Bei seiner Sommertour machte sich der Landtagsabgeordnete Andreas Deuschle (CDU) ein Bild von der Demenz-Wohngemeinschaft in Nellingen. Die Betreiber solcher Modelle wünschen sich mehr Unterstützung vom Land.
Den Einkäufen auf dem Wochenmarkt in der Nellinger Halle fiebert Ingrid Buban entgegen. „Wir machen uns eine Liste und kaufen dann gemeinsam ein“, sagt die Seniorin, die in der Demenz-Wohngemeinschaft des Vereins Zusammenhalt lebt. Dabei legt sie Wert auf regionale Produkte. In dem Bürgerprojekt leben neun Männer und Frauen, die sich nicht mehr selbst versorgen können. Sie werden von Alltagsbegleiterinnen betreut. „Das ermöglicht ein selbstbestimmtes Leben, solange es geht“, sagt Wolfgang Maier, der Vorsitzende des Vereins Zusammenhalt.
Bei seiner Sommertour besuchte der Landtagsabgeordnete Andreas Deuschle (CDU) die Wohngemeinschaft in der Esslinger Straße in Nellingen. „Dass dieses Projekt mit Bürgerbeteiligung realisiert wurde, ist vorbildlich“, sagte der Landespolitiker bei dem Besuch. Doch das Modell lässt sich angesichts der politischen Rahmenbedingungen immer schwerer realisieren. Deshalb gab Maier dem Landtagsabgeordneten eine Wunschliste mit auf den Weg. Diesem Thema möchte sich auch der Ostfilderner Stadtrat David Preisendanz widmen, der für die CDU im Kreis Esslingen als Bundestagskandidat antritt und der Deuschle begleitete. Die hohen Kosten für solche Wohnmodelle sieht auch der Landespolitiker kritisch. „Es muss für mehr Seniorinnen und Senioren im Alter möglich sein, selbstbestimmt zu leben“, sagte er beim Besuch der Demenz-WG.
Der Jurist Wolfgang Maier, der selbst jahrelang für die Freien Wähler im Ostfilderner Gemeinderat saß, hat das Wohnprojekt in Nellingen auf eine finanziell solide Basis gestellt. Bauherr und Vermieter der WG ist die Erich und Liselotte Gradmann-Stiftung, die das Projekt unterstützt und gefördert hat. „Uns geht es darum, ein gutes Älterwerden in der Stadt zu ermöglichen“, bringt Wolfgang Maier das Konzept auf den Punkt. Das Miteinander klappt in der Nellinger Wohngemeinschaft bestens.
Gute Gemeinschaft mit vielseitigem Programm
Auf der Terrasse mit Blick auf den schönen Garten der Volkshochschule treffen sich die Männer und Frauen. „Das ist an Sonnentagen einfach schön“, findet der Bewohner Helmut Roos, der die gute Gemeinschaft in der WG schätzt. „In der Corona-Zeit haben hier Kinder der Musikschule für die Bewohnerinnen und Bewohner musiziert“, erinnert sich Deuschle. Den Menschen Teilhabe am Leben in der Stadt zu ermöglichen, sei ein wichtiges Ziel. Mit Hilfe der Alltagsbegleiterinnen kochen die Männer und Frauen in der großen Küche auch selbst. „Da schmeckt es einfach am besten“, findet Birgit Krause, die die Wohngemeinschaft leitet. Ingrid Buban schnippelt Gemüse. Auf die Frage, was es denn zum Essen gibt, lächelt sie vielsagend. Das bleibt geheim.
Die Zimmer sind mit Vorhängen in unterschiedlichen Farben leicht zu erkennen. An jeder Tür hängt ein Foto der Bewohner. Das ist nach Krauses Worten „eine gute Hilfe zur Orientierung“. Ein großer Vorteil dieses Wohn- und Betreuungsmodells sei es, „dass wir Zeit für die Menschen haben und sie nach ihren Fähigkeiten fördern.“ Unverzichtbar ist in diesem Konzept die Mitarbeit der Angehörigen. Sie pflegen nicht nur die Hochbeete auf der Terrasse, sondern gestalten das Leben in der Wohngemeinschaft aktiv mit.
Zum Sommerbesuch des Landespolitikers Deuschle hatte Vereinschef Wolfgang Maier Forderungen der Landesarbeitsgemeinschaft Betreute Wohngemeinschaften (Labewo) mitgebracht: „Das vorbildliche Modell, das viel freiwilligen Einsatz aller Akteure erfordert, steckt in der Krise.“ Obwohl diese Wohn- und Betreuungsform stark nachgefragt sei, gebe es immer weniger Neugründungen. „Es braucht zwingend eine konkrete Unterstützung vonseiten des Landes“ ist in dem Papier der Labewo nachzulesen. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für den Bau und den Betrieb haben sich nach Ansicht des Landesverbands in den vergangenen Jahren verschlechtert. Massive Steigerungen bei den Bau- und Energiekosten stünden dem Wegfall wichtiger Fördermöglichkeiten gegenüber. Diesbezüglich nennt der Verband die Investitionskostenförderung des Landes sowie die Förderung durch die KfW-Bank.
Der Verband fordert, „dass bauliche Anforderungen an anbietergestützte und vollständig selbstverantwortete Wohngemeinschaften flexibler gehandhabt werden“. Außerdem bedürfe es einer verlässlichen Anschubfinanzierung. Neben der Förderung von Investitionskosten sollten Anreize für genossenschaftliche Modelle geschaffen werden. Auch die Gewährung von Sozialhilfe sei noch nicht geklärt.
Gutes Älterwerden in Nellingen
Bürgerkonzeption
Im Rahmen der Quartiersentwicklung in Nellingen hat die Stadt Ostfildern bereits 2018/19 einen Prozess der Bürgerbeteiligung angestoßen. Im Rahmen der integrierten Stadtentwicklungsplanung hat die Kommune mit 40 000 Einwohnern ein Konzept für „Gutes Älterwerden in den Stadtteilen Ostfilderns“ erarbeitet.
Verein Zusammenhalt
Viele Menschen wünschen sich, im Alter nicht allein zu sein und bei wachsender Hilfebedürftigkeit nicht allein gelassen zu werden. Sie wollen möglichst lange selbstständig in vertrauter Umgebung leben. Das will der Verein Zusammenhalt möglich machen. Er entwickelt innovative gemeinschaftliche Wohnformen in Nellingen.
Die Wohngmeinschaft
Die WG „Zusammenhalt“ ist eine „vollständig selbstverantwortete Wohngemeinschaft“. Die Angehörigen bringen sich ein und dürfen mitbestimmen. Mit dem Pflegedienst Nikolaus-Cusanus-Mobil bilden die Angehörigen, unterstützt durch den Verein Zusammenhalt, eine Verantwortungsgemeinschaft.