Ein Teil des Ensembles bei den Proben für Hair. Foto: Wilhelm Mierendorf

Das hat es im Alten Schauspielhaus bisher nicht gegeben: Auditions, um aus mehreren Hundert Bewerbern die Besetzung für eine neue Produktion zu finden. Für „Hair“, das am 7. Dezember Premiere hat, kommen die insgesamt 14 Akteure auf der Bühne aus ganz Deutschland.

Mehr als 650 hatten sich beworben, 150 wurden zu den Auditions eingeladen, erzählt Regisseur Klaus Seiffert, der auch schon früher Musicalproduktionen für die Schauspielbühnen inszeniert hat.

Er bildete zusammen mit dem Choreografen Mario Mariano, der ebenfalls bei früheren Musicalproduktionen mit von der Partie war, sowie dem Intendanten Axel Preuß und dem musikalischen Leiter Clemens Rynkowski die Jury. „Für ,Hair‘ braucht man ausgebildete Musicaldarsteller, die singen, tanzen und schauspielern können“, betont Seiffert. „Jeder einzelne muss alle drei Disziplinen perfekt beherrschen.“

Die Mühe hat sich gelohnt: Die frische Energie der sieben Frauen und sieben Männer schwappt in mitreißender Frische über die Bühne. „Das war uns sehr wichtig“, betont der Regisseur und erklärt auch gleich, warum. Denn das Musical, das 1967 uraufgeführt wurde und 1968 am Broadway seine Premiere erlebte, ist etwas ganz anderes als der Film, den Miloš Forman 1979 daraus machte. Klaus Seiffert hat seine Inszenierung des Broadway-Musicals nun behutsam mit der Jetztzeit verbunden.

Themen wie Krieg und Rassismus erschreckend aktuell

Denn viele der Themen, um die es im American Tribal Love-Rock Musical geht, sind auch heute noch erschreckend aktuell: Krieg, Rassismus, Patriotismus, Aufrüstung, Umwelt. In Seifferts Inszenierung begegnet das Publikum Berger, dem damaligen Anführer des Hippie-Tribes, der inzwischen 50 Jahre älter ist und sich an vergangene Zeiten erinnert.

Gesungen wird auf Deutsch. Das war Seiffert wichtig. Es soll keinen Bruch geben zwischen den Szenen und der Musik. „Eins muss ins andere übergehen. Außerdem werden 90 Prozent der Handlung in den Songs erzählt“, erklärt der Musical-Experte. Davon gibt es im Musical etwa 40. Die Struktur des Werks ist collagenartig, was zu Zeiten der Uraufführung ziemlich revolutionär war. Ebenso die Tatsache, dass Tabu-Themen wie freie Sexualität, Drogenkonsum oder der Protest gegen den Vietnamkrieg und das Establishment auf der Bühne verhandelt wurden. Damit das Stuttgarter Publikum 2018 den roten Faden bei alledem nicht verliert, hat Seiffert manche Passagen gestrichen, die inhaltlich zu weit führen würden und so eher Verwirrung stiften könnten. Geradliniger ist das Stück dadurch geworden, ohne etwas von seiner Radikalität einzubüßen.

„Jede Nummer ist ein Hit“ Begeisternd findet Klaus Seiffert nach wie vor die musikalische Vielfalt von „Hair“. „Jede Nummer ist ein Hit.“ Von Rock über Gospel bis hin zu Electric Blues sind jede Menge Facetten vertreten. Und was den Hippies schon 1967 nicht an der elektronischen Musik gefiel, lässt sich heute anhand von Techno umso wirkungsvoller zeigen. „Da mussten wir den Text kein bisschen ändern“, sagt Seiffert schmunzelnd.

Die Choreografien, die Mario Mariano neu zu den Songs geschaffen hat, sind allesamt szenisch. „Auch das ist mir sehr wichtig, dass sich die Tanznummern aus den Szenen heraus entwickeln“, so der Regisseur. Die Perücken und Kostüme, welche die schrille Farbenpracht der Jahre um 1970 herum heraufbeschwören, um die kümmert sich Barbara Krott – die Dritte im Bunde des bewährten Produktionsteams. Noch genügen Mario Mariano zwei Tische und ein paar mobile Wände zum Proben der verschiedenen Nummern.

Ab der Premiere am 7. Dezember bekommen aber auch sie ein wirkungsvolles Bühnen-Outfit. „Hair“: Premiere am 7. Dezember, 20 Uhr, Altes Schauspielhaus, weitere Termine bis 19. Januar, Tickets 07 11 / 22 77 00

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