Blick vom West-Turm der Stiftskirche auf die ausgebrannten Ruinen der beiden Schlösser. Die ersten Dächer des Alten Schlosses waren schon wieder gedeckt Foto: Landesmedienzentrum, Foto: Robert Bothner

Vor 75 Jahren verwandelten Luftangriffe Stuttgart in eine Ruinenlandschaft. Stark betroffen waren auch das Neue und das Alte Schloss – und damit ein Stück württembergischer Historie. Doch die Geschichte hat sich weitergedreht. Auch die des Landesmuseums, das mit dem Alten Schloss verwoben ist.

Stuttgart - Am Tag bevor die Bomber wieder kamen, „wurden alle nicht Berufstätigen durch Drahtfunk aufgefordert, Stuttgart zu verlassen“. So steht es in den Aufzeichnungen von Oskar Paret vom 25. Juli 1944.

 

Paret, der Hauptkonservator am Landesmuseum Württemberg, das damals noch Museum vaterländischer Altertümer heißt, und Museumsdirektor Werner Fleischhauer zählen zu den Berufstätigen. Sie bleiben. Das Erforschen, Sammeln und Präsentieren geschichtlicher Zeugnisse aus Württemberg ist für sie weit mehr als ein Beruf – es ist Berufung. Mit großem Einsatz versuchen sie, im „Stuttgarter Schreckensjahr 1944“ (Fleischhauer) möglichst viele der im Alten und Neuen Schloss untergebrachten Museumsbestände in Sicherheit zu bringen und zu retten – mit bemerkenswertem Erfolg.

Die Bomben fallen am 25. und 26. Juli jeweils nachts auf das Stadtzentrum. Hunderte Menschen sterben, die Stuttgarter Innenstadt liegt in Trümmern, auch das Alte und das Neue Schloss. Beide Gebäude sind schon bei vorausgegangenen Luftangriffen schwer beschädigt worden. An diesem 26. Juli 1944 jedoch versinken große Teile der geschichtlich bedeutenden Profanbauten im Herzen der Stadt vollends in Schutt und Asche. Das Alte Schloss brennt bis auf die Schlosskirche und die Gewölbe aus. Trotz vieler Auslagerungen gehen wichtige Kunst- und Kulturgeschichtliche Bestände verloren, darunter „eine einzigartige Sammlung schwäbischer Volkstrachten“ (Fleischhauer) und die wissenschaftliche Bibliothek. Das im Alten Schloss untergebrachte Museum ist um Jahre zurückgeworfen. Für seine Sammlungen schlägt nicht erst 1945, sondern bereits an diesem 26. Juli die Stunde null.

Hochfliegende Pläne für eine Art Pantheon auf der Uhlandshöhe

Begonnen hat die Geschichte des Museum 1862. In jenem Jahr wurde „vermöge allerhöchster Entschließung König Wilhelms I.“ in Stuttgart eine Staatssammlung gegründet – die „Königliche Staatssammlung vaterländischer Kunst- und Altertumsdenkmale“. Die Beschäftigung mit der Geschichte liegt im Trend. Schon die Herzöge hatten in der „Kunstkammer“ wertvolle Stücke zusammengetragen; sie bilden das Kernstück der Sammlung. Unterstützt von Altertumsvereinen wächst sie rasch an. Anfangs ist sie heimatlos. 1886 kommt die Sammlung in der neuen Landesbibliothek in der Neckarstraße unter. Ein Provisorium. „Vier Säle im Erdgeschoss, ein Achtel des Kellergeschosses, dazu ein Schuppen im Garten – das sind die Ausstellungsräume für ein Museum, das die Kulturgeschichte des Landes von der Urzeit bis zur Schwelle der Gegenwart (. . .) vorführen soll“, klagt Museumsleiter Eugen Gradmann.

Private Förderer, wie der Fabrikant Gustav Siegle, die sich 1910 im Verein zur Förderung des Museums vaterländischer Altertümer zusammenschließen – dem Vorläufer der heutigen Gesellschaft zur Förderung des Landesmuseums Württemberg – geben Geld für Neuerwerbungen und sammeln für einen Neubau. Hochfliegende Pläne werden entwickelt; auf der Uhlandshöhe soll bis 1916, dem 25. Regierungsjubiläum von Wilhelm II., eine Art Pantheon entstehen. Der Erste Weltkrieg macht diese Pläne zunichte.

