Im Jahr 1975 ging der Gemeindeverwaltungsverband Plochingen an den Start. Trotz seiner wichtigen Funktion nimmt ihn die Bevölkerung bis heute kaum wahr.
Vielleicht würden die Menschen heute in Plozisau, in Deizibach oder in Altingen wohnen, wäre die Gemeindereform in den 1970er-Jahren anders umgesetzt worden. Doch durch die Gründung des Gemeindeverwaltungsverbands (GVV) Plochingen, zu dem auch Altbach und Deizisau gehören, ist die Selbstständigkeit der drei Kommunen am Neckar einst gesichert worden. Jetzt feiert der Verband sein 50-jähriges Bestehen.
Die meisten Bürgerinnen und Bürger fangen mit dem Wort „Gemeindeverwaltungsverband“ wenig an. „Viele wissen gar nicht, was der GVV ist, zumindest nicht, welche Funktion er hat“, sagt Gerhard Schmid, der 24 Jahre lang – bis 2009 – Bürgermeister von Deizisau war und den Verband schätzen gelernt hat. Dieser sei letztlich der Fahrschein in die Selbstständigkeit gewesen. Denn die 1970er-Jahre waren die Zeit der Gemeindereform im Land. Kleinere Ortschaften sollten sich zusammen- oder größeren anschließen.
Esslingen zeigte Begehrlichkeiten in Richtung Altbach und Deizisau
Von Esslinger Seite aus habe es da „große Begehrlichkeiten“ in Richtung Altbach und Deizisau gegeben, erinnert sich Schmid. Aber auch die Idee, mit Plochingen vereint zu werden, gefiel den beiden kleinen Nachbarn nicht. Schließlich entschieden sich die drei Kommunen dazu, einen gemeinsamen Verwaltungsverband zu gründen, der verschiedene Planungsaufgaben übernehmen sollte – auch wenn die Altbacher Bürgerinnen und Bürger eher eine engere Zusammenarbeit mit Esslingen wünschten, wie eine Fragebogenaktion ergeben hatte.
Der GVV war und ist zudem Untere Baurechtsbehörde für die drei Kommunen, eine Aufgabe, die zuvor beim Landratsamt gelegen hatte. Für seine Mitgliedsgemeinden bedeutete das kürzere Wege und einen persönlicheren Kontakt. Gerhard Schmid, der als junger, frisch gewählter Rathauschef in Deizisau gleich mit der Ortskernsanierung einstieg, nutzte die Strukturen, zum Beispiel wenn städtebauliche Wettbewerbe auszuschreiben waren. Damit sei man sehr gut gefahren, sagt er.
Schmid: Selbstständigkeit hat ihren Preis
Der frühere Bürgermeister erinnert sich allerdings auch an kritische Stimmen, die bei den Haushaltsberatungen im Gemeinderat immer wieder laut geworden seien: Schließlich müssen die Verbandsgemeinden eine Umlage an den GVV zahlen, zusätzlich zur Kreisumlage. Sie würden sozusagen doppelt zur Kasse gebeten, sagt Schmid, der das pragmatisch sieht: „Das ist halt der Preis für die Selbstständigkeit.“
In der Verbandsversammlung, dem Hauptorgan des GVV, hat er die Stimmung immer als gut und konstruktiv erlebt. Manchmal auch noch im Anschluss, zumindest, was die Deizisauer Vertreter betraf. Die hielten Nachsitzungen hoch und bogen auf dem Heimweg von der Versammlung auch mal kurzerhand zu einer Spritztour in die Landeshauptstadt ab. Mittlerweile haben sich die Gewichte zwar wieder etwas verschoben, sowohl Deizisau als auch Altbach leisten sich eigene Bauämter in ihren Rathäusern.
Der GVV denkt über Markungsgrenzen hinweg
Die meisten Dienstleistungen rufe deshalb Plochingen ab, sagt dessen Bürgermeister Frank Buß, der gleichzeitig Verbandsvorsitzender ist. Aber nach wie vor laufen übergeordnete Aufgaben über den GVV, „alles, wo man über Markungsgrenze hinweg denkt“: zum Beispiel der Lärmaktionsplan, der Flächennutzungsplan oder ein gemeinsames Radwegkonzept.
Auch die seit März angestellte Klimaschutzmanagerin gehört zum GVV. Und das Verbandsbaumamt sei als Untere Baurechtsbehörde „dicht an den Bürgern und dicht an den Architekten“, so Buß. Der GVV beweise schon seit vielen Jahren, dass eine interkommunale Zusammenarbeit auch in der Selbstständigkeit möglich sei – ohne, dass man sich gleich zusammenschließen müsse.