Förderband im Amazon-Verteilzentrum in Darmsheim: mehr als 50 000 Pakete an einem Tag werden hier bearbeitet. Foto: /Stefanie Schlecht

An seinem Verteilzentrum in Darmsheim schlägt der Internetriese Amazon täglich zigtausende Pakete für die gesamte Region Stuttgart um. Die sorgsam berechnete Choreografie gehorcht einem strengen Takt, den vor allem die Fahrer zu spüren bekommen.

Maja ist immer noch gut gelaunt. Die Amazon-Mitarbeiterin schiebt zwar schon seit 1 Uhr Nachtschicht im Darmsheimer Verteilzentrum des weltgrößten Versandhändlers. Doch jetzt schrillt die Glocke. Auf Englisch ordnet eine Computerstimme eine 30-minütige Pause an: Um kurz nach neun ist das Gros der nächtlichen Paketflut erst einmal abgearbeitet. Vor dem nächsten Prozessschritt können die Mitarbeiter durchschnaufen. Das Verteilzentrum in dem Sindelfinger Teilort ist eines von 60 des Internetriesen in Deutschland.

 

Die gigantische Flut an Kartons ergießt sich täglich über drei Stufen in das Land: Vom Logistik- über das Sortierzentrum und schließlich zu den Verteilzentren wie dem in Darmsheim, wo die zigtausend Lieferungen nach einem genau berechneten System auf die grauen Amazon-Transporter verladen werden. Von hier aus schwärmen sie aus bis nach Pforzheim und Schorndorf im Norden und nach Horb am Neckar und Bad Urach im Süden – also in die gesamte Region Stuttgart.

Fast am Ziel: In den farbigen Packtaschen geht es in die Lieferautos. Foto: Stefanie Schlecht

Und das nach einem streng auf Effizienz und Zuverlässigkeit getrimmten System. „Im groben Schnitt laufen hier jede Nacht 50 000 Pakete über die Bänder“, sagt die Standortleiterin Stella Shah. Die 5900 Quadratmeter große Halle dient als gigantischer Umschlagplatz: Jede Nacht ab 2 Uhr rangieren zehn bis zwölf 40-Tonner nacheinander an die Rampe und spucken ihre Paketfracht aus. Maja und ihre Kollegen haben im ersten Schritt die simple Aufgabe, die Kartons mit dem Barcode nach oben auf die Förderbänder zu legen.

Die gemeinsame Playlist spielt „Eye of the tiger“

„Ich mag es wirklich, hier zu arbeiten“, sagt die gebürtige Kroatin Maja auf Englisch, das hier die gängige Arbeitssprache ist. Popmusik aus großen Lautsprechern an der Decke übertönt das Rattern der Förderbänder. Gerade läuft „Eye of the tiger“ von Survivor. „Das ist unsere gemeinsame Spotify-Playlist“, sagt die Standortleiterin Shah. Jeder Mitarbeiter darf Liedwünsche einspielen. Maja stehe zwar erst seit dem vergangenen November bei Amazon unter Vertrag, im Januar habe sie ihn aber verlängern und in die Nachtschicht wechseln können, berichtet sie freudig.

Bezahlt wird mehr als zwei Euro über Mindestlohn: 15,05 Euro pro Stunde. Nach zwei Jahren sind es 17,65 Euro. „Kurzzeitig befristete Verträge sind gängige Praxis“, sagt die Standortleiterin. „Wir haben einen Grundstock von ungefähr 120 Angestellten, aber zu Hochzeiten wie Weihnachten oder Ostern steigt die Zahl auf bis zu 180.“ Die Zahl der Mitarbeiter atmet im Takt der Online-Bestellungen. Einen Betriebsrat gebe es in Darmsheim nicht, die Initiative müsse von den Mitarbeitern ausgehen. „Doch wenn es diese Bestrebungen gibt, unterstützen wir das natürlich“, sagt Amazon-Pressesprecher Steffen Adler.

„Uns geht es nicht darum, möglichst viele Pakete auf einmal zu verarbeiten“, sagt Stella Shah. „Stattdessen versuchen wir, einen gleichmäßigen Durchfluss zu schaffen, den sogenannten Flow.“ Auf einem Computerbildschirm sieht sie die Zahl der kommissionierten Sendungen: Um 5.40 Uhr zeigt das Diagramm eine Lastspitze, gegen 9.05 Uhr ist eher Flaute. „Eigentlich ist es so nicht ganz ideal, die Compliance-Quote lag heute etwas unter dem Schnitt.“ Zahnrad soll in Zahnrad greifen, jeder Handgriff sitzen. Zwischen zwei und zwölf Stunden befinde sich ein Paket in der Halle.

