Das Alte Rathaus Waiblingen wartet seit Jahren auf die mehrmals vertagte Renovierung – und wird nun vielleicht für andere Zwecke genutzt, als ursprünglich geplant war. Was in die leer stehenden, historischen Räume kommen soll, wird neu debattiert.
Waiblingen - Eine überraschende Wende gibt es in Bezug auf das sanierungsbedürftige Alte Rathaus in Waiblingen. Das Fachwerkhaus, anno 1597 erbaut und beim Stadtbrand im Jahr 1634 schwer beschädigt, ist ein Promi unter den Gebäuden der Stadt: In seiner heutigen Optik wurde es im frühen 18. Jahrhundert wieder aufgebaut, steht in bester Lage am Marktplatz und zieht nicht nur wegen seiner offenen Markthalle mit Arkaden Blicke auf sich. Fast 20 Jahre war darin ein elsässisches Restaurant untergebracht gewesen. Nach dem Auszug der Pächter im Jahr 2017 war es der Wunsch der Verwaltung und der meisten Räte, dort wieder ein Lokal, möglichst eines mit schwäbischer Küche, anzusiedeln. Doch nun gibt es im Gremium offenbar einen Sinneswandel.
Gibt es zu viele Lokale am Marktplatz?
Peter Abele (CDU/FW) argumentierte im Planungsausschuss, in der jüngeren Vergangenheit habe sich das gastronomische Angebot am Marktplatz erweitert, ein weiteres Lokal könne zu viel des Guten sein. Und da dem Alten Rathaus ein Außenbereich fehle, sei fraglich, ob Gastronomie die beste Nutzung für die Räume sei. Diese sollten aber auf jeden Fall in städtischer Hand bleiben und öffentlich genutzt werden. Auch Alfonso Fazio forderte, man solle nochmals einhalten und „vehement überlegen“, was die Stadt an dieser Stelle als Frequenzbringer brauche.
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„Die Zentralisierung aller Restaurants ist nicht der Weisheit letzter Schluss“, findet Hans-Ingo von Pollern (CDU). Er brachte als eine Alternative die Nutzung der Räume als Ausstellungsort für Arbeiten lokaler Kunstschaffender ins Spiel. Dieser könne dann eine Ergänzung zur Galerie Stihl sein. Iris Förster (Grünt) regte angesichts des Platzmangels bei der Verwaltung an, auch ein Amt könne die Räume nutzen.
Prächtiger Ratssaal mit Stuckdecke
Ins Gebäude und dessen prächtigen Ratssaal mit Stuckdecke hineinzuschauen – das ist für die Öffentlichkeit seit mittlerweile rund vier Jahren nicht mehr möglich. Wenige Wochen, nachdem die langjährigen Pächter Ende 2017 aus den Räumen ausgezogen waren, gab es einen Rohrbruch, bei dem das Wasser aus dem Obergeschoss durch die Decke kam und den Platz unter den Arkaden zur Freiluftdusche machte.
Doch auch ohne diesen Vorfall hätte das denkmalgeschützte Fachwerkhaus saniert werden müssen. Auf die Renovierung samt Einbau eines Aufzugs wartet das einstige Rathaus nun schon seit Jahren: Erst wurde das Vorhaben wegen der aufwendigen Planungen und Umsetzung von Projekten für die Remstal-Gartenschau 2019 vertagt, dann funkte das Coronavirus dazwischen. Im Frühjahr 2020 entschieden die Gemeinderäte im Ausschuss für Planung, Technik und Umwelt mit knapper Mehrheit und aus Angst vor Steuerausfällen, vorerst kein Geld für Schritte zur Renovierung des Alten Rathauses freizugeben.
Kunst und Kultur statt schwäbischer Küche?
Inzwischen ist klar, dass Waiblingen in diesem Jahr eine Rekordsumme an Gewerbesteuer einnehmen wird. Der Baubürgermeister Dieter Schienmann hat einen erneuten Vorstoß für die mit ungefähr 3,5 Millionen Euro Kosten veranschlagte Sanierung gemacht: „Wir müssen eine genaue Gebäudeuntersuchung machen und herausfinden, welche Maßnahmen wir durchführen müssen.“ Im Hinblick auf die Vorschläge, das Rathaus anders als geplant zu nutzen, wies er darauf hin, dass die von der Verwaltung vorgeschlagene gastronomische Nutzung auch einen Hintergrund habe: „Wenn wir viel Geld reinstecken müssen, wäre es schön, wenn ein gewisser Rückfluss da wäre.“ Ob das mit der Nutzung des Alten Rathauses für die Bereiche Kunst und Kultur gelingen könne, wisse er nicht.
Das Gremium hat sich darauf geeinigt, das Haus von einem Fachmann unter die Lupe nehmen zu lassen und herauszufinden, was für die Erhaltung nötig ist. Ein Entwurf für eine gastronomische Nutzung soll zunächst nicht erarbeitet werden.