Szene aus „Reine Hysterie“ Foto: Haymann

In „Reine Hysterie“ treffen Sigmund Freud und Salvador Dalí aufeinander. Ein schrilles Szenario, das der regieführende Intendant der Schauspielbühnen Stuttgart, Manfred Langner, weiter überzeichnet. So wird die Komödie zum Boulevardstück.

Stuttgart - Alles so realistisch hier: die Aktenstapel auf dem Schreibtisch, die schmale Couch, die geschwungenen Lampenschirme, die knarzenden Dielen, die altbackene Tapete, die bordeauxroten, gerafften Fenstervorhänge, der alte Mann auf dem Sessel.

Kein Zweifel: Ernst Wilhelm Lenik als Herr im vornehmen Einreiher mit Weste und gestutztem grauem Bart muss Sigmund Freud sein. Und gleich stürmt eine junge Frau (Tina Eberhardt, exzentrisch im Auftreten, mit kirschrot geschminkten Lippen als Jessica) durch die Balkontür auf die Bühne und schüttelt die letzten Tage des Wiener Psychoanalytikers durch. Vor den Nazis geflohen, befindet sich Freud zu diesem Zeitpunkt (1939) im Londoner Exil als Krebspatient im Endstadium, in Rauschzustände gesetzt durch die Nebenwirkungen des Morphiums. Seelisch auf den Tod vorbereitet, begleitet von seinem jüdischen Leibarzt Dr. Yahuda (Volker Jeck mit Kippa), gerät Freud durch die Begegnung mit der jungen Frau in seinem wissenschaftlichen Werk über Ursachen und Heilung der Hysterie in Rechtfertigungsdruck.

Das Stück spielt in Sigmund Freuds Kopf

Ein Jahr früher traf Salvador Dalí auf Vermittlung Stefan Zweigs in London ein. Sein Wunsch, Freud müsse ihn anerkennen, da auch er in seinem Werk mit dem Unterbewussten des Menschen umgehe, erfüllt sich. Terry Johnson, Autor von „Reine Hysterie“, hat als Handlungsort Sigmund Freuds Kopf beschrieben und platziert den Besuch des Katalanen in bizarren Szenen ebenfalls im Jahr 1939. Eine dramaturgische Aufforderung, die Weltsicht von vier Protagonisten aufeinanderprallen zu lassen.

Manfred Langner setzt in seiner Inszenierung zu wenig auf Videoprojektionen, starke Lichteffekte oder Fantasmen – der reale Handlungsort dominiert über den illusionären Handlungsort Gehirn. Ausstatterin Beate Zoff bringt das Mobiliar auf eine Bühnenschräge mit dem Signal: In all dieser behäbigen Bürgerlichkeit verrutschen die Tatsachen, wenn der Vorhang der Verdrängung aufgezogen wird.

Terry Johnson hat tatsächlich eher an eine Komödie denn an ein Drama gedacht. Die komplett überzeichnete Figur des Salvador Dalí (Gideon Rapp als Karikatur in extremer Körperspannung, mit den typischen Accessoires des Surrealisten, das Deutsch klischeehaft mit spanischem Akzent) trägt viel dazu bei, dass Langners Inszenierung stark in die Nähe des Boulevards rückt.

Zwischen Kränkung und Klamauk

Entkleidungs- und Verführungsszenen werden vorgeführt, das Auffinden rosafarbener Dessous in Freuds Garten muss erklärt werden. Bei all dieser Unterhaltung wird immer wieder verdrängt, was eigentlich verhandelt wird: Eine junge Frau (Jessicas Mutter) hat sich nach der Psychoanalyse bei Sigmund Freud in Wien mit drastischen Mitteln das Leben genommen und bürdet ihrer Tochter eine tief sitzende Kränkung auf.

Szenen, in denen die Gratwanderung zwischen Krimi, Drama und Komödie glaubhaft ist, überzeugen am ehesten über die Sprache. Freuds Dialoge mit Yehuda, seine Behauptung, Religion sei eine „Menschheitsneurose“, seine Sicht auf Moses („eine Fleisch gewordene Sublimierung“) machen Spaß.

Yehudas Kontern, „60 Jahre Schweinkram, 60 Jahre Einmischung in die Leidenschaften anderer Leute“ hätten Freud „meschugge“ gemacht, amüsiert. Und dann gibt es eine Szene, die berührt: Gideon Rapp als Dalí und ewiger Verführer und Tina Eber­hardt als gefühlsgehemmte Jessica berühren einander mit den Fingerspitzen. Ein leiser Moment in all dem lauten Verhandeln auf der Bühne, ein Augenblick menschlicher Nähe.

Bis 5. 12.; Karten/Infos: 07 11 / 2 27 70 22