Amazon-Fahrer beim „Loading“ Foto: Stefanie Schlecht

Dann beginnt von Neuem ein sorgsam choreografiertes Ballett: Um Punkt 10.07 Uhr reihen sich in der sogenannten „Loading Area“ seitlich neben der Halle die Zustellfahrzeuge in einer Warteschlange auf. Sechs Reihen zu je vier Autos, passend gestaffelt für möglichst kurze Laufwege, Warnblinker an. Nach einem Startsignal rollen die Fahrer ihre zugeteilten Packwagen hinter den Laderaum, wuchten die Packtaschen nach innen, holen die zweite Fuhre und starten keine acht Minuten später beladen und abfahrbereit ihre Motoren. Eine Mitarbeiterin mit Trillerpfeife gibt jedem sein Startsignal: Auto für Auto rollt wieder vom Hof.

An Weihnachten fahren bis zu 300 Transporter vom Hof

An normalen Tagen verlassen rund 160 Transporter das Verteilzentrum in Darmsheim. „Rund um Weihnachten sind es auch mal 300“, sagt Stella Shah. Jeder von ihnen ist im Schnitt mit etwas mehr als 200 Paketen beladen, die in einer Acht-Stunden-Schicht ausgeliefert werden müssen. Macht konservativ gerechnet zwei Minuten und 24 Sekunden je Paket, Pausen nicht mitgerechnet. „Das klingt im ersten Moment nach einer sehr knappen Taktung, aber an einigen Stopps stellen die Fahrer mehrere Pakete auf einmal zu“, sagt Steffen Adler. Dennoch: Gemächlich ist etwas anderes.

Ein Lied davon singen kann Marian Schirmer von der katholischen Betriebsseelsorge in Böblingen. „Die Ausliefer-App von Amazon verfolgt in Echtzeit, wie schnell die vorgegebene Route absolviert wird. Verweilt ein Fahrer länger als vorgesehen an einem Ort, ruft der Vorgesetzte an und erkundigt sich“, sagt Schirmer. „Manch einer fühlt sich so unter Zeitdruck, dass er sich nicht mal Zeit für den Toilettengang nimmt.“ Schirmer kennt Erzählungen, laut denen die Fahrer ihre Notdurft daher lieber in eine mitgebrachte Plastikflasche verrichteten.

Vorsortierte Packtaschen Foto: Stefanie Schlecht

Schirmer: „Es gibt auch Lieferpartner, bei denen die Fahrer sehr zufrieden sind und bei denen ordentlich nach Mindestlohn abgerechnet wird.“ Doch vereinzelt gebe es schwarze Schafe, die die Not der Fahrer ausnutzten. Viele von ihnen seien der deutschen Sprache kaum mächtig, wüssten nicht, was sie unterschrieben. Problematisch sei etwa die Wohnsituation: „Manche der Fahrer wohnen sogar in den Unterkünften der Subunternehmer, die Miete für das Vierbettzimmer wird sogleich wieder vom Lohn abgezogen.“ Strafzettel oder Dellen am Fahrzeug müssten selbst bezahlt werden.

Amazon verweist darauf, seit 2021 mit sieben festen Lieferpartnern zusammenzuarbeiten – und die Vorgaben zur Arbeitssicherheit streng zu kontrollieren. „Unser Paketscanner in den Fahrzeugen schaltet spätestens nach sechs Stunden ab, dann ist eine gesetzliche Pause vorgegeben“, sagt Steffen Adler. Außerdem seien 90 Prozent aller Touren im Zeitplan oder sogar früher absolviert. Die Amazon-App gebe den Fahrern hilfreiche Hinweise zu nahe gelegenen Toiletten, Gefahren wie bissigen Hunden oder Einkaufsmöglichkeiten. Eine Kooperation mit Shell erlaube einen Gratis-Toilettengang an den Tankstellen sowie ein vergünstigtes Kaffeeangebot.

Dennoch sorgt sich Marian Schirmer um die Arbeitsverhältnisse und das Ansehen der Paketfahrer. „War ein Postbeamter einst ein angesehener Beruf, sind die Beschäftigungsverhältnisse der Amazon-Fahrer oft prekär.“ Kaum einer wolle heute noch für eine Lieferung etwas extra bezahlen, Versandkosten seien selbstverständlich Inklusivleistungen, sagt er. In der Initiative Faire Mobilität Stuttgart versuche er, Kontakt zu den Fahrern aufzubauen. Das sei allerdings schwierig: „Die sind ja ständig unterwegs.“

Amazon in Darmsheim

Standort
Das Amazon Verteilzentrum in Sindelfingen-Darmsheim ging am 29. September 2021 in Betrieb und hat eine Größe von rund 5900 Quadratmetern.

Auslieferung
Amazon arbeitet mit lokalen und unabhängigen Geschäftspartnern in der Zustellung zusammen. Täglich sind rund 190 Fahrzeuge von sieben Lieferpartnern für Amazon in der Region im Einsatz, sagt das Unternehmen.