Im Kreis Ludwigsburg könnte einer der größten Windparks der Region entstehen. Zudem ist eine gewaltige Freiflächen-PV-Anlage angedacht. Der Standort unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von vielen anderen.
Es ist etwas ungemütlich an diesem Herbstnachmittag im Gewann Weitfeld. Es tröpfelt, Spaziergängern bläst eine tüchtige Brise um die Ohren. Man könnte es aber auch aus einer anderen Perspektive sehen und sagen: Es ist ein perfekter Tag, um aus Windkraft Strom zu gewinnen. Der Gedanke schießt jedenfalls Benjamin Boy durch den Kopf, als er hier draußen vor den Tore von Vaihingen/Enz auf einem Feldweg entlangmarschiert und seine Pläne für das Gelände erläutert. Der 43-Jährige möchte auf einer Länge von rund dreieineinhalb Kilometern mit seiner Stromernte GmbH und im Schulterschluss mit den Stadtwerken Stuttgart einen Windpark errichten, und zwar einen der größten in der ganzen Region.
60 Prozent der benötigten Grundstücke gepachtet
Wenn alles klappt, könnte die Anlage „vielleicht noch vor 2030 ans Netz gehen“, sagt Boy. Der Unternehmer weiß, dass bis dahin einige Hürden zu nehmen sind. Es brauche beispielsweise ein Gutachten über die Tiere, die sich auf den Äckern tummeln. Man müsse sich ferner mit den Grundstückseigentümern einig werden und vor allem der Landkreis als Genehmigungsbehörde am Ende seinen Segen geben.
Allerdings fängt die Stromernte GmbH nicht bei null an. „Wir haben schon 60 Prozent der Grundstücke, die wir brauchen, gepachtet“, sagt Boy. „Das Interesse der Landwirte ist groß und das Angebot für sie attraktiv“, sagt der Mann der Stromernte GmbH, der die Gesellschaft Anfang des Jahres mit seinem Kompagnon Julian Schreder gegründet hat, aber schon davor für andere Firmen vergleichbare Projekte umgesetzt hat.
Außerdem ist das rund 200 Hektar große Areal zwischen dem interkommunalen Gewerbegebiet Eichwald bei Sachsenheim und den Hochspannungsleitungen beim Flugsportverein Vaihingen im Entwurf zum Regionalplan als Vorranggebiet für Windkraft verankert, also für eben diesen Zweck auserkoren. Die Fläche müsse gegebenenfalls „wegen der Berücksichtigung der Platzrunde des Flugplatzes Vaihingen etwas angepasst werden“, sagt zwar Thomas Kiwitt, Chefplaner des Verbands Region Stuttgart (VRS). Solange die Planungen allerdings „innerhalb des geplanten Vorranggebiets liegen, sind grundsätzliche Konflikte nicht zu erkennen“, stellt er klar.
Bau auf der freien Fläche möglich
In der Tat scheint es auf den ersten Blick kein alles überstrahlendes Argument zu geben, dass gegen einen Windpark an dieser Stelle sprechen würde. Die Siedlung ist weit weg, es müsste nach Lage der Dinge kein übermäßig wertvoller Naturraum geopfert werden. „Das ist eine der wenigen Freiflächen im Landkreis Ludwigsburg, die für die Windkraft infrage kommen. Viele andere Vorranggebiete liegen im Wald“, erklärt Benjamin Boy. Fast logisch also, dass ihm das Potenzial des Geländes ins Auge stach.
Acht Windräder wolle man realisieren, fünf auf Oberriexinger, drei auf Vaihinger Gemarkung. Inklusive Rotor sollen die Anlagen zwischen 250 und 270 Meter hoch werden und zusammen eine Leistung von fast 60 Megawatt haben. „Damit können rechnerisch rund 25 000 Haushalte mit Strom versorgt werden“, sagt Boy.
Das an sich wäre schon ein Statement. Doch zum Vorzeigeprojekt wird das Ganze dadurch, dass auf Tuchfühlung zu dem Windpark eine Freiflächen-PV-Anlage an den Bahngleisen zwischen Vaihingen und Bietigheim-Bissingen montiert werden soll. Bei einer Leistung von nochmals 40 Megawatt könnten weitere 10 000 Haushalte mit Strom beliefert werden. Die Planungen sehen zudem ein Umspannwerk vor, das sowohl die Wind- als auch die Solarenergie verarbeiten kann. Alles in allem werde man dafür rund 105 Millionen Euro investieren, sagt Benjamin Boy. „Denkbar ist auch, dass wir eine Batterie installieren, um den Strom zu speichern oder ihn in Wasserstoff umzuwandeln“, erklärt er.
Bürger können sich eventuell einbringen
Den Windpark wird man wohl nur mit den Stadtwerken als Partner stemmen, Bürgerbeteiligungsformen sind aber denkbar. Für die Freiflächen-PV-Anlage wurde bereits eine Beteiligungsgesellschaft gegründet. Die Stadt Vaihingen, auf deren Gemarkung der betreffende Abschnitt der Zugstrecke liegt, könnte, sofern gewünscht, noch mit eigenen Flurstücken bei dem Solarparkprojekt einsteigen.
Das mit Abstand größte Areal bringt der Kleinglattbacher Landwirt Derk Groeneveld für die Freiflächen-PV-Anlage ein. Er und sein Mitstreiter Thomas Dippel engagieren sich seit geraumer Zeit für das Vorhaben. Die beiden gingen mit der Idee schon vor Jahren an die Öffentlichkeit, als sie für ein klimaneutrales neues Wohngebiet bei Kleinglattbach warben. Windkraft spielte in ihrem Energiekonzept gleichfalls eine Rolle. Eine der jetzt geplanten Anlagen könnte sich sogar auf einem Grundstück von ihm drehen, sagt Groeneveld, der sich freut, dass die Überlegungen nun – wenn auch losgelöst von einem Neubaugebiet – in die Tat umgesetzt werden sollen.
Wie die betroffenen Kommunen zu dem Windpark plus Freiflächen-PV-Anlage stehen, wird sich zeigen. Das Thema müsse erst in den Gemeinderatsgremien behandelt werden, ehe man sich äußern könne, heißt es sinngemäß unisono aus den Rathäusern von Vaihingen und Oberriexingen.
Wie es mit der Windkraft-Planung weitergeht
Auswertung
Im Landkreis Ludwigsburg dreht sich bis dato nur ein Windrad, das in Ingersheim. Im Entwurf zur Teilfortschreibung des Regionalplans sind nun mehrere weitere Standorte enthalten, unter anderem bei Großbottwar, Eberdingen, Bönnigheim und Vaihingen. Die Stellungnahmen dazu werden gerade ausgewertet und man wolle damit noch in diesem Jahr in die Regionalversammlung gehen, sagt Thomas Kiwitt, Planungsdirektor beim Verband Region Stuttgart. Im nächsten Jahr solle das Verfahren abgeschlossen werden.
Anträge
Beim Landratsamt Ludwigsburg liegen derzeit keine Anträge für baugenehmigungspflichtige oder immissionsschutzrechtlich genehmigungspflichtige Windkraftanlagen vor. „Ein konkretes Projekt ist uns in Hemmingen bekannt, dazu fand bereits eine Vorantragskonferenz statt“, erklärt Pressesprecher Andreas Fritz. Dort sollen vier Windräder schon 2026 in Betrieb gehen, mit einer Gesamtleistung von rund 29 Megawatt.