Vergangene Woche verwandelte sich der Hoppenlau-Friedhof in ein Filmset. Die Stars Gerrit Klein (links) und Sam Riley standen dort im Fokus der Dreharbeiten für den Kinofilm „Cranko“. Foto: Zeitsprung Pictures

Die Dreharbeiten für den Kinofilm „Cranko“ führen quer durch Stuttgart. Schauspieler Sam Riley zeigt vor Friedhofskulisse, wie nah dran er am Drama des Ballettgenies ist.

Ein Ufo überm Friedhof? Dazu steht der Lichtball zu still. Den künstlichen Vollmond hat die Crew um Regisseur Joachim A. Lang vergangene Woche in den Himmel steigen lassen; er tauchte die Dreharbeiten für den Kinofilm „Cranko“ in fahles Licht. Normale Scheinwerfer waren tabu, sie hätten die Hoppenlau-Fledermäuse gestört. Doch zum Drama, das sich unter ihm abspielt, passte der Kunstmond perfekt.

 

„Alexander!“, gellt ein verzweifelter Ruf über die Gräber. Langs Film will John Cranko nicht nur als genialen Tanzmacher zeigen, dem von Stuttgart aus ein Ballettwunder gelang. Quer durch die Stadt begibt sich der Film auf die Spuren eines Menschen, der neben Höhenflügen auch depressive Phasen kannte, der vergebens nach der großen Liebe suchte. Solitude, Bismarckturm, Opernhaus waren Stationen des Filmtrosses im Lauf der Woche.

Kunstvollmond am Filmset Foto: ak

Beim Dreh auf dem Friedhof liegen Glück und Leid eng beieinander. Alexander heißt Crankos große Liebe im Film; der britische Schauspieler Sam Riley, der John Cranko spielt, und sein deutscher Kollege Gerrit Klein geben in einer ersten Szene am Nachmittag ein übermütiges Paar, das widerstrebend die Hände löst, als ein Passant den Weg kreuzt. Unterm Mond folgt dann das Drama der Trennung: Alexander gibt dem Druck seiner Familie nach; Cranko bleibt einsam rufend zurück.

Frisuren machen den Zeitsprung perfekt

Nach wenigen Durchläufen ist die Szene aus mehreren Perspektiven abgedreht. Auf die nächste wartet bereits der Tänzer Henrik Erikson, mit einem Daunenmantel gut gegen die Kälte geschützt und mit prächtigem Haarschopf in der Rolle als Egon Madsen verblüffend nah am Original. Er wird die Kränkung des Verlassenen sichtbar machen: Zwischen den Gräbern tanzt er als Lenski ein paar Schritte aus „Onegin“, den Tod vor Augen.

„Cranko war ein Künstler, der die Wirklichkeit tiefer erfassen konnte, als es ein fotografisches Abbild möglich macht“, sagt Joachim A. Lang. Immer wieder sollen deshalb im Film Kunst und Realität ineinanderwirken, erläutert der Regisseur in einer Drehpause, liest dafür fast atemlos die ersten Anweisungen aus dem Skript: Cranko im Flugzeug 1960 nach Stuttgart, die Kamera schaut ihm tief in die Augen, blendet über in die Augen des Künstlers als Kind, das aus Pfeifenreinigern Bühnenfiguren und eine Szene formt, die sich dann in einem Tanz aus „Onegin“ spiegelt, während auf der Straße vor Crankos Elternhaus in Südafrika die Gewalt des Apartheid-Regimes zuschlägt...

