Dennis Shipley vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband. Foto: Lichtgut

Als Unternehmer in der Gastronomie sieht sich Dennis Shipley in der Pflicht aufzuklären – über falsche Erwartungen zur Mehrwertsteuersenkung. Womit der Gast rechnen kann.

Die angekündigte Senkung des Mehrwertsteuersatzes für die Gastronomie bereitet Dennis Shipley Sorgen. Für die Wirte würde sie zwar Erleichterung bringen, die Gäste könnten jedoch falsche Erwartungen damit verbinden. Denn laut dem Geschäftsführer der Alten Kanzlei wird das Essengehen wohl nie wieder günstiger.

 

Herr Shipley, freuen Sie sich auf die Steuersenkung für die Gastronomie?

Beschlossen ist da noch gar nichts! Es sollte zum 1. Januar 2026 passieren – allerdings unter Haushaltsvorbehalt. Außerdem werden bei dem Thema falsche Erwartungen geweckt. Das ist problematisch.

Dass das Essengehen dann billiger wird?

Genau. Viele Konsumenten sind tatsächlich der Meinung, dass es daraufhin Preissenkungen geben wird. Diese Erwartung muss man dämpfen. Die Idee hinter der Senkung des Mehrwertsteuersatzes ist eine andere: Die Branche soll entlastet werden, denn sie steht mit dem Rücken an der Wand.

Der Zwiebelrostbraten kostet in der Alten Kanzlei 34,50 Euro – daran wird sich in nächster teit auch nichts ändern. Foto: Michael Weier

Manche Leute würden jetzt sagen: typisches Gastronomengejammere . . .

Es gibt so viele Insolvenzen wie noch nie. Das ist das einzige Plus, das die Branche momentan verzeichnet. Restaurants mit Bedienung schließen, stattdessen öffnen mehr Imbisse. Seit 2023 ist der Umsatz in den Speiserestaurants um 7,2 Prozent gesunken. Alle Kosten sind gleichzeitig gestiegen – fürs Personal um 34 Prozent, für Nahrungsmittel um fast 28 Prozent, für alkoholfreie Getränke um 30 Prozent. Auch Energie kostet bekanntermaßen mehr. Noch ein Beispiel: Ein Stuhl für unsere Terrasse kostet heute drei Mal so viel wie vor der Corona-Pandemie. Und unser betriebswirtschaftliches Ergebnis ist heute nach wie vor schlechter als es im Jahr 2019 war.

Andere Branchen haben ebenfalls mit gestiegenen Kosten zu kämpfen.

Andere Branchen haben ebenfalls die Preise erhöht. Die Gastronomie polarisiert sehr, bei uns wird drei Mal hingeschaut. Wir fordern nur Steuergerechtigkeit, keine Sonderbehandlung. Es ist an der Zeit. Warum werden Gerichte zum Mitnehmen nur mit sieben Prozent besteuert? Gastronomen, die Kellner, Tischdecken und Toiletten vorhalten, müssen dagegen 19 Prozent Mehrwertsteuer bezahlen. In der Lebensmittelbranche sollten alle den gleichen Satz bezahlen. Diese Praxis ist in Europa gang und gäbe.

In Waiblingen verkauft ein Wirt den Rostbraten schon jetzt für knapp neun Euro. Wie passt diese Kalkulation zu Ihren Aussagen?

Die Gastronomie ist ein sehr wettbewerbsintensiver Markt. Wer es sich erlauben kann, wird die Preise senken, um Gäste zurückzugewinnen. Es kommt darauf an, ob man Spielraum hat. Ich halte es nicht für ratsam.

Was planen Sie für die Alte Kanzlei?

Ich werde Einzelaktionen machen mit bestimmten Gerichten, aber nicht grundsätzlich die Preise um zwölf Prozent senken.

Was kostet denn der Rostbraten in Ihrem Restaurant am Schillerplatz?

Der Rostbraten liegt bei 34,50 Euro. Wir haben eine Rubrik namens „Kleine Gerichte“ eingeführt, die erfreut sich großer Beliebtheit – nicht weil die Gäste weniger Hunger haben, sondern weil sie sparen wollen. Da gibt es ein Kalbsschnitzel mit Kartoffel- und Gurkensalat für 18,70 Euro.

Es klingt wie ein Teufelskreis: Der Umsatz geht zurück, weil die Gastronomie teurer wird, und die Gastronomie wird teurer, weil der Umsatz zurückgeht.

Das ist richtig. Die Frequenz darf nicht fehlen. Es bringt jedoch nichts, nichts mehr zu verdienen. Das wäre sinnbefreit. Wenn die Kalkulation eines Gerichts nicht korrekt ist, habe ich auch keinen Gewinn, wenn ich es zehn Mal mehr verkaufe. Es kommt auf die Ware an, die auf dem Teller liegt. Gerichte lassen sich nur billiger machen, wenn man etwas damit verkuttelt wie einen höheren Getränkeabsatz. Oft subventionieren die Linsen mit Spätzle auch den Zwiebelrostbraten. Jeder Wirt hat eine Mischkalkulation. Am Ende müssen die Zahlen stimmen, denn etwa 70 Prozent des Umsatzes in einem Lokal gehen für Waren und Personal drauf.

Welche Entwicklung sehen Sie in der Gastronomie?

Die Gäste gehen bewusster aus und weniger. Es sinkt jedoch nicht nur die Nachfrage, auf der Angebotsseite gibt es ebenfalls Verknappung ohne Ende. Lokale haben seltener geöffnet und schließen früher, wenn es nicht rentabel ist. Dass Gäste abends bei einem Bier hocken bleiben, ging mal, als es finanzierbar war. Ein Gastronom macht 80 Prozent seines Umsatzes in 20 Prozent der Öffnungszeit. Unser Leonhardts im Fernsehturm öffnen wir nur samstags und sonntags, sonst würden wir Minus machen. Nur ein Familienbetrieb kann anders rechnen, weil die eigenen Arbeitsstunden oft nicht zählen.

Gibt es wenigstens eine gute Nachricht für die Gäste?

Immerhin wird das Essengehen nicht teurer werden! Der Preis für unseren Zwiebelrostbraten bleibt erst mal für längere Zeit stabil. Mit der Aussicht, dass der Mehrwertsteuersatz Anfang 2026 gesenkt wird, halten nämlich viele Gastronomen den Atem an und fiebern dieser Erleichterung entgegen.