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Altern ist mit geistigem Abbau verbunden – Die Folgen lassen sich laut Hirnforschern aber mindern. Die sich am Welt-Alzheimer-Tag stellt, ist aber: Was hilft wirklich?

Stuttgart - Ein tausendfach genannter Name, ein Wort oder ein Liedtitel liegt auf der Zunge, aber man kommt einfach nicht darauf. Jeder kennt diese kleinen Ausfälle des Gedächtnisses, die im Alter zunehmen. Es liegt an den Nervenzellen im Gehirn, die nach und nach absterben. Dies hat sogleich Folgen für das Gedächtnis. Haben junge Erwachsene noch rund 170 000 Kilometer Nervenfasern, so ist bei 90-Jährigen davon nur noch knapp die Hälfte übrig. Der geistige Abbau gehört zum Altern dazu, sagt der Neuropsychologe Hans J. Markowitsch von der Uni Bielefeld. Seit 40 Jahren beschäftigt er sich mit der Hirnforschung.

Und doch schreitet der geistige Verfall bei manchen schneller fort als bei anderen: Ihnen entfallen nicht mehr nur einzelne Namen, sondern gar vergangene Ereignisse. Einst vertraute Menschen, Orte und Gewohnheiten werden ihnen fremd – am Ende auch sie sich selbst.

Rund 1,2 Millionen Bundesbürger sind dement

Demenz zählt zu den häufigsten Leiden des Gehirns. Allein in Deutschland beginnt Jahr für Jahr bei rund 250 000 Menschen der geistige Verfall, gegenwärtig gelten rund 1,2 Millionen Bundesbürger als dement. Bis zum Jahr 2030, so schätzt das Bundesministerium für Gesundheit, könnte die Zahl der Demenzkranken auf 1,3 bis 1,8 Millionen anwachsen.

Die Alzheimerkrankheit ist nur eine von vielen Formen der Demenz, wenn auch die häufigste. Hirnforscher gehen davon aus, dass rund die Hälfte aller dementen Menschen an Alzheimer leidet – einer Degeneration des Hirngewebes, die sich immer weiter fortsetzt. Aber auch Durchblutungsstörungen infolge von Schlaganfällen, Infektionen sowie Suchterkrankungen können geistige Verwirrung nach sich ziehen, ebenso erbliche Krankheiten wie die Huntington-Krankheit – früher auch Veitstanz genannt – oder die Wilson’sche Krankheit. Auch Mischformen sind nicht selten.

„Es gibt aber auch heilbare Formen der Demenz“, so Markowitsch. Dabei handelt es sich um sogenannte sekundäre Demenzen, die Folgeerscheinungen anderer Erkrankungen wie beispielsweise Stoffwechselstörungen, Depressionen oder Vitaminmangel sind. Allerdings machen diese nur einen kleinen Teil der Demenzerkrankungen aus, ergänzt der Forscher.

Doch auch wenn die Diagnostik mittlerweile sehr weit fortgeschritten ist, so ist die Wissenschaft bei der Therapie von Demenz und insbesondere der Alzheimerkrankheit gescheitert. „Von 130 000 Neurowissenschaftlern forschen weltweit 25 000 über Alzheimer; auf 1000 Alzheimerpatienten kommt ein Forscher – aber wir haben bis heute keine Therapien“, gab unlängst einer der weltweit führenden Alzheimerforscher, Konrad Beyreuther, zu. Die Pille oder gar den Impfstoff gegen das Vergessen wird es wohl in naher Zukunft nicht geben. Der größte Risikofaktor, das Alter, ist eben nicht zu beeinflussen - ebenso wenig wie die genetische Veranlagung für das Leiden. „Aber wir werden Medikamente bekommen, die den Alzheimerprozess verlangsamen“, sagt Beyreuther. Damit könnten die Menschen vor dem Eintritt in die schwersten Stadien der Krankheit bewahrt werden.

Dicke Menschen anfälliger für Demenz

Das bedeute nicht, dass es nicht möglich sei vorzubeugen. So kommt es, dass manche Menschen trotz ihres genetischen Risikos niemals erkranken, andere dagegen dement werden, obwohl ihre Erblast eigentlich gering ist. Wissenschaftler gehen dabei von dem sogenannten Diathese-Stress-Modell aus – dem Zusammenspiel der genetischen Veranlagung (Diathese) und den äußeren Faktoren (Stress), die der Mensch mal mehr, mal weniger kontrollieren kann: „Es gibt Studien, die zeigen, dass Menschen, bei deren Geburt Komplikationen aufgetaucht sind, anfälliger sind für Demenz“, sagt Markowitsch. Auch Hirnschäden, die man aufgrund eines Unfalls oder einer Krankheit erlitten hat, erhöhen das Risiko. Das zeigte eine erst kürzlich veröffentlichte Langzeitstudie bei Footballspielern.

Zu den leichter beeinflussbaren Faktoren gehört die Ernährung. So sind viele Hirnforscher davon überzeugt, dass eine gesunde, fettarme Ernährung helfen kann, eine Demenz hinauszuzögern. Im August veröffentlichten französische Forscher eine Studie, nach der dicke Menschen, die ansonsten gesund sind, vergleichsweise anfällig seien für kognitive Störungen, die auf Dauer zu einer Demenz führen könnten.

Ginkgo zeigt keinen Effekt

Extrakte aus Ginkgo wiederum, die lange als Antidementia gehandelt wurden, haben laut Studien keinen Effekt gezeigt. Auch von Nahrungsergänzungsmitteln wie Vitamin-Präparaten rät der Hirnforscher Markowitsch ab. Er kenne zwar Leute, darunter auch Wissenschaftler, „die darauf schwören“, sagt er. „Doch es gibt keinen Nachweis, dass diese Präparate helfen.“

Anders sieht es wiederum mit ausreichender Bewegung aus. Ausdauersportarten und Tanzen steigern die Durchblutung des Gehirns und lassen Nervenkontakte sprießen. Zudem wird weniger Alzheimer-Amyloid im Gehirn eingelagert. Auch wer gut schläft, Stress vermeidet und sich um Freunde und Familie kümmert, vergisst weniger schnell.

Die Vorbeugung gegen Demenz ist eben ein Langzeitprojekt, das nicht erst im Alter begonnen werden sollte. Wer ein geistig und sozial aktives Leben führt, hat seltener unter einem geistigen Zerfall zu leiden. Wissenschaftler sprechen von „kognitiver Reserve“. Auch Markowitsch hält es für möglich, dass diese Menschen die Demenz länger hinauszögern können. Aber: Erkranken sie dann doch an Demenz, so zeigen Studien, dass diese Menschen unter Umständen schneller geistig abbauen als der Schnitt.

Das Risiko, an Demenz zu erkranken, wird nie verschwinden. Aber wer sich viel bewege und gesund ernähre, mache nie etwas falsch, sagt Markowitsch.

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