„Cranko“ zeigt Tanz aus ungewöhnlicher Perspektive

In schnellen Schnitten und Zeitsprüngen führt Lang seinen Protagonisten ein. Sein Film, der die Zuschauer in ungewöhnlichen Perspektiven mit auf die Bühne nimmt, soll nicht nur Tanzfans ansprechen. „Ich möchte Menschen fürs Ballett, für die Kunst und für Künstlerinnen und Künstler sensibilisieren“, sagt Lang, „Cranko steht für andere, die ähnlich genial und verzweifelt waren, für die Popstars, die zu früh gestorben sind.“

Sam Riley Foto: dpa

Nicht nur Lang ist überzeugt, mit Sam Riley den perfekten Hauptdarsteller gefunden zu haben. Auch Reid Anderson, einst Tänzer und Mitbewohner Crankos, äußert sich begeistert, als er abends am Set auftaucht: „Sam Riley ist ein Geschenk des Himmels und kann sich tatsächlich wie John Cranko bewegen – als wäre der wieder lebendig.“

Ein perfekter Cranko, nur die blauen Augen fehlen

Riley, der in Berlin lebt, spricht wie Cranko gut Deutsch, mit Koteletten und wehender Mähne kommt er dem Choreografen auch optisch nah – nur die stechend blauen Augen fehlen. Farbige Kontaktlinsen hätten sein Spiel und seinen Ausdruck gestört, berichtet der Brite von den ersten Proben. Im Film wird Cranko also braune Augen haben, Sam Riley will ihm trotzdem sehr nah kommen: „Ich habe schon in meinem ersten Kinofilm ,Control‘ mit Ian Curtis, dem Sänger der Band Joy Division, eine echte Person gespielt“, antwortet Riley auf die Frage, wie er sich auf ein Biopic vorbereite. „Über Videos und viel Lektüre habe ich mir Cranko erarbeitet, aber dann muss der Moment kommen, in dem ich mich öffne und er hoffentlich in mir ist.“

Crankos Stars spielen Mitglieder des Stuttgarter Balletts, Sam Riley genießt die ungewöhnliche Zusammenarbeit. „Die sind alle super gecastet und kennen sich bestens aus mit den Gefühlen und der Performance im Stil Crankos“, sagt er. „Sie helfen mir, wenn es ums Ballett geht. Und ich helfe ihnen, keine Angst vorm Sprechen zu haben und vor der Kamera so relaxt wie möglich zu sein.“ Trotzdem ist er froh, nicht selbst tanzen zu müssen. „Das mit Crankos Zigaretten- und Alkoholkonsum bekomme ich hin; aber zum Glück war er ein schlechter Tänzer“, sagt Riley und lacht.

Jüngeren eröffnet sich eine neue Welt

Henrik Erikson ist einer der Tänzer, der von der Zusammenarbeit mit dem berühmten Schauspieler profitiert. Nach den ersten Drehtagen sei er sehr viel weniger aufgeregt. „Es ist ein besonderes Erlebnis und macht unglaublich Spaß, in die Vergangenheit zu reisen“, sagt der Schwede. „Die Arbeit am Film hat mir eine neue Welt eröffnet und ich habe Dinge über das Stuttgarter Ballett erfahren, von denen ich bislang nichts wusste.“ Gründe genug sich auf den Film zu freuen, der nächstes Jahr ins Kino kommen soll.

Info

Zahlen
Nur 25 Drehtage für 120 Minuten Kino: „Cranko“ entsteht mit vergleichbar kleinem Aufwand. Rund 75 Menschen umfasst das technische Team, produziert wird der Film von Zeitsprung Pictures in Ko-Produktion mit dem SWR. Geld gab es unter anderen von der Filmförderung in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, gedreht wurde auch in Köln.

Cast
Als Wegbegleiter Crankos, den Sam Riley spielt, sorgen Akteure wie Max Schimmelpfennig (Dieter Gräfe), Hanns Zischler (Walter E. Schäfer) und Lucas Gregorowicz (Fritz Höver) für Aufmerksamkeit. Vom Stuttgarter Ballett sind Jason Reilly als Ray Barra, Elisa Badenes als Marcia Haydée, Rocio Aleman als Birgit Keil, Martí Fernández Paixà als Richard Cragun, Friedemann Vogel als Heinz Clauss und Henrik Erikson als Egon Madsen dabei.

Regisseur
Joachim Lang begleitete als SWR-Redakteur das Stuttgarter Ballett und hat auch die DVD-Aufnahmen der drei großen Cranko-Ballette verantwortet. Mit Stuttgarter Unterstützung hatte er bereits „Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm“ realisiert, Gauthier Dance übernahm die tänzerischen Parts.