Der Uferweg zum Eingang des AKW-Geländes: Wer auf das Gelände hinter dem Zaun will, muss klingeln und erhält spezielle Sicherheitsanweisungen. Foto: Simon Granville

Einer der wohl skurrilsten Wege in der Region Stuttgart befindet sich in Neckarwestheim und verläuft über einen Teil des alten Atomkraftwerk-Geländes. Was Wanderer hier erleben.

Den Ort Neckarwestheim im Kreis Heilbronn kennen die meisten Menschen in der Region Stuttgart wohl vor allem als Standort des dortigen Atomkraftwerks. Über Jahrzehnte wurden Diskussionen um Sicherheits- und Endlagerfragen geführt. Nach der Atomkatastrophe von Fukushima leitete die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel im Jahr 2011 schließlich den Ausstieg ein. Inzwischen befinden sich die beiden Blöcke Neckarwestheim I und Neckarwestheim II im Rückbau.

 

Während die Debatte nach und nach abebbt, nimmt das Gelände der beiden Reaktoren in dem 3500-Einwohner-Ort noch immer viel Platz ein. Die Kuppeln der beiden Reaktoren sind von Weitem schon zu sehen. Das Gelände ist ein Hochsicherheitsbereich, nach wie vor haben Kameras und Wachpersonal es fest im Blick, über die hohen Mauern soll hier keiner kommen.

Die Mauer zum AKW-Gelände am Neckar. Foto: Simon Granville

Eine Ausnahme gibt es allerdings. Ein alter Weg, der bereits vor dem Bau der umstrittenen AKW bestand, führt noch heute über das Gelände des Meilers und zuvor direkt am Neckar entlang. Doch wer ihn nutzen will, muss klingeln, um Einlass auf das Areal zu bekommen. Es ist ein höchst skurriler Weg – im Rahmen einer kleinen Wanderung lässt er sich erkunden. Wer Wander-Apps fürs Smartphone nutzt, findet ihn etwa beim Anbieter Komoot (oder auf unserer Karte).

Startpunkt der etwa zweistündigen Tour ist der Ort Neckarwestheim, die Tour führt in Richtung Kirchheim am Neckar. Am Spielplatz Quittenweg geht es in Richtung der malerischen Weinberge. An den Reben hängen blaue und grüne Trauben, in der Ferne sind die Krappenfelsen zu sehen. Ein typisch idyllischer Blick in den Landkreis Heilbronn. Vom alten AKW ist noch nichts zu sehen. Nach den ersten Minuten geht es dann in Richtung Neckar, bald schon hört man den Fluss plätschern. Am Wochenende und nach Feierabend kann man hier die Ruderer oder auch so manchen mit dem Boot beobachten. Es kommt eine Linkskurve und geht über einen Kiesweg weiter entlang. Nach ein paar Minuten stoßen die Wanderer hier auf eine Metallschranke, von der sie sich nicht abhalten lassen sollten. Der Weg geht seitlich daran vorbei.

„Benuter des Uferweges bitte läuten“, heißt es auf dem Schild. Foto: Simon Granville

Und nun wird es interessant: Über einen kleinen Zufluss, den die Wanderer hier mit einem Schritt überqueren müssen, gelangt man vor die Betonmauer samt Stacheldraht. Ein einschüchternder Anblick. Nun ist das alte AKW-Gelände erreicht. „Benutzer des Uferweges bitte läuten“, heißt es auf einem von der Sonne ausgebleichten Schild, darunter befindet sich eine Klingel. Nach dem Betätigen sagt eine Frauenstimme über die Anlage: „Ihr Begleiter kommt in ein paar Minuten.“ Nach nur zwei Minuten nähert sich seitens des Sicherheitspersonals eine junge Frau mit einem großen schwarzen Hund. Sie öffnet das Tor und gibt die Anweisung: „Bitte bleiben Sie am Mülleimer stehen.“ Wer hier entlang will, muss den Aufforderungen des Personals folgen.

Blick auf Block I

Die junge Mitarbeiterin hat einen ernsten Blick, beantwortet neugierige Fragen aber freundlich. „Am Wochenende kommen öfter Leute, unter der Woche sind es nur wenige“, erzählt sie. Fotoaufnahmen oder gar Videomaterial darf auf dem Gelände selbst nicht gemacht werden. Auf dem etwa fünfminütigen Weg haben Wanderer nicht nur einen Blick auf den Neckar, sondern auf etwa der Hälfte des Weges auch einen Blick auf den Block I, die klassische Kuppel und die Sicherheitsgebäude drum herum. Die junge Mitarbeiterin der Securityfirma hier kann die Faszination für den ungewöhnlichen Ort aber nicht so ganz nachvollziehen. Sie sagt: „Eigentlich gibt es hier nicht wirklich was zu sehen.“ Der Weg führt am Ufer des Neckars entlang, das ganze AKW-Gelände zu begutachten ist nicht möglich.

