Die klassische Lebensversicherung, auf die Millionen Deutsche Jahrzehntelang setzten, ist ein Auslaufmodell. Foto: dpa/Arno Burgi

Lebenspolicen rentieren sich immer weniger, weil das Zinsniveau stetig sinkt. Wer mehr Rendite will, muss ins Risiko gehen. Das wandelt den Charakter des beliebten Vorsorgeprodukts.

München - Lebenspolicen sind das Lieblingsprodukt der Deutschen zur privaten Altersvorsorge. Jeder der 83 Millionen Bürger hält im Schnitt einen Vertrag. Wer den vor der Jahrtausendwende abgeschlossen hat, kann sich glücklich schätzen, weil darin oft noch bis zu vier Prozent Rendite garantiert werden. Das gilt unvermindert. Für andere sieht es immer düsterer aus, zeigen aktuelle Ankündigungen der Versicherer.

 

Immer im Dezember machen sie Prognosen zur Verzinsung ihrer Policen im kommenden Jahr. Anbieter, die wie Athora 2021 erhöhen, muss man mit der Lupe suchen. Mehrere halten sie konstant, aber beim Gros geht es – wie bei Axa oder Marktführer Allianz Leben aus Stuttgart – nach unten. „Die Allianz liegt im Trend“, stellt der Chef des Bunds der Versicherten (BdV), Axel Kleinlein, klar.

Transparente Rentabilitätsrechnung sehr schwierig

Wer bei der Allianz eine klassische Police mit Zinsgarantie hält, soll 2,9 Prozent Gesamtverzinsung bekommen, falls nicht im Vertrag mehr garantiert wird. Die Gesamtverzinsung ist die Addition der beiden Renditequellen laufende Verzinsung und Überschussbeteiligung. Für eine Police modernerer Art, die nur noch eine hundertprozentige Rückzahlung aller Beiträge, aber keine Wertsteigerung mehr garantiert, hat die Allianz 3,2 Prozent Gesamtverzinsung angekündigt. Das bedeutet jeweils eine neuerliche Absenkung um 0,2 Prozentpunkte, nachdem schon voriges Jahr um 0,3 Prozentpunkte reduziert wurde.

Der Begriff Gesamtverzinsung ist dabei irreführend. Denn das bedeutet nicht, dass alle eingezahlten Beiträge wie im Beispiel der Allianz mit rund drei Prozent verzinst werden. Verzinst wird nur ihr Sparanteil. Vorher abgezogen werden aber Provisionen für Vermittler und Verwaltungskosten, was eine transparente Rentabilitätsrechnung sehr erschwert. Rentabel ist ein Versicherer für seinen Kunden nur dann, wenn er hohe Verzinsung mit geringen Verwaltungskosten kombiniert. Das herauszufinden ist für Kunden aber extrem mühselig. Profis wie Verbraucherschützer Kleinlein können dagegen vorrechnen, dass manche Police unter dem Strich ein Verlustgeschäft ist.

Zehn bis 40 Prozent Verlust sind möglich

Auf alle Fälle rentiert sie in geringerem Umfang, als der Begriff Gesamtverzinsung es suggeriert. Für die kommenden Jahre sind zudem weitere Verschlechterungen in der Rentabilitätsrechnung zu erwarten. Denn die Europäische Zentralbank (EZB) hat soeben angekündigt, dass sie Spielraum für weitere Zinssenkungen sieht. Seit Beginn der Corona-Pandemie sind die ohnehin schon sehr niedrigen Kapitalmarktzinsen weiter um 20 bis 50 Basispunkte gefallen. Das schlägt unweigerlich auch auf die Rentabilität von Lebenspolicen durch, wie die aktuelle Entwicklung zeigt.

„Diese tiefgreifenden Veränderungen erfordern eine Neukalkulation der gesamten Produktpalette“, sagt Guido Bader und meint damit Weitreichendes. Er ist in Personalunion Chef der Deutschen Aktuarsvereinigung (DAV) und der Stuttgarter Lebensversicherung. Die DAV berät das Bundesfinanzministerium und hat soeben zweierlei angemahnt: Zum einen sollen Lebensversicherer ab 2022 ihren Kunden bei Neuabschlüssen noch maximal 0,25 Prozent Rendite garantieren dürfen. Derzeit liegt dieser Wert bei 0,9 Prozent. Zum anderen regt die DAV an, dass Versicherer ihren Kunden nicht mehr garantieren, am Ende mindestens so viel Geld zurückzuzahlen, wie im Lauf der Jahre als Beitrag einbezahlt worden ist. Eine gesetzliche Vorschrift ist das bei Lebensversicherungen anders als bei Riester-Renten und betrieblicher Altersvorsorge jetzt schon nicht mehr. Als erster Versicherer hat jüngst die Allianz ein solches Vorgehen für 2021 angekündigt. Für neu abgeschlossene Lebenspolicen garantiert der Assekuranzriese dann nur noch in drei Varianten eine Rückzahlung von 60 bis 90 Prozent zuvor eingezahlter Beiträge. Zehn bis 40 Prozent Verlust sind so möglich. „Das wird Markttrend werden“, schätzt Kleinlein.

Neue Chancen – größere Risiken

Auch Ergo als hierzulande drittgrößter Versicherungsgruppe denkt schon laut darüber nach, ab 2022 keine 100-prozentige Rückzahlung von Beiträgen mehr zu garantieren. „Die Lebensversicherung als sinnvolles Altersvorsorgeprodukt ist tot“, sagt Kleinlein angesichts dieser Entwicklungen. Versicherer wie die Allianz argumentieren dagegen, befreit von hundertprozentigen Rückzahlgarantien in höheren Risikoklassen anlegen und damit auch die Renditechancen vergrößern zu können. Klar ist damit aber auch, dass Lebenspolicen ihren Charakter als sicherer Anlagehafen Stück für Stück verlieren. Sie mutieren zu einem Produkt mit immer größeren Spekulationselementen, was neue Chancen, aber eben auch größere Risiken mit sich bringt.