Viele Menschen sehnen sich danach, aus ihrem Alltag auszubrechen – und verharren am Ende doch. Was passiert aber, wenn man den Schritt ins Unbekannte wagt? Ein Aussteiger, ein Auswilderer und ein Community-Gründer erzählen.
Stuttgart - Johannes Graf Strachwitzist seiner Zeit voraus. Vor acht Jahren hat der Unternehmer die Idee, eine Kommune zu gründen, in der sich Gleichgesinnte an einer anderen Form des Zusammenlebens versuchen. 2012, als Corona noch nicht einmal ein ferner Albtraum und die Klimakrise noch nicht allgegenwärtig ist, erfüllt Strachwitz sich auf Bali den Traum von einer anderen Realität: weniger Ellbogen, mehr Miteinander. Analoger Austausch unter Freunden statt digitale Konfrontation mit Fremden.
„Anfangs war es eine Schnapsidee ohne Schnaps. Ich hing mit zwei Freunden auf Bali herum und erzählte von meinem Traum einer inspirierenden Hausgemeinschaft, in der ausschließlich Freunde leben“, sagt Strachwitz, den alle nur Strachi rufen, in seinem Büro im Stuttgarter Süden. Den drei Freunden kommt der etwas verwegene Gedanke, den Traum von einer Nachbarschaft, die mehr als den Zwang zur Kehrwoche beinhaltet, nach Bali zu transferieren. Wo sonst könnte man ein besseres menschliches Miteinander probieren als auf der Insel der Götter und Dämonen?
Zu den Mitbewohnern der Bali-Utopie gehört unter anderem Rapper Cro
Strachwitz, der in Stuttgart eine Agentur leitet und als Spielerberater tätig ist, kauft mit seinen beiden Freunden für relativ überschaubares Geld ein Stückchen Land auf der zu Indonesien gehörenden Insel. Auf der Suche nach weiteren Mitstreitern wird aus dem Stück Land ein größeres an anderer Stelle. Zu den Mitbewohnern der besonderen Community gehören heute unter anderem Popstar Cro und Alexis Dornier, Spross der Flugzeughersteller-Dynastie Dornier, der die Pläne der Bali-Utopie als Architekt umsetzt.
Während der 47-Jährige an seinem Rechner in seiner Agentur 0711 Bilder der Wohngemeinschaft auf Bali zeigt, tauscht er nebenher ein paar Whatsapp-Nachrichten aus mit dem Fußballtrainer Thomas Tuchel, mit dem Strachwitz seit Jahren befreundet ist. Penjiwaan lautet der Name seiner Community, was so viel wie Inspiration auf Indonesisch bedeutet. Heute gibt es dort Aufnahme- und Yoga-Studios, einen Basketballplatz und andere Möglichkeiten, die eigene Vorstellung einer idealen Welt zu ergründen. Wann immer es die Zeit zulässt, reist Strachwitz auf seine Traum-Insel, um dort Familie und Arbeit unter einen Hut zu bringen.
Tino Hanekamp hat sein Glück in Mexiko gefunden
Die Suche nach alternativen Realitäten scheint im Jahr 2020 so verbreitet wie seit 120 Jahren nicht mehr. Um die Jahrhundertwende herum suchen viele Menschen angesichts eines beängstigenden Tempos, in dem sich das Leben wandelt, nach Alternativen zum westlichen Lebensstil. „Ein jeder, der es sich leisten konnte, zog sich aus der Unruhe des Molochs Stadt in die Idylle eines weltabgewandten Landhauslebens zurück“, schreibt Reinhild Schwede in ihrem Buch „Wilhelminische Neuromantik. Flucht oder Zuflucht“ über die um 1900 aktuelle Stadtflucht. Künstler träumen sich in das „Land unserer Sehnsucht, wo es Städte gibt, deren Namen nicht nach schalem Alltag und rauer Wirklichkeit klingen“, wie es der Fin-de-Siècle-Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal formulierte.
Heute ist Eskapismus einfacher. Eine andere, vermeintlich bessere Welt ist nur noch wenige Stunden mit dem Flugzeug entfernt – wenn nicht gerade ein Virus die halbe Welt lahmlegt. Der Weg zum Glück wird mit der Außenwelt geteilt – zum Beispiel von Tino Hanekamp. Der 41-Jährige lebt seit 2018 mit seiner Partnerin Ixtel Castro Arreola und seinem Sohn im Süden Mexikos, eine Autostunde entfernt von der nächsten Stadt, San Cristobal de las Casas. Sein Aussteigerleben dokumentiert Hanekamp bei der Facebook-Tochter Instagram. Seine Instagram-Storys, zusammengeschnittene Videos und Fotos, funktionieren fast wie kleine Netflix-Serien.
Vom Clubbetreiber zum Selbstversorger auf zwei Hektar Wuchergarten
In Hamburg hatte Hanekamp einst zwei legendäre Clubs mit betrieben, die Weltbühne und das Uebel und Gefährlich und außerdem einen gefeierten Roman („So was von da“) geschrieben. Nach Mexiko hat ihn der Wunsch geführt, in der Natur zu leben. Vom Konzept des Eskapismus hält er nichts, wie er im E-Mail-Interview schreibt: „Wer Weltflucht betreibt, wird die Welt nicht ändern. Wir betreiben hier keinen Eskapismus. Wir leben hier in einer anderen Welt, die von Corona, dem Klimawandel und Scharlatanen wie Donald Trump ebenfalls betroffen ist“, schreibt Hanekamp.
