Die Vorsorge im Alter beginnt schon in der Jugend. Aber ein ganz wichtiger Zeitraum, in der es sich für jeden Menschen lohnt, seinen Alltag so zu gestalten, dass er im Alter weniger Probleme hat, ist der kurz vor der Rente, sagt der Altersforscher Clemens Becker. Foto: Fotolia

Wie altert man am besten? Das wollen vom 7. bis zum 10. September Altersforscher beim Gerontologie- und Geriatriekongress in Stuttgart klären. Welche Rolle die Bewegung, die Ernährung und das soziale Umfeld dabei spielt, erzählt im Vorfeld der Experte Clemens Becker vom Robert-Bosch-Krankenhaus Stuttgart.

Herr Becker, wenn Sie selbst eines Tages nach heutigem Verständnis alt sind, werden die Alten die größte Gruppe der Gesellschaft sein. Experten warnen vor chaotische Zustände im Gesundheitssystem: Was können wir tun, um uns vorzubereiten?
Wir müssen von unserem ausschließlich kurativem System wegkommen – also, dass Krankheiten auftreten und Ärzte diese dann heilen. Natürlich muss man typische Alterskrankheiten mit Augenmaß behandeln, um Schlimmeres zu verhindern. Es wird aber zunehmend wichtiger werden, so zu handeln, dass die großen, altersbedingten Krankheiten nach hinten verschoben werden. Und das meine ich nicht nur im medizinischen Sinne. Es funktioniert auch über gesellschaftliche Faktoren: Beispielsweise haben wir noch vor 20 Jahren damit gerechnet, dass sich die Zahl der Demenzkranken in den nächsten Jahren verdoppeln wird. Das ist nicht geschehen: Die Zahlen, die uns aus Deutschland, Dänemark, Großbritannien und den USA vorliegen, sind 25 Prozent niedriger als erwartet. In Deutschland haben wir somit 500 000 weniger Demenzkranke als angenommen.
Was sind die Gründe?
Ein wichtiger Faktor ist, dass die jetzige Generation im Rentenalter eine bessere Bildung genossen hat, als die Generation davor. Es ist ein riesiger Unterschied, ob man nur vier Jahre oder schon zehn Jahre zur Schule gegangen ist und sich im Beruf auch weiterbilden lässt. Man kann das mit der körperlichen Fitness vergleichen: Was man als 20- oder 30-Jähriger als Startniveau hat, das entscheidet meist darüber wie fit man im Alter ist. Daraus lässt sich folgern: Alles was eine Gesellschaft und auch man selbst in Bildung und Weiterbildung investiert, verhindert Demenz.
Bildung ist das eine, wie können altersbedingte Krankheiten noch verhindert werden?
Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Bewegung. Es ist leider so, dass sich nur ein Viertel der Menschen ausreichend bewegt und der große Rest zu viel sitzt und liegt. Dieses Defizit kann durch kein Medikament der Welt ausgeglichen werden. Also müssen Bedingungen geschaffen werden, die es den Menschen leicht machen, sich zu bewegen.
Aber es liegt doch an einem selbst, ob man sich entscheidet, abends sich gleich auf das Sofa zu setzen oder noch eine Runde spazieren zu gehen.
Allein die Aufforderung „Bewegt euch mehr!“ wird nicht viel bewirken. Es geht darum, aufzuzeigen, wie man mehr Bewegung in den Alltag integriert. Die Leute wollen in der Regel ja keine neue Gesundheitsphilosophie gepredigt bekommen, sondern praktische Tipps, die ihnen weiterhelfen und keinen größeren Zeitaufwand benötigen. Ein Beispiel: Man kann ins Fitnessstudio gehen und mit der Oberschenkelpresse die Beinmuskulatur trainieren. Man kann aber auch genauso gut bei jedem Aufstehen von einem Stuhl sich nur auf einem Bein hochstemmen. Das hat den gleichen Effekt. Schließlich steht jeder Mensch im Schnitt 30 bis 40 Mal am Tag von seinem Stuhl oder Sessel auf.
Wann sollte man fürs Alter vorsorgen?
Die Vorsorge für das Alter beginnt schon in der Jugend. Aber ein ganz wichtiger Zeitraum, in der es sich für jeden Menschen lohnt, seinen Alltag so zu gestalten, dass er im Alter weniger Probleme hat, ist der kurz vor der Rente. Man ist beispielsweise ständig mit dem Auto zur Arbeit gefahren – jetzt muss der Ausgleich dazu geschaffen werden. Gut wäre es auch, mal mit dem Arzt zu reden, was man noch tun kann.
Auf der Tagung wird auch aufgezeigt, wie sich Städte und Gemeinden dazu beitragen können, das Altern der Gesellschaft herauszuzögern. Wie kann das gelingen?
