geliebte wird ihm angedichtet, er wird beim BKA in Terrorverdacht gebracht – und was ihm auch widerfährt, Franke guckt immer: fassungslos.

Der gemeine Hacker, der ihn auf sämtlichen digitalen Wegen zur Marionette macht, nennt sich am Smartphone Gott – drunter tut er es nicht. Und dieser Gott beobachtet Franke und seine Familie im Büro, Zuhause, auf Bahnsteigen, im Verhörzimmer, überall. Damit auch jeder Zuschauer kapiert, wie sehr die Manipulation digitaler Daten einem Menschen zusetzen kann, guckt Franke immer nur noch fassungsloser.

Hier geht es nicht um Systemkritik, hier geht es um das Schicksal eines Einzelnen. Und so gerät „You are wanted“ schnell zur One-Man-Show, garniert von einer Sekretärin, der das Model Toni Garrn die entsprechende Optik verpasst, von einer genauso hübschen und stark liebenden Ehefrau (Alexandra Maria Lara), der darüber hinaus keine weitere Gemütsregung anzumerken ist, und einer ebenfalls von Gott manipulierten hübschen Spielfigur (Karoline Herfurth), die in der zweiten Folge als Lara-Croft-Verschnitt allerdings ziemlich plump in Erscheinung tritt.

Der am Rande ganz sachte und eigentlich sehr fein gesponnene Handlungsfaden rund um die vermeintliche Geliebte Julia (Katrin Bauerfeind) wird von schwerfälligen Klischees schier abgerissen. Zumindest in den ersten beiden Folgen wird hauptsächlich die typisch deutsche Erzählweise vorgestellt – ganz nach dem Motto: Liebe Zuschauer im Ausland, wir denken immer brav an den denkbar dümmsten Glotzer, dem wir alles dutzendfach aufs Brot schmieren.

Und als wäre das noch nicht schlimm genug, will Schweighöfer auch dabei noch zu viel: Ein Workaholic trinkt in seinem Film nicht einfach nur literweise Muckefuck. So ein richtiges Arbeitstier kübelt sich Energy-Drinks in den Kaffee. Wenn eine BKA-Frau (Catrin Striebeck) echt menschenfeindlich und echt abseitig drauf sein soll, sagt sie Sätze wie „Ich denke lieber allein“ zu ihrem auch den Zuschauer nervenden Kollegen (Edin Hasanovic) und zieht so genüsslich an ihrer Zigarette wie an ihrem Asthma-Spray. Ein Ermittler-Duo wie aus dem schlechtesten „Tatort“.

Hacker sehen ungesund aus, fluchen und heißen Dalton

Der Tiefpunkt ist erreicht, als Franke sehr viele Treppen hinabsteigt, um der Hackerszene mal eben einen Besuch abzustatten. Natürlich hocken die paranoiden Nerds in einem düsteren Keller, rauchen Kette, zocken Ballerspiele, fluchen dreckig, sehen sehr ungesund aus und haben komische Namen wie Dalton. Es herrscht Chaos im Computerclub. Schlimmer ist fast nur noch wie sich die seltsame Bande nennt: Hacktivists.

Wem es bis hierhin noch nicht klar war: Frankes Leben liegt in Scherben. Deswegen sitzt er jetzt mit einem Gesichtsausdruck, der mit Fassungslosigkeit erneut ganz gut umschrieben ist, am Esszimmertisch und versucht, eine zerbrochene Vase zu kitten. „Geht nicht mehr“ oder irgendsowas Bedeutungsschwangeres haucht seine Frau.

Wird Franke es wenigstens schaffen, sein kaputtes Leben wieder zu kitten? Und wenn ja, wie? Das interessiert leider kaum. Spannender als der Inhalt sind Fragen wie: Wird Schweighöfer in den nächsten vier Folgen, den durchaus interessant angelegten Nebenfiguren endlich mal Platz machen? Wird er dabei ohne Klischees auskommen? Wird der Werbefilm für ziemlich dreist in Szene gesetzte Produkte – ein Auto aus dem Schwabenland, ein Energy-Drink, undundund – doch noch zum Thriller?

Der Informatiker und Bestseller-Autor Arno Strobel, der das Buch zur Serie geschrieben hat, sagte in einem Interview, am Ende werde das alles schon einen Sinn ergeben. Das wäre dann wirklich nicht das schlechteste. Da Amazon schon vor Jahren die viel gelobte Hacker-Serie „Mr. Robot“ ins Rennen geschickt hatte, wäre es außerdem vielleicht noch gut und nicht ganz so peinlich, wenn „You are wanted“ dem Thema noch Neues hinzufügen könnte. Statt bloß auf „Staatsfeind Nummer fünf“ zu machen. Oberprima: wenn Schweighöfer noch zu einem zweiten Gesichtsausdruck fände. Und die Serie vielleicht sogar doch noch überrascht. Nicht dass am Ende noch einer fasslungslos schauen muss. Der Zuschauer.

Die Serie ist von diesem Freitag an bei Amazon Prime Video abrufbar

Infos

Matthias Schweighöfer: Er wurde am 11. März 1981 in Anklam geboren. Er ist Synchronsprecher, Regisseur, Produzent und Sänger. Er gehört zu den beliebtesten deutschen Schauspielern und wird von den verschiedensten Magazinen entweder zum sexiest Man, zum coolsten Schauspieler oder zum Mann mit dem lausbubenhaftesten Lächeln gewählt. 1 922 573 Menschen haben seine Facebook-Seite abonniert, Til Schweigers 1 433 155.

„You are wanted“: Schon seit Wochen rührt Amazon die Werbetrommel für die Produktion, über deren Kosten nichts bekannt ist. Schweighöfers Serie wird in 200 Ländern zu sehen sein - dazu sollen auch die Antarktis, Ost-Timor oder die zu Neuseeland gehörenden Tokelau-Atolle gehören, nicht aber Nordkorea oder Iran. Ein gewisses Misstrauen begleitet die Markteinführung des neuen Produkts: Journalisten kamen vorab nicht in den Genuss der kompletten sechsteiligen Staffel, sondern ausschließlich zwei Episoden zu sehen, auf denen dann noch Logos prangten, um die Gefahr der Weiterverbreitung zu mindern. Auch bekamen einige Redaktionen Anrufe von zwischengeschalteten PR-Büros, ob ihr geplanter Artikel denn „positiv“, „neutral“ oder „negativ“ ausfalle.

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