Parteimitglieder bei der NS-Sonnwendfeier im Juni 1923 auf dem Teckberg. Foto: Horst Rudel

Der Historiker Steffen Seischab beleuchtet den Altkreis Nürtingen im Spannungsfeld von Kommunisten und Nazis. Die Stadt Owen war eine Hochburg der NSDAP.

Frickenhausen - Wie generell in Württemberg, so versuchten die Nazis auch in der Gegend von Kirchheim und Nürtingen früh Fuß zu fassen. Wer waren hier die Nationalsozialisten der ersten Stunde und was war ihre Motivation? Diesen Fragen spürt Steffen Seischab in seinem neuen Buch „Land um Teck und Neuffen – zwischen Nazis und Kommunisten“ nach. Das zweite Hauptthema widmet der Historiker aus Frickenhausen-Linsenhofen den Erzfeinden der Nazis – den Kommunisten.

„Wer zur Frühgeschichte der NSDAP im Altkreis Nürtingen recherchiert, kommt an Owen nicht vorbei“, erklärt Steffen Seischab. Die Stadt gilt als ehemalige Nazi-Hochburg. Bei gerade einmal 1600 Einwohnern brachte es der Ort auf rekordverdächtige 17 Träger des Goldenen Parteiabzeichens, und bei den Reichstagswahlen 1932 stimmten mehr als zwei Drittel der Owener Wähler für die NSDAP. Als Adolf Hitler 1924 in Landsberg inhaftiert war, erreichte ihn in dieser Zeit „ein Korb Owener Kirschen, ein gebackenes Hakenkreuz und ein Rosenstrauß“.

Bis heute werden die dunklen Jahre totgeschwiegen

Einer der Owener Getreuen war Paul Nilli, dessen Gasthof Post zum Treffpunkt der Nazis wurde. Von der „Kommandozentrale“ Owen aus, so Steffen Seischab, brachen Parteimitglieder wie beispielsweise die Kirchheimer Brüder Walter und Hans Olpp zur „Missionsarbeit“ ins Lenninger Tal auf, um nationalsozialistische Propaganda zu verteilen, unter anderem in der Lenninger Papierfabrik Scheufelen. Nach der Entnazifizierung schien Paul Nilli ein „gebrochener Mann“ gewesen zu sein, der sich im Jahr 1952 das Leben nahm.

Steffen Seischab, der bereits an dem Buch „Nürtingen 1918-1950“ mitgearbeitet hat, schließt mit seinen Recherchen nicht nur Lücken in der Geschichtsschreibung der Raumschaft, sondern er stellt darüber hinaus die Entwicklungen und Geschehnisse auf lokaler Ebene in einen größeren regionalen und überregionalen Zusammenhang. Bei aller Akribie stößt indessen auch der Autor an Grenzen. Die Blütezeit der Nazis in Owen beispielsweise, die „leuchtturmartig in die ganze Region ausgestrahlt“ habe, sei „nie richtig aufgearbeitet worden“, und werde es aufgrund der schlechten Aktenlage vielleicht auch nie. In Owen werde zu dem Thema „vielfach nur ahnungsvoll geraunt. Dabei wäre so viel zu berichten gewesen. Wenn es ein beredtes Schweigen gibt, dann dieses. Zeit es zu beenden“, fordert Steffen Seischab.

Vortrag im Museum über den Kommunisten Ludwig Knauß

In weiteren Kapiteln widmet sich der Historiker den Kommunisten, die den Gegenpart zu den Nationalsozialisten bildeten. Auch hier veranschaulicht der Autor Entwicklungslinien anhand von Personen. Das Schlusskapitel gehört Ludwig Knauß. Exemplarisch schildert Steffen Seischab anhand der Vita des Nürtingers, unter welchen Bedingungen sich junge Menschen der kommunistischen Bewegung anschlossen und dann im Dritten Reich den Weg in den Widerstand wählten.

  
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