In seinen Clubs in Hamburg sei es Hanekamp immer auch darum gegangen, „ein bisschen die Welt zu erschaffen, wie man sie sich vorstellt und wünscht“. Eine andere, friedliche Welt, hat sich Hanekamp nun im Hochland von Mexiko geschaffen, „auf zwei Hektar wohltemperiertem Wuchergarten“. Wie sehr sorgt er sich wegen Corona um sein Paradies? „Um uns haben wir keine Angst, eher machen wir uns Sorgen um die Leute um uns herum. Die sind sehr arm hier, auch ohne Corona, leben schutzlos, keine Krankenversicherung, kein gar nichts. Aber sie halten sich wacker, leben quasi postapokalyptisch, und der große, anfangs befürchtete Ausbruch ist zum Glück ausgeblieben.“
Stichwort Apokalypse: Was ist wichtiger in der Abgeschiedenheit: eine Waffe oder WLAN? „Eindeutig WLAN. Wenn man die Waffe braucht, ist es schon zu spät“, so Hanekamp. In seiner Kommune leben Enten, ein Schwein, eine Schlange, ein Baby-Kaiman und Hunde. Sind Tiere am Ende die besseren Weggefährten als Menschen? „Kommt drauf an, was man von einem Mitbewohner erwartet. Wir sind mit unseren jedenfalls sehr zufrieden.“
Wolfgang Schreil lebt im Bayerischen Wald im Einklang mit der Natur
Der letzte Satz hätte auch von Wolfgang Schreil stammen können. Schreil, Spitzname Woid Woife, „Woife für Wolfgang und Woid, weil ich aus dem Bayerischen Wald stamme“, verbringt sein Leben zwischen Luchs, Hirsch und Marder in einem Bauwagen am Rande des niederbayrischen Orts Bodenmais. Bei Facebook lässt Schreil teilhaben an seiner Art zu leben: im Einklang mit der Natur.
Wer per E-Mail um ein Telefoninterview zum Thema Eskapismus bittet, wird zunächst freundlich belehrt: „Als Realitätsverweigerer sehe ich mich nicht. Das, was ich den Menschen versuche weiterzugeben, ist alles sehr real“, schreibt der Mann mit dem markanten Vollbart. Falls das nicht störe, könne man gerne durchklingeln, „aber nicht vor 10 Uhr, da ich momentan am frühen Morgen im Wald sitze und auf die Hirschbrunft warte“.
Eindrücke von der Brunft-Beobachtung
Kein Problem, Hirsch geht vor. Erste Frage am Telefon: Wie läuft die Brunft-Beobachtung? Wolfgang Schreil holt aus und erzählt, dass die Hirschbullen aus bis zu 120 Kilometer Entfernung immer an dieselben Plätze zurückkehrten, weil sie wüssten, dass sie hier die passenden Hirschkühe finden. Klingt ein wenig nach paarungswilligen jungen Menschen in der Dorfdisco. Schreil lacht und erzählt weiter im wunderbaren, bayerischen Singsang vom Testosteronrausch der Hirschbullen, und dass die Männchen in der Paarungszeit bis zu 30 Kilo abnehmen. „Die denken nicht an morgen, sondern leben im Hier und Jetzt“, sagt Schreil. Was für ein Dialekt, was für eine Stimme: Man würde Schreil auch zuhören, wenn er einem Hirschbullen etwas zuröhren würde. Arbeitstitel für das Hörspiel: Woodcast.
Bis vor zwei Jahren hat der 45-Jährige als Totengräber gearbeitet. Heute pendelt er zwischen seinem Bauwagen und einer Wohnung, die er mit seiner Frau teilt. Seinen Lebensunterhalt verdient er sich als Wanderführer und Botschafter der Natur, er zeigt Kindern den Wald, schreibt Bücher und erklärt im Fernsehen den Zauber der Natur. „Und danach bin ich scheißfroh, wenn ich wieder meine Ruhe im Wald habe.“
Wolfgang Schreil kritisiert den aktuellen Lebensstil der Menschen
Einst hat Wolfgang Schreil Kraftsport betrieben. Vom Deutschen Meister im Steinheben wird er zum Naturschützer. „Heute ist mein Leben realer als das, was die Menschen seit 100 Jahren veranstalten. Wir haben uns abhängig gemacht: Ohne Aldi und Auto können sich viele ein Leben doch gar nicht mehr vorstellen.“ Man dürfe ihn nicht falsch verstehen: „Ich esse gerne Pizza, gucke gerne Netflix und schätze den Lebensstandard. Wir haben heute ein Leben, das früher nicht mal Kaiser hatten.“ Und dennoch seien viele Menschen unzufrieden. Tiere seien freier, unabhängiger. Und wenn doch mal eines Hilfe benötigt, kümmert Schreil sich. Zuletzt hat er zwei Marder mit der Flasche aufgezogen und sie danach ausgewildert.
Die Geschichte des Woid Woife zeigt, dass man für ein anderes Leben, für eine andere Realität nicht unbedingt nach Mexiko oder Bali fliegen muss. Manchmal liegt das andere, das bessere, Leben direkt vor der Haustür. Johannes Graf Strachwitz sieht das derzeit ähnlich: Im März, gerade noch rechtzeitig, flog er von Bali zurück nach Deutschland. Die Corona-Hochphase hat er mit seiner Familie an einem Ort verbracht, der ähnlich exotisch sein kann wie Bali: in der oberschwäbischen Abgeschiedenheit.