Das Handwerkszeug des Sattlermeisters hat eine lange Tradition. Foto: Amler

Der Sattel ist das wichtigste Verbindungsstück zwischen Reiter und Pferd. Der Sattler hat dabei die Rolle des Kommunikationstechnikers. Steffen Würtz beherrscht das seltene Handwerk.

Der Sattel ist das wichtigste Verbindungsstück zwischen Reiter und Pferd. Der Sattler hat dabei die Rolle des Kommunikationstechnikers. Steffen Würtz beherrscht das seltene Handwerk.

Brackenheim - Leder, wohin man schaut: An einem Raumteiler in seiner Werkstatt in Brackenheim hat Sattler Steffen Würz Westernsättel, englische Sättel und Raritäten wie alte Militärsättel aus Deutschland und Ungarn hängen. Flink zerlegt der Handwerksmeister einen Dressursattel. Der Sattel kipple und übe Druck auf den empfindlichen Pferderücken aus, erklärt er.

Würtz schaut in das Notizbuch, in dem er seine Beobachtungen zum Pferd der Kundin notiert hat, und berichtet im breiten Unterländer Dialekt von der Odyssee der Reiterin zwischen Tierärzten, Physiotherapeuten und Sattlern. Unterschiedlich starke Schultern, hat Würtz notiert, erwähnt die unterschiedlichen Vorderhufe des Pferdes und ­ebnet derweil den starren Baum, also die stabilisierende Innenkonstruktion eines Reitsattels, mit Kautschukplatten. Dann steckt er Sattelkissen und Baum mit dem Sitz wieder zusammen und vernäht alles mit einem kräftigen Nylonfaden. Würtz schätzt die Haltbarkeit dieser Kunstfaser, wenngleich er die alten Handwerkstechniken hochhält und gern mit Halbmond, Ahle oder Nadel und Faden am sogenannten Nähross arbeitet.

Steffen Würtz ist 38 Jahre alt und seit 15 Jahren im Sattlerhandwerk zu Hause. Am Arbeitstisch steht ein Mann, der weit über den eigenen Tellerrand hinausschaut. Bei der Arbeit für die Pferde bezieht er, wo es ihm nötig erscheint, auch den Tierarzt oder Physiotherapeuten mit ein. Die Therapeuten sollen eng mit dem Sattler zusammenarbeiten. Fortbildungen sind ein Muss für Würtz, den Pferdefreund und Reiter, und dafür lässt er sich beim Leipziger Sattelsymposium schon mal von einem Professor die Anatomie am frisch präparierten Reittier erklären.

Westernsättel fertigt Würtz auf Wunsch nach Maß

„Die Fähigkeit, Sättel anzupassen, erwirbt man nicht mit einer Gesellen- oder Meisterprüfung“, sagt Würtz. Da stecke ganz viel Erfahrung dahinter. Die hat der Handwerker im Westernsattel seiner Pferde und schon früh im Umgang mit dem Sattlerwerkzeug gesammelt. Schon bei seinem Opa seien in der Landwirtschaft Pferde mitgelaufen, und was kaputtging, hat Steffen Würtz als Bub unter der Anleitung des ­Seniors selbst repariert. Irgendwann sei dann noch ein Indianerspleen dazugekommen, und er habe sich sogar ein Tipi selbst genäht, erzählt er. Rein äußerlich hat sich der Mann aus Haberschlacht auf die Seite der amerikanischen Siedler geschlagen: dicke­ Koteletten, Arbeitshose aus Cord und die Strickjacke deuten darauf hin. In der Werkstatt liegt sein Meisterstück auf dem Bock – ein kunstvoll gefertigter Westernsattel aus feinstem Rindsleder mit aufwendig punzierten Verzierungen, Silberbeschlägen, einem Rohhautgeflecht und Steigbügeln aus ­Wurzelholzfurnier mit einem Eichenkern. Westernsättel fertigt Würtz auf Wunsch nach Maß.

Gelernt hat er sein Handwerk bei einem namhaften Sattelhersteller. Weil er nach der Schule im Traumberuf zuerst keine Lehrstelle fand, wurde er Zimmermann. „Ich dachte schon, das Handwerk ist ausgestorben.“ So flickte er vor rund 20 Jahren eben die Nageltaschen seiner Zimmermanns­kollegen. Mit 23 wollte er es dann aber doch wissen und machte seinen Meister im Sattlerhandwerk. Steffen Würtz ist heute auch Fachobmann Reitsport im Bundesverband der Fahrzeug- und Reitsportsattler (BVR). „Wir sind bei den Raumausstattern organisiert und mit rund einem Prozent ein recht kleiner Kreis“, erklärt Würtz. Auf etwa 20 Sattlermeister schätzt er die Zahl in Baden-Württemberg. Gerade mal vier bis fünf kämen in Deutschland jedes Jahr dazu. Dennoch habe das Handwerk keine Nachwuchsprobleme, weil viele ambitionierte junge Reitsportler in das Handwerk drängten, auch immer mehr Mädchen. Das Sattlerhandwerk erlebe derzeit praktisch eine ­Renaissance; auch Würtz bildet Lehrlinge aus.

Seine Stammkunden sind dem Handwerksmeister wichtig

Die Konkurrenz von Seiteneinsteigern, die seit dem Wegfall der Meisterpflicht auf den Markt drängen, macht ihm keine Sorgen. „Unsere Arbeit muss zum Wohle des Pferdes sein. Mir ist es lieber, ein Kollege ­liefert gute Arbeit, als dass er fünf Diplome hat und nur Mist baut.“ Aber wer mit der Hand schaffe, der mache auch mal Fehler. ­Arglist unterstelle er da keinem. Der Markt sage es einem. „Wenn ich kein Geschäft ­habe“, sagt er, „dann bin ich zu teuer, oder ich kann es nicht.“

Der Handwerksmeister setzt auf eine ­vertrauensvolle Arbeit und Stammkundenpflege. „Regionale Netzwerke sind ganz wichtig. Die Ergebnisse sind immer dann gut, wenn ein Austausch auch mit den Stallbetreibern, Tierärzten, Physiotherapeuten oder Reitlehrern stattfindet.“ Sein Radius beträgt 60 Kilometer, weiter weg fährt er nicht. Sonst bleibe keine Zeit für die Arbeit in der Werkstatt. „Ich kann meinen Kunden doch gar keinen Service bieten, wenn ich nur im Auto sitze.“ Wer weiter weg wohne, ­müsse sein Pferd verladen und zu ihm ­kommen, auch für spätere Änderungen und Anpassungen.

Neben dem Reitsport widmet sich Würtz dem Kunsthandwerk. Bei ihm gibt es ­Hundeleinen und individuelle Halsbänder, Hand- und Einkaufstaschen aus hochwertigem Leder, Fell und Filz, auch Gürtel. Packtaschen für Chopper (Motor­räder) und Fotos seiner maßgearbeiteten Motorradsitzbänke zeugen vom Leistungsspektrum des Sattlers, der sich nach der Arbeit gern mal im eigenen Sattel niederlässt.

Steffen Würtz kann man am 10. und 11. Mai von 11 bis 18 Uhr auf Schloss Solitude über die Schulter sehen. Auf der „Werte 2014“, einer Ausstellung von Werkstätten traditioneller Handwerkskunst, gibt er Einblicke in das Sattlerhandwerk.

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