Interessengemeinschaft will vermeiden, dass Tiere vor ihrem Tod Stress empfinden (Symbolbild). Foto: imago images/Shotshop/Markus Hoetzel

Eine baden-württembergische Interessensgemeinschaft hat sich das Ziel gesetzt, das Schlachten von Tiere möglichst stressfrei zu gestalten – durch eine Alternative zum Tiertransport ins Schlachthaus.

Todtnau - Es geht alles sehr schnell. Der stattliche Bulle, zwei Jahre alt, 350 Kilogramm Lebendgewicht, hat Appetit auf Leckerli. Jungbauer Felix Schätzle macht die Stalltür auf. Das Tier strebt auf einen Trog mit Kraftfutter zu. Als es sich darüber beugt, schließt sich ein Gatter um seinen Hals. Thomas Mayer holt sein Bolzenschussgerät hinter dem Rücken hervor, setzt es dem Tier an die Stirn und drückt ab. Das betäubte Tier wird mitsamt Boden und Gatter in den dahinter stehenden Anhänger gezogen. Mayer wartet, bis sich die Türen geschlossen haben. Dann setzt er den Bruststich, in einigen Sekunden ist der Bulle tot. Etwa zwei Minuten hat der Vorgang auf dem Hof in Präg im Schwarzwald (Landkreis Lörrach) gedauert. Weil der Bulle bis zuletzt nichts ahnte, habe er „keinen Stress vor dem Tod gehabt“, sagt Schätzle. Ermöglicht wird das durch die Interessengemeinschaft „Schlachtung mit Achtung“.

Hinter der IG stecken Menschen wie der Straßenbaumeister Thomas Mayer, der hobbymäßig eine kleine Rinderherde hält. „Ich wollte, dass meine Rinder in Würde sterben können“, erzählt der 56-Jährige vom Ursprung des Projektes. Und nicht nur seine. Wie es bei Tiertransporten und auf riesigen Schlachthöfen zugeht, hat ihm regelrecht den Appetit verdorben. Mit artgerechter Tierhaltung allein sei es auch nicht getan, sagt er: „Die Verantwortung für das Tier gilt bis zum Schluss.“ Mayer und der Metallbauer Peter Brandmeier (beide aus Kandern) haben zusammen die mobile Schlachteinheit mit Futterstand und Anhänger ausgetüftelt.

Der Schlachthof kommt zum Tier

Die in Sachen Organisation treibende Kraft ist die Industriekauffrau Sandra Kopf (51) aus der Gemeinde Fluorn-Winzeln am Ostrand des Schwarzwalds bei Oberndorf am Neckar. „Nicht das Tier soll zum Schlachthof, sondern der Schlachthof soll zum Tier kommen“, fasst sie die Grundidee zusammen. Dafür fanden die Organisatoren Gehör in Ministerien, beim Deutschen Ethikrat und bei Abgeordneten. Im November 2019 wurde die IG mit dem Tierschutzpreis des Landes bedacht.

Mit Beharrlichkeit hat es die Interessengemeinschaft geschafft, die Schlachtung auf dem Bauernhof für alle Haltungsformen so zu organisieren, dass sie rechtlich abgesichert ist. Rund 400 000 Euro seien in die Entwicklung der Methode investiert worden. Dazu kamen viele ehrenamtliche Arbeitsstunden für bürokratische Anträge, Bittgänge und Telefonate. 60 000 Euro Zuschuss wurden auf Antrag der Landtagsfraktion der Grünen vom Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz bewilligt. Eine weitere Förderung ist für die geplante hofnahe Schweineschlachtung genehmigt worden.

Töten mit Anstand

Das mag verwundern, denn am Ende werden immerhin Tiere getötet. „Schon, aber achtsam und mit Anstand“, betont Thomas Mayer. „Wir können die Welt nicht auf einen Schlag verändern“, ergänzt Sandra Kopf, „aber wir können einen Schritt dorthin machen.“ Letztlich werde an der Ladentheke über Tierwohl und die Gesundheit der Menschen entschieden. Viele Verbraucher seien für artgerechte Haltung, machten aber beim Blick auf das Preisschild einen Rückzieher.

Der Bulle ist mittlerweile ausgeblutet, auch die nächste Etappe geht schnell. Die mobile Schlachteinheit muss binnen 45 Minuten im Schlachthaus sein. Von Präg geht es in schneller Fahrt nach Wies im kleinen Wiesental. Im gemeindeeigenen „Schlachthüsli“ wird das Tier enthäutet und in zwei Hälften zerlegt. Schlachtmobil und „Schlachthüsli“ bilden rechtlich eine Einheit. Thomas Mayer säubert den Anhänger mit Wasser und muss schon wieder weiter: „Der nächste Kandidat wartet.“ Und ahnt noch nichts.

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