Es geht schon damit los, dass die Politik sich fragen muss: Ist beispielsweise Stuttgart eine Stadt, in der man Fahrradfahren kann oder eine Stadt, in der man gerne und gut spazieren gehen kann? Eine Stadt muss mehr darauf achten, dass sie zur Bewegung einlädt. Wenn sie so gestaltet ist, dass Kinder kaum noch aus dem Haus gehen, um zu spielen – weil es zu unsicher ist, weil es zu viel Verkehr gibt – , dann werden diese später im Alter ein großes Problem haben. Kritisch ist auch die Entwicklung im Bereich der Pflegeheime der vergangenen zehn Jahre. So wurden in diesem Zeitraum 20 Prozent mehr Heimplätze geschaffen. Das ist meines Erachtens eine Überversorgung. Denn ein Pflegeheim entspricht nicht dem Ziel und dem Wunsch älterer Menschen.
Wie müsste Ihrer Meinung die Altenversorgung der Zukunft aussehen?
Die Experten stimmen überein, dass ein Pflegeheim nicht wie eine Fabrik betrieben werden soll. Vielmehr sollte man diese umgestalten – etwa Wohngemeinschaften schaffen. Ein großes Thema sind auch Mehrgenerationenhäuser. Wir haben in Stuttgart ja die besondere Situation, dass in den nächsten zehn Jahren aufgrund des S21-Projekts neue Stadtteile entstehen werden. Das bietet der Stadtplanung Chancen, darüber nachzudenken, wie es gelingen kann, dass mehrere Generationen zusammenleben können.
Die meisten wünschen sich, so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden zu bleiben. Was braucht es dafür an Voraussetzungen?
Das Wichtigste ist in der Tat, einigermaßen mobil zu sein und auch zu bleiben. Hier spielt die Balance und die Kraft eine große Rolle. Das dritte große Thema ist das soziale Netzwerk: Habe ich in der Nachbarschaft oder in der Familie genügend Unterstützung, um meinen Alltag zu bewerkstelligen? Dass dies gelingen kann, zeigt das Beispiel Stuttgart-Asemwald. Vor mehr als 30 Jahren haben die Bewohner dort ein soziales Netzwerk aufgebaut, dass sich jetzt – da die Bewohner alt sind – bezahlt macht: Sie unterstützen sich gegenseitig.
Welche Rolle spielt die digitale Welt in der Altersforschung?
Allein schon die Tatsache, dass für die Babyboomer-Generation der Umgang mit Smartphones und Internet selbstverständlich ist, wird in vielerlei Hinsicht die Nutzung von Gesundheitsleistungen radikal verändern. Die Menschen sind informierter, viele medizinische Messungen können sie dank Smartphone plus passender Medizingeräte selbst vornehmen. Aber auch mit der Digitalisierung der Medizin wird sich in den nächsten fünf Jahren einiges verändern: Momentan sind Ärzte mit jeder Krankenhauseinweisung zwei bis drei Tage beschäftigt, die notwendigen medizinischen Unterlagen einzusammeln. 20 bis 30 Prozent ihrer Arbeitszeit ist oft mit sinnloser Bürokratie ausgefüllt. Sollte die Digitalisierung dazu führen, dass Hausärzte, Krankenhäuser und Krankenkassen besser vernetzt sind, dann werden auch Ärzte wieder mehr Zeit haben. Um es etwas pointiert zu sagen: Ich denke, wir haben keinen Ärztemangel, sondern völlig ineffiziente Arbeitsstrukturen. Das dürfte sich sicher in den nächsten Jahren ändern.
In Asien werden schon die ersten Pflegeroboter eingesetzt. Sieht der technische Fortschritt auch vor, dass die Pflege immer mehr von Maschinen übernommen wird?
Die Bilder von Robotern, die viele Menschen vor sich haben, stellen meines Erachtens nicht die Lösungen dar, die uns wirklich in der Pflege unterstützen werden. Wichtiger sind technische Assistenz-Systeme wie etwa das Exoskelett, das Pflegekräfte im Alltag unterstützen kann – um beispielsweise gestürzten Heimbewohner wieder aufzuhelfen. Mit solchen Exoskeletten kann auch eine Pflegerin, die 60 Kilo wiegt, einem 100-Kilogramm schweren Mann wieder ins Bett befördern – ohne dass der Rücken beeinträchtigt wird. Ich glaube, man muss sich stets überlegen, wo die Hauptprobleme in der Pflege sind und dann sehen, mit welchen Techniken diese bewältigt werden können. Da können Systeme etwa aus dem Automobilbereich genommen und dementsprechend weiterentwickelt werden. Auch die Smartphonetechnologie bietet dabei Chancen – etwa im Bereich der Hausnotrufsysteme. Die Plattformen über die technische Hilfen ermöglicht werden können, gibt es also schon – und das zu einem Preis, den sich die Leute leisten können.
Zur Person:

Clemens Becker ist seit 2003 am Robert-Bosch-Krankenhaus, was auch Akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Tübingen ist. Er leitet das Kompentenzzentrum für Klinische Gerontologie und ist Chefarzt der Klinik für Geriatrische Rehabilitation. Seine Forschungsgebiete sind Sturzprävention, Frakturepidemiologie, Rehabilitation im Alter, Chronischer Schlaganfall, Pflegende Angehörige, Gerontechnologie.

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