Der alte weiße Mann wartet auf den nächsten Aufschlag. Kann er retournieren? Foto:  

Der alte weiße Mann ist modischer Kampfbegriff gegen alles, was im Wege steht, was als konventionell gilt und überkommen. Woher stammt der Begriff eigentlich? Und: Ist jung und naiv besser?

Stuttgart - „Die Frau hat das Recht, das Schafott zu besteigen. So muss ihr auch das Recht zugestanden werden, eine Rednertribüne zu besteigen.“ Welch ein weiter Weg liegt zwischen diesem Satz, den in der Französischen Revolution die Frauenrechtlerin Olympe de Gouges sprach, und jenem, den man heute in einer jüngst erschienenen Publikation lesen kann: „Der Feminismus ist für die Gesellschaft das, was das Rauchverbot für die Kneipen war.“ Olympe de Gouges bestieg 1793 für ihre Forderung tatsächlich das Schafott. Sophie Passmann, die in ihrem Buch „Alte weiße Männer“ die eben zitierte erfreuliche Feststellung macht, dass der Feminismus nicht ärgerlicher mehr sei als eine versagte Zigarette, schafft es mit ihrem Diktum auf die Bestsellerliste.

Vom Schafott auf die Bestsellerliste – dies der stolze Siegeszug, der dem Widerstandsgeist der Frauen beschieden ist, seit sie begonnen haben, auf Gleichheit vor dem Gesetz und Gleichberechtigung im Leben zu bestehen. Sophie Passmanns Buch wird allerorten diskutiert, und sie besteigt, wofür Olympe de Gouges so teuer hatte büßen müssen, die Rednertribüne, die nun Fernsehen heißt. Verständlich, dass sie diesen ihren Aufstieg nicht hoch genug einschätzen kann. „Goldene Zeiten stehen dem Feminismus bevor“, so verkündet sie im Buch, das eine Galerie aus Porträts „alter weißer Männer“ zusammenstellt, die, so nimmt sie an, dem Siegeszug noch im Wege stehen.

Emanzipation: Worte statt Waffen

Recht hat Passmann mit dem Stolz auf ihren Erfolg und den aller Frauen, gehört doch die Emanzipation zu den größten Leistungen der europäischen Geschichte. Noch dazu war sie eine Revolution, eine Revolution im Hintergrund. Die Gleichberechtigung der Frau ist zwar Teil jener sozialen Verbesserungen, aus denen seit den Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts eine demokratische Gesellschaft entstand, doch vollzog sich der Wandel des weiblichen Daseins als Widerstand, der nur Worte brauchte, nie Waffen; der auf Beharrlichkeit setzte, nicht auf aufsehenerregende Siege.

Im Kontext der wortreichen weiblichen Auseinandersetzung der Frauen mit den Männern ist Sophie Passmanns Buch – fast – eine Neuigkeit. Seit je schreiben Männer über Frauen, Frauen fast nie über Männer. Zwar ist das Frauenbild der Männer meist der Fantasie entsprungen, Frauen hingegen sind – wenn sie schon einmal den Mann zum Thema machen, wenngleich meist als „Freundinnen bedeutsamer Männer“ – Realistinnen.

Sündenbock für alles

Nun aber schreibt Sophie Passmann gar über 15 Männer, ist also nicht die Freundin eines bedeutenden Mannes, sondern macht den einzelnen Mann zum Vertreter seiner Gattung, zum Mannschaftsmitglied. Früher hatten Frauen Männer in ihre Salons eingeladen und sahen sich durch sie geehrt. Sophie Passmann hingegen flaniert durch Berlin, lässt sich an diesem oder jenem Tischchen nieder und gewährt einigen Auserwählten eine Stippvisite.

Auf dem Buchtitel allerdings wirbt sie mit einem Schlagwort, um dessen Herkunft und Bedeutung weder sie sich selbst noch sonst wer kümmert, der es heute verwendet: Der „alte weiße Mann“ ist in Mode und der Sündenbock schlechthin, nicht nur für unangemessenes Verhalten der Männer Frauen gegenüber, sondern für jegliches politisches Fehlverhalten. „Die deutsche Wirtschaft ist ein alter weißer Mann“, schrieb Hans Monath schon 2012 im „Tagesspiegel“ und zitierte damit Ursula von der Leyen.

Inzwischen ist der „alte weiße Mann“ so ziemlich verschüchtert, da Vorwürfe noch und noch auf ihn herniederprasseln. „Hört endlich auf zu jammern“, rief deshalb kürzlich Till Raether im Magazin der Süddeutschen Zeitung den Viel­gescholtenen, zu denen auch er sich zählt, zu und holte zu einer moralischen Selbstreflexion aus: „Keiner von uns hat es sich ausgesucht, alt, weiß und ein Mann zu sein. Aber jeder einzelne sucht sich aus, ob er weiter auf Kosten anderer davon profitieren möchte.“

Und so gestand denn folgsam auch Enno Park in der Sendung „Die Welt aus Alter-Weißer-Mann-Sicht“ im Deutschlandfunk: „Ich bekenne mich schuldig.“ Ironisch titelt die Zeitschrift „Cicero“: „Sind junge Frauen die besseren alten Männer?“

Leisten die Männer noch Widerstand?

Da Charakter und Erscheinung dessen, der zu den „alten weißen Männern“ zählt, so vage sind wie möglich, dürfen auch die Männer, die sich die 25-jährige Autorin zum Gespräch aussucht, ein Alter haben, das ihr am ehesten liegt. Die meisten ihrer Gesprächspartner sind zwischen 35 und 45 Jahre jung.

