Die Pflanzen sind im Frühlingsmodus, wie hier in der Blosenbergstraße in Leonberg. Foto: factum/Granville

Ist das wirklich Dezember? Es fühlt sich eher an wie März. Bunt blühen Frühlingsblumen auf den Wiesen, die Sonne strahlt, und über Weihnachten war kaum eine dicke Jacke vonnöten. Wie aber reagieren Pflanzen und Tiere darauf?

Leonberg – Ist das wirklich Dezember? Es fühlt sich eher an wie März. Bunt blühen Frühlingsblumen auf den Wiesen, die Sonne strahlt, und über Weihnachten war kaum eine dicke Jacke vonnöten. Wie aber reagieren Pflanzen und Tiere darauf? Wir haben uns im Altkreis bei den Experten dazu umgehört.

Die Meteorologen Die Wetterstation auf dem Ihinger Hof bei Malmsheim zeichnet seit 2011 unter der Leitung von Markus Pflugfelder von der Uni Hohenheim Wetterdaten auf. Der Dezember ist mit 6,4 Grad im Durchschnitt der wärmste seither gemessene. Im Vorjahr waren es 2,7 Grad, oft lag der Mittelwert sogar unter zwei Grad. Rekord auch bei der Trockenheit: Nur fünf Regentage wurden verzeichnet, sonst waren es bis zu 23.

Die Landwirtschaft Andreas Kindler ist hin- und hergerissen. Unterhalb seines Renninger Hofes stehen die Gersten-Ähren in voller Pracht. Man könnte fast noch einmal ernten. „Einerseits freuen wir uns, weil es in den Milchviehställen warm ist“, lacht er. Auch sparen die Landwirte Sprit – weil der Boden so trocken und rissig ist, können sie ihn mit den Pflügen wie Butter umwälzen. „Wir bräuchten aber jetzt dringend richtigen Winter mit viel Schnee“, sagt Kindler. Die Trockenheit dauert seit Sommer an.

Zudem sieht Kindler Schnaken umherschwirren. Bei einem milden Winter fürchtet er später Heerscharren von Schädlingen. Frost ohne Schnee bedeute zudem starke Schwankungen der Temperatur bei Tag und Nacht: „Der Boden dehnt sich aus und zieht sich zusammen, dabei reißen die Wurzeln der Winterkulturen ab.“

Die Obstanbauer Albert Kaspari sieht in seinem Garten Gänseblümchen, Primeln und sogar Malven blühen. Der Vorsitzende des Obst- und Weinbauvereins Eltingen-Leonberg freut sich natürlich, mit seiner Verwandtschaft über die Feiertage sonnige Spaziergänge machen zu können. Als Vereinschef aber blickt er auf die Frühblüher mit Sorgen: „Bei Zwetschgen, Pfirsichen und Aprikosen ist der Saft schon gekommen. Wenn es jetzt kalt wird, könnten sie Probleme bekommen.“ Bei Apfel, Birne oder Kirsche sieht er hingegen kaum Probleme. „Zwar haben sich die Knospen vergrößert, aber das bildet sich wieder zurück, wenn Frost kommt“, ist sich Kaspari sicher.

Apropos Frost: Ein paar Grad unter Null sind für die Obstbäume kein Problem, wohl aber ein Temperatursturz von 10 bis 15 Grad. Wegen Schädlingen macht sich Kaspari keine Sorgen: „Wir haben schon im September Leimringe an die Bäume geklebt.“ Die verhindern, dass die Falter-Weibchen hochklettern und sich vermehren.

Die Tierschützer Giesela Mayer, die Vorsitzende des Ditzinger Tierschutzvereins, kümmert sich gerade um Dutzende von Igeln, die sie im Tierheim betreut. „Sie fressen sich bis zum Winter einen Fettvorrat von 600 Gramm an“, berichtet sie. So können die Stacheltiere bis März durchhalten. Durch den extrem niedrigen Stoffwechsel im Winterschlaf verbrauchen sie nur zwei Gramm pro Tag. „Wenn es aber nicht kalt ist, wachen sie immer wieder auf, und verbrauchen mehr“, erzählt Mayer. Weniger Probleme haben Katzen und Hunde – deren Fell passt sich den Temperaturen schnell an.

Das gilt aber nicht für Kaninchen, die ein dichtes Unterfell entwickeln. „Denen ist es jetzt auf jeden Fall zu warm“, sagt Giesela Mayer. In der freien Natur hat sie bei Greifvögeln einen wahren Wettlauf beobachtet. „Durch den heißen Sommer haben sich die Falken stark vermehrt“, sagt sie. „Jetzt kämpfen sie alle um Beutetiere, also Mäuse oder Siebenschläfer.“ Immerhin sind die durch die Wärme ständig unterwegs.

Die Naturschützer Jörg Herter ist in Weissach der Vorsitzende des örtlichen BUND, und ist viel in der Natur unterwegs. Er sieht das große Ganze: „Man sieht an der Vegetation den Klimawandel.“ Es werde jedes Jahr wärmer, die Herbstmonate seien sommerlich. Sein Fazit: „Es gibt keine Jahreszeiten mehr. Es gibt nur noch gutes oder schlechtes Wetter.“

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