Nach Kriegsende und dem Ende der Monarchie tun sich neue Möglichkeiten auf: Die dem Staat zugefallenen Schlösser bieten sich für eine museale Nutzung an. In das Neue Schloss, das jetzt das „Schlossmuseum“ beherbergt, wandern im Jahr 1920 die Kunst- und kulturgeschichtlichen Sammlungen. Die Altertümersammlung kommt in das zuvor als Lager und Nebengebäude genutzte Alte Schloss. Diese Zweiteilung des Museums bleibt bis 1945 bestehen.

Bald nach Kriegsende kehrt wieder Leben ins Alte Schloss ein

1931 kommt es im Alten Schloss zur Katastrophe. Ein Schwelbrand setzt das Gebäude in der Weihnachtswoche in Brand. Die Schäden am Bau sind beträchtlich. Bei den Luftangriffen 1943 und 1944 fallen die Zerstörungen aber erheblich größer aus. Zum zweiten Mal binnen weniger Jahrzehnte muss der ehemalige Grafen- und Herzogsitz, der im Kern rund 600 Jahre unversehrt überstanden hatte, neu aufgebaut werden.

Der Wiederaufbau dieses Symbols Altwürttembergs ist unumstritten, die Ausführung nicht. Streit entzündet sich beide Male an der Frage, ob der Bau detailgetreu rekonstruiert werden soll. Er wird es nicht; der Architekt, Paul Schmitthenner, setzt eigene Akzente. Der Aufbau erfolgt entsprechend der finanziellen Möglichkeiten. Mehrfach wendet sich der damalige Museumsleiter Julius Baum an staatliche Stellen und bittet um Geld. Stuttgarts Oberbürgermeister Arnulf Klett antwortet mit warmen Worten und leeren Händen: „Jeden Schwaben und besonders jedem Stuttgarter muß dringend am Herzen liegen, dieses alte und volkstümliche, künstlerisch hochwertige Baudenkmal wieder hergestellt zu wissen. Ich bedaure außerordentlich, daß Sie verständlicherweise in den Mitteln so beschränkt sind, daß die Fortsetzung der Arbeit verzögert wird. . .“ Die Korrespondenzen werden übrigens immer auch auf Englisch geführt – eine Auflage der damaligen Besatzungsmacht.

1948 ist im ehemaligen Direktorenturm erstmals wieder eine kleine Ausstellung zu sehen – mit Zustimmung der Amerikaner, die Kulturgeschichte als Bestandteil der „Reeducation“ im befreiten Deutschland sehen. 1949 kehrt das Museum unter dem neuen Namen „Württembergisches Landesmuseum Stuttgart“ als Ganzes ins Alte Schloss zurück; das Neue Schloss steht nicht mehr zur Verfügung. 1956 werden weitere Ausstellungsräume eröffnet. Das Alte Schloss beginnt wieder zu leben. Es entwickelt sich zu einem kulturellen Anziehungspunkt – auch für Kinder. Seit dem Jahr 2010 gibt es das „Junge Schloss“. Seit diesem Frühjahr wird erneut gebaut: Das Museumsfoyer, die sogenannte Dürnitz, soll bis 2020 zu einer „Kulturlobby“ umgestaltet werden.

Für das kulturelle Erbe sind gleich drei Ministerin zuständig

Altes Schloss und Landesmuseum – seit 1920 miteinander verknüpft – bilden heute eine Einheit. Was die Schätze und Sammlungen des Landes betrifft, liegen die Dinge nicht so klar. „Die wechselvolle Historie des Landesmuseums müssten wir unbedingt erforschen – ein spannendes Kapitel württembergischer Geschichte!“, findet Direktorin Cornelia Ewigleben. Dazu gehören auch die jüngeren Ereignisse. Etwa die 2003 erfolgte, für das Landesmuseum Württemberg schmerzhafte Ausgliederung der archäologischen Zweigmuseen mit den historischen Sammlungen an das Archäologische Landesmuseum in Konstanz. Oder die Besitzverhältnisse von Teilen des Kronguts und der Ausstattung der Schlösser, die seit der Abspaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten vor vier Jahrzehnten ungeklärt sind.

Für das kulturelle Erbe des Landes sind gleich drei Ministerien zuständig: das Wissenschaftsministerium, dem das Landesmuseum Württemberg und das Archäologische Landesmuseum unterstellt sind, das Finanzministerium, das über die Schlösser und Gärten wacht, und das Wirtschaftsministerium mit dem Landesamt für Denkmalpflege. Ein kompliziertes Geflecht. So aufgeräumt die Sammlungen präsentiert sind, so verworren sind die Zuständigkeiten. Doch das ist eine andere, offene Geschichte.