So entsteht zwischen der kecken Flaneurin und ihren entgegenkommenden Interviewpartnern gerade die Situation, die Männer am liebsten haben: Mann in bestem Alter trifft junge Frau. Diese ist klug, ihr Kampfgeist, verspielt, wie er ist, weiß Zweifel, die allenfalls Männer über den neuesten Auftritt einer Frau äußern könnten, als wohlwollende Gesprächsanregung zu deuten, und so mag man den Eindruck haben, dass der letzte Widerstand der Männer gegen die Gleichstellung der Frau durch schlaue Mädchen bequem aus der Welt geschafft werden könnte.

Aber letztlich hat Sophie Passmann die falschen Männer eingeladen. Sie denkt taktisch genug, um nur Männer zu befragen aus jenen Bereichen der Kultur, in denen sie selbst reüssieren will. Ihre Gesprächspartner sind Chefredakteure von Zeitungen, Blogger, Moderatoren, Reporter, ein „Talkshow-Krawallo“ ist darunter und ein Spitzenkoch. Es sind dies fast alles Intellektuelle, denen sie die nicht allzu gefährliche Fangfrage stellt: „Was halten sie vom Feminismus?“, eine Frage, auf die für Leute, die in der Kultur tätig sind, die glattesten Antworten vorgefertigt bereitliegen. Keiner dieser Männer äußert eine eigne Meinung, jeder zieht eine Nummer, auf der eine Standardantwort steht.

Um welche Männer geht es eigentlich?

Wie aber wäre dies Festival zur Eröffnung des „Goldenen Zeitalters der Frau“ verlaufen, wenn Passmann wirklich alte Männer geladen hätte? Wären diese überhaupt erschienen? Hätten sie sich mit einer jungen Frau auf dem Boulevard gezeigt, all die Topmanager, Vorstände und Vorstandsmitglieder großer Banken, die Kapitalisten mit der Jacht im Mittelmeer?

Wären sie geschmeidig gewesen wie die Intellektuellen, die, da selbst in einer Randposition des gut verdienenden Geschäftslebens, seit je das Vorgehen der Frauen unterstützen? Oder hätten die Wirtschaftsführer gezögert mit den Antworten, hätten gestottert gar? Hätten sie ihre Unbeholfenheit mit dem für sie so fern liegenden Thema eingestanden? Geflohen sind sie eigentlich schon im Voraus, da ein Gespräch dieser Art für sie gar nicht infrage kam und die Autorin, wohl wissend, lieber gleich darauf verzichtete.

Stattdessen läuft ein Schauturnier ab mit zaghaften weiblichen Aufschlägen, fairem männlichen Return und erneutem weiblichen Angriff; es verwundert nicht, dass dies Meisterschaftstraining ein breites Publikum amüsiert. Der Spaß macht vergessen, dass da etwas nicht stimmt, und das ist mehr als die Über­beschäftigung von Managern, die mit einer jungen Frau zu sprechen keine Zeit haben.

Wirtschaft: Ganz oben sind Frauen immer noch selten

Ganz so glänzend nämlich ist der Erfolg der Frauen nicht, denn er führt sie bislang fast nur in Berufe, die ihr Prestige eingebüßt haben, weshalb Männer sie gerne aufgegeben haben. Zunächst war es der „Volksschullehrer“, der sein Ansehen verlor, sodass die ersten berufstätigen Frauen diese Aufgabe übernahmen; geehrt waren sie zwar, doch hatten sie dafür zu büßen, denn Männer wollten keine kluge Frau heiraten, und die Gesellschaft bestätigte sie, indem sie die Verschmähten verspottete als „alte Jungfern“. Bald konnte die Frau Gymnasiallehrerin werden oder Apothekerin; heute ist sie Professorin in den geisteswissenschaftlichen Fächern oder übernimmt den Posten der Museumsleiterin. Weit kann es die Frau bringen, auch gut verdienen, nie aber, und darauf legen Männer wert, so gut wie im Topmanagement. Diese Positionen halten sie für sich frei, denn männlicher Erfolg bemisst sich mehr am Geld denn am Ruhm.

Das Schlagwort vom „alten weißen Mann“ kann man also noch gut gebrauchen; es ist zugkräftig, gerade weil es die Erinnerung an seine ernste politische Herkunft eingebüßt hat. Entstanden in den USA, diente es den Sklaven als Losung gegen ihre weißen Herren. Amerikanische Studenten übertrugen in den 70er Jahren den Kampf gegen den „weißen“ Mann auf die Universität; sie wandten sich gegen den Bildungskanon, der nur aus Schriften „toter weißer europäischer Männer“ bestehe. Nun war der „weiße“ Mann wirklich alt, uralt, ältester Bildungshochmut, der von Platon bis zu Kafka reichte.

Politisch korrekt: Mehr Schwule, Schwarze und Frauen

Die Forderung lautete, stattdessen die Kulturen aller Ausgeschlossenen in den Kanon aufzunehmen: der Schwarzen und aller Nicht-Europäer, der Frauen und Homosexuellen. An die Vergangenheit wie an die Gegenwart wurde der Maßstab der „Political Correctness“ gelegt. So entstand in den USA eine eigene Disziplin, die „Colonial Studies“, die nun auch an deutschen Universitäten Lehrstühle besetzt.

„Alt und weiß“ ist inzwischen der Schlachtruf für alle, die sich als „jung und naiv“ verstehen – so der Titel einer Fernsehsendung. Man kann von einer neuen Jugendbewegung sprechen, und sie ist seit der Studentenbewegung der erste Versuch dieser Generation, wieder Einfluss auf das politische Leben zu gewinnen.

Info

Unsere Autorin Hannelore Schlaffer, 1939 geboren, ist freie Schriftstellerin und lebt in Stuttgart. Bis 2001 war sie außerplanmäßige Professorin für Neuere Deutsche Literatur in Freiburg und München.

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