Ein großer Teil des Weges führt am Neckar entlang. Foto: Simon Granville

Dass sie hier keine Touri-Führung anbietet, ist ihrer ernsten Miene abzulesen. Ihr großer schwarzer Hund hat die Menschen – hier mögliche Gefahrenquellen – fest im Blick. „Er frisst alles, was zwei oder vier Beine hat“, sagt die junge Mitarbeiterin ernst. Ob das ein Witz ist, lässt sie offen.

Fotos und Videos sind verboten

Der Weg führt geradeaus, schon bald ist das zweite Tor – ganz ähnlich, wie das am Eingang – zu sehen. Die Security-Mitarbeiterin spricht in ihr Funkgerät, bittet, das Tor zu öffnen. Und schon nach wenigen Minuten nimmt der kuriose Weg wieder sein Ende. Teils hohes Gras wartet hier auf der anderen Seite, weit weniger gepflegt als noch auf der nördlichen Seite des AKW-Geländes. Nach nur wenigen Metern geht der Weg jedoch auch schon über Stufen hinauf in Richtung Felder. Ein blaues Schild für Fußgänger und Radfahrer markiert den Weg. Eine klassische Wanderweg-Beschilderung gibt es auf der gesamten Strecke keine.

Die EnBW erklärt die ungewöhnlichen Hintergründe: „Bei dem Wanderweg handelt es sich um einen alten Uferweg direkt am Neckar, der entlang des äußeren Rands des Kraftwerksgeländes führt. Er existierte bereits vor Errichtung des Kernkraftwerks.“ Da das alte Recht nach wie vor Bestand habe, werde es von der EnBW „respektiert beziehungsweise umgesetzt“. Allerdings gebe es Ausnahmen, so der Konzern: „Die Passage ist möglich, solange keine betrieblichen Gründe dagegensprechen.“ Wenn Arbeiten im Bereich des Weges vorgenommen würden, sei es nicht möglich, den Weg zu nutzen.

Über einen klassischen Feldweg geht es zurück in den Ort Neckarwestheim. Auf einer Anhöhe gibt es auf linker Seite noch einmal den besonderen Blick auf die alten AKW-Blöcke, später dann auf rechter Seite Schloss Liebenstein. Den Rückweg dominieren die Apfelbäume und vertrocknete Sonnenblumen – die große Industrieanlage gerät wieder in den Hintergrund.

Die Hintergründe zum AKW-Rückbau

Reaktorblock I
Am Standort gibt es zwei Kraftwerksblöcke. Beide befinden sich mittlerweile im Rückbau. Bei Block I hat der Rückbau im Jahr 2017 begonnen, inzwischen sei er sehr weit fortgeschritten, erklärt die EnBW auf Anfrage. „Im konventionellen Maschinenhaus sind die Arbeiten bereits abgeschlossen und auch im Reaktorgebäude sind alle Großkomponenten – insbesondere der Reaktordruckbehälter als früheres Herz der Anlage – schon vollständig demontiert“, teilt ein Pressesprecher des Energiekonzerns mit. Aktuell liege bei dem Block der Fokus auf dem Abbau der Betonstrukturen innerhalb des Reaktorgebäudes, die früher den Reaktordruckbehälter umgeben haben. „Bei dem in mehrere Einzelabschnitte unterteilten Vorhaben sollen bis zum Jahr 2025 voraussichtlich rund 1000 Tonnen Beton entfernt werden“, so die EnBW.

Reaktorblock II
Der Rückbau von Block II hat im Mai 2023 begonnen. „Die erforderliche Stilllegungs- und Abbaugenehmigung hatten wir noch vor der endgültigen Abschaltung der Anlage im April 2023 erhalten“, erklärt die EnBW. Der Rückbau des Blocks habe mit der Dekontamination des nuklearen Primärkreislaufs begonnen. „Dabei wurde die aktivitätsführende Schicht auf der Innenoberfläche von Rohrleitungen und Komponenten gelöst und mit Hilfe von Filtern ausgetragen und gesammelt“, so der Energiekonzern. Unter Strahlenschutzaspekten vereinfache das Verfahren die Demontage, Zerlegung und Bearbeitung der dekontaminierten Systeme erheblich und sei damit eine zentrale Voraussetzung für den weiteren Rückbau der Anlage. „Derzeit laufen die Vorbereitungen für die Trennung und Demontage der Hauptkühlmittelleitungen (diese sind Teil des Primärkreislaufs), die dann im Herbst erfolgen sollen“, so der Pressesprecher. In Richtung Jahresende sollen schließlich die Vorbereitungen für die Zerlegung der Einbauten des Reaktordruckbehälters starten, teilt die EnBW mit.