Marsha Zimmermann und Pablo Sprungala Foto: Tom Philippi

Spiel im Spiel, kontroverse politische Positionen zum Leben in Israel, Feindbilder infrage gestellt: Was das Publikum in Joshua Sobols Drama „Die Palästinenserin“ im Alten Schauspielhaus erlebt, ist auch nach 30 Jahren noch grandios.

Stuttgart - Ein furioses Finale: Sirenengeheul, der ohrenbetäubend laute Einschlag einer Granate, Dunkelheit, Premierenapplaus. Freundlich, herzlich. Kein Theaterskandal also in Stuttgart, kein Pro oder Contra wie vor 30 Jahren in Israel, als Joshua Sobol, der 1939 geborene Sohn europäischer Einwanderer, mit dem Drama „Die Palästinenserin“ dem israelischen Theaterpublikum in Haifa und Jerusalem einen Spiegel vorhielt.

Gezeigt wird die hitzige Suche nach der Wahrheit – wessen Wahrheit? – im Versuch, aus einem arabisch-terroristischen Akt an einer israelischen Universität und seinen Folgen einen möglichst authentischen Spielfilm zu drehen. Jede Figur ist doppelt gebrochen: Ein radikaler Linker spielt einen ultrarechten Jurastudenten, die jüdische Schauspielerin eine palästinensische Araberin, der Regisseur des Films ist zugleich britischer Drehbuchautor.

Was das Publikum erlebt, ist Spiel im Spiel. Kontroverse politische Positionen zum Leben in Israel werden vorgeführt, Feindbilder existieren in den Köpfen der Protagonisten, werden aber durch Sobol immer wieder infrage gestellt. Die Absicht des Autors, eine Publikumsverwirrung zu inszenieren, damit sich jeder seine Wahrheit bilden mag, ist auch heute noch grandios.

Im Alten Schauspielhaus setzt Manfred Langner das Verwirrspiel auf einer Bühne um, die Paul Lerchbaumer mit Holzpaletten und Kartons als Lagerhalle kenntlich macht. Ein großes Wahlplakat des aktuellen israelischen Premiers Benjamin Netanjahu in einem Bühnengang bestimmt das Hier und Jetzt der Handlung. Stefan Kiefer spielt den erschöpften Regisseur ­Benesh, der sich ständig Vorwürfen aus ­seinem Filmteam ausgesetzt sieht. Die jüdische Schauspielerin Dahlia (Marsha Zimmermann) versteht die arabische Rolle der Magda nicht, die sie spielen soll. Die Palästinenserin Samira (Rashidah Aljunied), ­Drehbuch-Koautorin, Ich-Erzählerin und Opfer, klagt, sie erkenne ihre Geschichte nicht wieder.

Tradiertes Rollenverhalten, religiöse Identität (wer ist nach wessen Kodex Jude oder nicht?), die ethische und handwerkliche Verantwortung des Schauspielers gegenüber dem Sujet, die ­Legitimation von Improvisation im Spiel, persönliche Kränkung aus Eitelkeit: Wie viel Wahrheit verbirgt sich im Leben und wie viel in der Kunst? Mit Tempo wühlt sich das ­Ensemble durch den Stoff.

Verfolgt von der Kamera, dokumentiert auf der Videowand, nähern sich die Schauspieler mit Kippa, ultraorthodoxer Perücke und Hut, Masken und Clownskostümen dem Gedanken der Mäßigung. Havkin (sehr sympathisch: Volker Risch), der Älteste von ihnen und schon ein wenig vergesslich, spricht ihn vor den jungen Hitzköpfen aus: „Nehmt euch nicht so wichtig, wir haben die Welt nicht verändert.“

Bis 6. Juni, Karten: 07 11 / 2 26 55 05.