Alles nur Placebo? Blick in einen Schrank mit homöopathischen Präparaten in der Praxis einer Heilpraktikerin Foto: dpa

Alternative Heilmethoden liegen im Trend. Viele Patienten vertrauen auf die Kraft sanfter Medizin. In unserer Serie stellen wir Heilmethoden und Therapien der Welt vor.

Stuttgart - Kaum ein alternatives Heilverfahren entzweit die Menschen so sehr wie die Homöopathie. Die einen schwören darauf, die anderen halten sie für Quacksalberei. Ihre Anhänger preisen die therapeutischen Erfolge der bis zur Flüchtigkeit verdünnten Wirkstoffe, die in Kügelchen (Globuli), Tabletten und Lösungen angeboten werden.

Kritiker prangern sie als unwissenschaftlich an. Doch auch wenn sich die Wirkungen der Homöopathie nicht beweisen lassen, vertrauen zahlreiche Patienten in Deutschland auf Aconitum (Eisenhut), Arnica (Bergdotterblume) oder Belladonna (Schwarze Tollkirsche).

Der Südwesten ist Deutschlands Homöopathie-Hochburg. Firmen wie Weleda (Schwäbisch Gmünd), Wala (Bad Boll), Staufen-Pharma (Göppingen) oder Heel (Baden-Baden) stellen aus pflanzlichen, tierischen und mineralischen Substanzen homöopathische Präparate her.

Potenz D 78: wie ein Tropfen der Urtinktur im Universum

Das von dem deutschen Arzt Samuel Hahnemann (1755-1843) begründete Heilverfahren beruht auf zwei Säulen: der Ähnlichkeits- und Potenzierungsregel. „Ähnliches soll durch Ähnliches geheilt werden“, lautet der wichtigste Glaubenssatz. An Gesunden soll das Homöopathikum ähnliche Symptome hervorrufen wie die, an denen Kranke leiden.

Die Mittel wird in extrem niedriger Dosis zubereitet. Bei dieser sogenannten Potenzierung wird die Ursubstanz so lange mit einer Wasser- oder Alkohollösung verdünnt und verschüttelt, bis das Extrakt kein einziges Wirkstoffmolekül mehr enthält.

Einige Beispiele: Ein Mittel der Potenz D 23 (Verhältnis eins zu 100 Trilliarden) entspricht einem Tropfen der Urtinktur im Mittelmeer. Die Potenz D 78 entspricht eins zu einer Tredezillion – ein Tropfen im Universum. In Deutschland werden Mittel bis zu einer Potenz von D 1000 hergestellt. Hier streikt jedoch die Vorstellungskraft.

„Memory Effekt“ und Potenzierung

In der Homöopathie geht man davon aus, dass Stoffe in extremer Verdünnung stärker wirken als in konzentrierter Form. Dass in den Mitteln keinerlei Rückstände der Ursubstanz mehr vorhanden sind, ist irrelevant, weil deren Informationen im Wasser „energetisch“ gespeichert sind. In der molekularen Struktur von H2O werden Informationen wie auf einem Magnetband gespeichert. Auf diesem Memory-Effekt beruht die Homöopathie.

Die Homöopathie behandelt keine Krankheiten und Symptome, sondern den ganzen Menschen. Eine sanfte, ganzheitliche Medizin ohne Nebenwirkungen, betonen ihre Anhänger, die oft helfe, wenn die Schulmedizin versagt – vor allem bei chronischen Leiden wie Heuschnupfen, Neurodermitis, Migräne oder Allergien.

Kritiker: Reine Glaubenssache

Die zahllosen Kritiker sind da ganz anderer Meinung. Für sie ist die Homöopathie reine Glaubenssache, für die es keine wissenschaftlichen Beweise gibt. Sie gehen davon aus, dass mögliche Erfolge ausschließlich auf einem Placeboeffekt beruhen. Placebos sind vorgetäuschte Behandlungen oder Scheinmedikamente, die wirken können.

Schon die Vorstellung, dass man eine Arznei erhält, kann bei vielen Patienten einen Heilungseffekt bewirken. Der Placeboeffekt ist allerdings keineswegs auf die Homöopathie beschränkt, sondern spielt auch in der Schulmedizin eine wichtige Rolle.

Fazit: Wer hat Recht?

Der Mediziner David Klemperer, der von 2009 bis 2011 Vorsitzender des Deutschen Netzwerks evidenzbasierter Medizin war, sieht in der Homöopathie „puren Aberglauben“. „Die Theorie ist mehr als abenteuerlich und hat in 200 Jahren nicht den kleinsten Krümel Evidenz gewonnen“, erklärt der Regensburger Sozialmediziner. Es gebe „null Belege“, dass sie eine spezifische Wirkung habe, die über den Placeboeffekt hinausgehe. Allenfalls mag sie geeignet sein, so Klemperer, um eine positive Erwartungshaltung zu wecken.

Wer nun hat Recht? Für den Erfolg der Homöopathie scheint dies unerheblich. Unbeeindruckt von schulmedizinischer Skepsis vertrauen sich immer mehr Menschen Hahnemanns Jüngern an. „Unser Nachweis sind schlicht und einfach die Patienten“, sagt der homöopathische Arzt Wolfgang Springer aus München.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: