In Deutschland wird ständig für oder gegen etwas demonstriert. Was steckt genau hinter Protest und Aufruhr? Das Landesmuseum Württemberg in Stuttgart geht den Formen und der Geschichte der Revolte auf den Grund.
Etwas Überwindung kostet es dann doch. Schließlich schlägt man nicht alle Tage auf Autos ein. Aber wie fühlt es sich an, wenn man sich den Prügel schnappt und einfach draufkloppt – auf die Kühlerhaube dieses silbergrauen Golfs, das Dach, den Kofferraum?
Autos sind beliebte Objekte, wenn Demonstranten ihren Frust loswerden wollen. Je aufgeheizter die Stimmung auf der Straße, desto mehr Scheiben gehen zu Bruch. Manchmal werden die Wagen Unbeteiligter gleich ganz abgefackelt. Im Alten Schloss in Stuttgart geht es dann doch ziviler zu. Die Scheiben des alten Golfs sind aus Sicherheitsgründen bereits entfernt, und die Baseballschläger wurden mit Schaumstoff überzogen – und doch gibt es jedes Mal einen lauten Knall, wenn jemand den Selbstversuch wagt und einschlägt wie ein wildgewordener Straßenkämpfer.
„Protest!“: Eine erfrischend andere Ausstellung
Es ist eine Ausstellung der besonderen Art, die das Landesmuseum Württemberg nun eröffnet hat. „Protest! Von der Wut zur Bewegung“ nennt sich die Schau – und man kann fast damit rechnen, dass jene protestieren werden, die im Museum lieber gepflegt an unverfänglichen historischen Schätzen vorbeiflanieren wollen. Trotzdem ist es gut, dass auch in Stuttgart neue, erfrischende Projekte erprobt werden.
Deshalb heißt es diesmal: Position beziehen – und sich zum Beispiel fragen, wofür man selbst auf die Straße gehen würde? Für bessere Arbeitsbedingungen oder Frieden? Für Toleranz oder doch lieber für die Einschränkung von Freiheit und Offenheit? Zum Auftakt des Rundgangs blitzen im Schnelldurchlauf Demos auf, die in den vergangenen Jahrzehnten Schlagzeilen machten. Hier wurde für Integration, dort für mehr Lohn demonstriert, die einen forderten einen gerechten Welthandel, die anderen „Verhütungsmittel für alle“. Und in Stuttgart riefen sie „Oben bleiben!“ Der berühmt gewordene Protest der S-21-Gegner darf hier freilich nicht fehlen.
Motive und Formen des Protests
Im Alten Schloss werden einzelne Objekte aus der Sammlung des Landesmuseums ausgestellt – etwa eine Armbrust oder eine historische Anleitung zum Schachspiel, das spielerisch die Hierarchien der Ständegesellschaft vermittelte. Die Kuratorinnen Maaike van Rijn und Sarah Happersberger schlagen auch immer wieder Bögen in die Vergangenheit. In erster Linie wollen sie aber den Motiven und Formen des Protests an sich nachspüren und die Hintergründe an interaktiven Stationen, durch Interviews, Fotos, Plakate beleuchten.
Es ist schwer, einen „viralen“ Hit zu landen
Die Flugschriften, mit denen Luther seine Thesen verbreitete, oder vor 500 Jahren zum Bauernkrieg aufgerufen wurde, waren ein durchaus effektives Mittel. Die schnell gedruckten Blätter wurden weitergereicht und in Kneipen, Badestuben und auf öffentlichen Plätzen verlesen. Da ist es heute schwerer, einen digitalen „Post“ übers Internet zu verbreiten. An einem modifizierten Flipper kann man sich in der Ausstellung noch so geschickt anstellen, die Kugel verschwindet fast immer – als Symbol dafür, wie selten es gelingt, tatsächlich einen „viralen“ Hit zu landen. Brüllt man seinen Unmut lautstark heraus, ist das noch keine Garantie, dass sich etwas ändert. Aber selbst wenn Demonstrationen gegen Sexismus oder Rassismus nicht immer zu Gesetzesänderungen führten, haben sie doch in manchen Köpfen etwas bewegt. Laut einer Untersuchung der amerikanischen Politikwissenschaftlerin Erica Chenoweth müssen sich mindestens 3,5 Prozent der Bevölkerung an Demonstrationen beteiligen, damit diese politisch wirksam sind. Mitstreiter zu finden sei grundsätzlich leichter bei friedlichem Protest.
Die Details sind informativ
An mancher Stelle würde man in der Ausstellung gern mehr erfahren – etwa über psychologische Hintergründe bei Protesten, die mitunter wohl eher der eigenen Beruhigung dienen – wie zum Beispiel bei Demos gegen Kriege am anderen Ende der Welt. Es lohnt sich, beim Rundgang eher auf die Details zu achten wie den Hinweis, dass Demonstrationen auch eine stark emotionale Dimension besitzen. Das gemeinsame Singen, das Anfassen und das Gefühl, Teil der Gruppe zu sein, ist mitunter so wichtig wie das gemeinsame Ziel.
Am Ende kann man aber auch nur spekulieren, ob Fridays for Future mehr Menschen sensibilisiert hat für den Klimaschutz – oder womöglich eher deren Trotz provoziert hat. Für Nisha Toussaint-Teachout waren die Aktionen von Greta Thunberg aber ein wichtiger Startschuss, um selbst Aktivistin zu werden. Sie gründete 2018 in Stuttgart die Initiative Fridays for Future und kämpft seither fürs Klima, für Feminismus, Antirassismus und eine „bedürfnisorientierte Wirtschaft“, wie die junge Frau in einem Video erzählt. Zu erreichen seien diese großen Ziele nicht, da macht sie sich nichts vor. Aber soll man es deshalb erst gar nicht versuchen?
Wutbürger vom 16. Jahrhundert bis heute
Storytelling
In einem eigens entwickelten Projekt im Internet und auf Instagram stellt das Landesmuseum zehn Charaktere aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten des 16. Jahrhunderts vor und zeigt in Geschichten, wie ihre Lebenswelt aussah. Hauptfigur ist eine Handwerkerin aus Stuttgart um 1525. www.lautseit1525.de.
Ausstellung
„Protest! Von der Wut zur Bewegung“. Bis 4. Mai im Alten Schloss Stuttgart. Geöffnet Di bis So von 10 bis 17 Uhr, Do 10 bis 19 Uhr. Am 8. November um 19 Uhr moderiert Dunja Hayali eine Podiumsdiskussion mit Gästen aus Protestbewegungen, Politik und Wissenschaft.