Die Stuttgarter Schauspielbühnen zeigen Peter Shaffers „Amadeus“. Das Stück über den Konflikt zwischen dem eifersüchtigen Asketen Salieri und dem vulgären Wunderkind Mozart ist ein Dauerbrenner – bei der Premiere zeigt sich aber auch, dass es etwas in die Jahre gekommen ist
Stuttgart - Im Alten Schauspielhaus kann man sie jetzt wieder hören und sehen: die theatrale Beichte des Komponisten Antonio Salieri, der Mozart aus Konkurrenzneid ermordet haben will.
Natürlich: Alles Lüge! Warum sollte ein erfolgreicher Komponist einen weniger erfolgreichen Konkurrenten umbringen, wie es uns Peter Shaffer in seinem 1979 uraufgeführten Drama „Amadeus“ weismachen will? Umgekehrt hätte es eher Sinn ergeben: Dann hätte Mozart Salieri aus dem Weg geräumt. Salieri besetzte schließlich den begehrten Posten des Chefkompositeurs am Hofe Joseph II., während sich Mozart freiberuflich herumschlagen musste. Und das gar nicht so schlecht: Durch Klavierunterricht, Auftragswerke und eigene Konzerte verdiente er gut. Er lebte bloß über seine Verhältnisse und hinterließ seiner Frau Constanze deshalb neben einem Billardtisch und teuren Kleidungsstücken à la mode vor allem Schulden.
Aber der aufkommende Geniekult, der frühe Tod Mozarts, das von ihm selbst in die Welt gesetzte Gerücht einer Vergiftung durch fremde Hand – all das ließ nach dem Ableben der beiden Komponisten – Mozart starb 1791, Salieri 1825 – eine Legendenmixtur aufkochen, die den erfolgreicheren Salieri zum kriminellen Neider, fiesen Mobber und miesen Tonsetzer abstempelte. Eine krasse Verunglimpfung eines international erfolgreichen, äußerst produktiven und großen Opernkomponisten, der vor allem eines nicht war: mittelmäßig.
Fäkalerotisierendes Geschöpf
Der literarische Rufmord des Italieners begann 1831 mit Puschkins Drama „Mozart und Salieri“, mit Shaffers Stück endete er fürs Erste. Wobei „Amadeus“ nach wie vor musikgeschichtsverfälschend virulent bleiben darf. Es wird bis heute – auch dank der oscarprämierten Verfilmung – gerne gespielt. Ein „well-made play“, das trotz vieler Plattitüden, aber dank sauberer Spannungskurve, pointierten Dialogen und Monologen und spielwutbefeuernden Charakteren für gute Unterhaltung sorgen kann.
Salieris Theater-Beichte funktionierte deshalb jetzt auch wieder im Alten Schauspielhaus. Das maskierte Premieren-Publikum im voll besetzten Theatersaal jubelte am Ende. Wolfgang Seidenberg in der Rolle des Salieri hat sein Publikum in der Tasche. Als „Patron aller Mittelmäßigen“ macht er sich am Ende gemein mit den Zuschauern – nachdem er zwei Stunden lang Mozart als ein gutgläubiges, albernes, fäkalerotisierendes „Geschöpf“ bloßgestellt hat, das es gar nicht verdiene, von Gott mit solchen Gaben beschenkt worden zu sein.
Kehliges Pumuckl-Lachen
Aber die Frage steht heute im Raum, ob das Stück wirklich noch zeitgemäß ist. Sollte man in Zeiten von Fake-News und Verschwörungstheorien nicht kritischer mit dem Plot umgehen? Sollte man das Stück nicht an den entscheidenden Stellen mal aufbrechen und mit der Wahrheit konfrontieren? „Amadeus“ als pfiffige Studie zur Mythenbildung präsentieren? Könnte ein spannender Abend werden.
Aber der Regisseur Udo Schürmer und sein Team haben sich entschieden, die Klischees, Lügen und Legenden rund um Mozart weiter zu bedienen. Und so darf Seidenberg den Salieri als überlegenen Strippenzieher und intriganten Fiesling spielen und Delio Malär einen Mozart, den Shaffer als albernes Meerschweinchen und bei aller Naivität und Lüsternheit auch ziemlich arrogante Rampensau charakterisiert hat. Beide Darsteller legen sich ins Zeug, machen ihre Sache gut. Der Schweizer Delio Malär brilliert gar durch Mehrsprachigkeit und einen besonders anrührenden Theatertod. Realistisch spielt er den allmählichen Verfall Mozarts. Sein kehliges Pumuckl-Lachen, das alle „Amadeus“-Mozart-Darsteller an den Tag zu legen pflegen, ist ihm da bereits im Halse steckengeblieben.
Witzfiguren mit Puder-Perücken
Schade, dass Kaiser Joseph II. (Martin König) und seine Entourage lediglich als alberne Witzfiguren zu erleben sind. Kristin Hansen spielt Mozarts Gattin Constanze in ihrer Mischung aus jugendlicher Unbekümmertheit, Bodenständigkeit, ihrem pragmatischen Sinn für die geschäftlichen Dinge dagegen überzeugend, während Nikolaij Janocha und Gideon Rapp als „Venticelli“, Salieris Spitzel, recht bodenständig als Dienerfiguren agieren.
Die Ausstatterin Barbara Krott setzt auf die Intimität eines Kammertheaters. Die Bühne ist praktikabel bestückt: mit rotem Auftrittsvorhang und hübsch tapezierten Säulen, einem stummen Hammerflügel in der Mitte. Man spielt mit Puder-Perücken und in schicken Kostümen, die der adligen Galakleidung der Mozart-Zeit nachempfunden sind. Wie in „Amadeus“-Produktionen meist üblich, wird auf Effekte gesetzt, wenn Mozart-Musik aus den Boxen donnert. Während Mozart dahinsiecht, erklingt gar das Lacrimosa aus seinem Requiem. Auch so ein Fake: Vom Lacrimosa schaffte Mozart gerade noch die ersten acht Takte. Der Rest stammt von seinem Schüler Franz Xaver Süßmayr.