Wolfgang Schuster, der langjährige Oberbürgermeister von Stuttgart, hofft, dass die Katholikentagsbesucher Hoffnung und Zukunftsfähigkeit aus Stuttgart mitnehmen.
Alt-OB Wolfgang Schuster hat eine enge Beziehung zum katholischen Glauben und eine Doppelfunktion beim Katholikentag (25. bis 29. Mai) in Stuttgart: Zum einen ist er Vorsitzender des Trägervereins des 102. Katholikentags – zum anderen moderiert zwei Veranstaltungen.
Herr Schuster, was verbindet Sie mit dem katholischen Glauben?
Ich stamme aus einem streng katholischen Elternhaus. Da ist die ganze Familie häufig in die Kirche gegangen. Dadurch ist ein Fundament gelegt worden, das bleibt – unabhängig von allen späteren Zweifeln.
Gibt es da eine Initialzündung, eine Begebenheit aus der Kindheit, die Ihren Glauben festigte?
Ich weiß genau, wie ich als Fünfjähriger gedacht habe: Es ist erstrebenswert, in der Kirche eine Aufgabe zu übernehmen. Damals wollte ich unbedingt Ministrant werden.
Und? Sind Sie es geworden?
Ja, und damit habe ich prompt bei meiner Mutter die Erwartung geweckt, dass ich eine kirchliche Karriere mache, weil ich so ein Engelsgesicht hätte. Aber Spaß beiseite: Hier entstand das angesprochene christliche Fundament und eine emotionale Verbindung. Beides war mir auch bei der Erziehung meiner Kinder wichtig.
Lässt Sie die römisch-katholische Kirche manchmal verzweifeln?
Ich habe immer zwischen der Kirche als wesentlichem Träger von Glaubensinhalten und den dort tätigen Menschen getrennt. In jedem Beruf gibt es gute und weniger gute Menschen, so ist es auch in der Kirche. Es eignet sich nicht jeder zum Heiligen. Und so gibt es eben auch Pfarrer, die ihrer schwierigen Aufgabe nicht gewachsen sind. Ganz bittere Beispiele sind die Missbrauchsfälle.
Wie denken Sie darüber?
Besonders betroffen macht hier nicht nur der Missbrauch an sich, sondern auch der Versuch, die Fälle zu vertuschen.
Was erwarten Sie vom Synodalen Weg?
Die Themen sind nicht nur für Deutschland relevant, sondern in allen europäischen Ländern. Etwa die Rolle der Frau und der Zugang von Frauen zu den Weiheämtern. Hier erschließt sich mir die Haltung der Kirche nicht. Auch in der Bibel steht dazu nichts, dass Frauen ausgeschlossen sind. Das Gleiche gilt für ein lebenslanges Zölibat. Ich wünsche mir in all diesen Fragen Schritte in der Kirche zu einem neuen Verständnis des Miteinanders von Frauen und Männern. Und gleichzeitig wissen wir: Die katholische Kirche ist eine Weltkirche. Daher sollte man die Erwartungen an den Synodalen Weg nicht überstrapazieren.
Braucht es mehr couragierte Kirchenmänner nach dem Vorbild von Stadtdekan Christian Hermes, um etwas zu verändern?
Wir können tatsächlich sehr zufrieden sein, dass wir so eine Persönlichkeit wie Monsignore Hermes haben. Er ist gleichzeitig kritisch in Kirchenfragen, aber auch sehr gesellschaftskritisch. Er ist bekanntermaßen auch kein einfacher Partner für die Stadt, ein Mann, der seine Haltung aufgrund von klarer und kluger Reflexion deutlich macht.
Sie sind CDU-Mitglied. Hat das C in Ihrer Partei seine Bedeutung verloren?
Für mich hat dieses C nie bedeutet, dass Kirchen und Politik Verbündete sind. Ich habe dieses C immer als eine Wertorientierung verstanden. In dem Sinne, dass jeder Mensch als Ebenbild Gottes eine Würde hat. Und diesem christlichen Menschenbild wollte ich gerecht werden, beispielsweise auch beim Schutz von Minderheiten oder Menschen in Not. Von daher wäre es falsch, dieses C zu streichen. Umso mehr, da dieses C auch für eine Werteordnung für wirtschaftliches Handeln steht, die wiederum von der katholischen Soziallehre mit geprägt wurde.
Wünschten Sie sich mehr politische Entscheidungen, die von dieser Werteordnung getragen wären. Ein abschreckendes Beispiel zeigte Markus Söder im Bundestagswahlkampf gegenüber Norbert Laschet.
Es menschelt überall, vor allem wenn es um Macht und Geld geht.
Haben Sie als OB christlich gehandelt? Mussten Sie manchmal gnadenlos sein?
Man muss nie gnadenlos sein. Zudem ist man im öffentlichen Sektor an Recht und Gesetz gebunden. Man kann nicht als Diktator agieren, und das ist gut so! Schon bei meinem Jurastudium habe ich mich politisch engagiert, später wollte ich mich als Diener im öffentlichen Bereich einbringen. Der übertragenen Verantwortung gerecht zu werden war für mich immer eine zentrale Frage.
Stuttgart feiert bald mit ganz Deutschland den Katholikentag. Welche Impulse erwarten Sie davon?
Wir hoffen, dass viele Menschen nach Stuttgart kommen und sich für ihr zukünftiges Leben etwas mitnehmen. Sei es, um ihre eigene Situation oder um andere besser zu verstehen. Letztlich können die Angebote ein Stück Hoffnung und Zukunftsfähigkeit vermitteln. In dem Sinne, dass es viele gute Möglichkeiten gibt, unsere Zukunft besser zu gestalten. Dazu können sich Inhalte aus der Bibel mit der Praxis im Alltag verbinden lassen. Konkret bei seinem eigenen Leben, indem ich weniger Ressourcen konsumiere oder mit anderen besser zusammenlebe.
Auf welche Veranstaltungen freuen Sie sich besonders?
Ich habe mir auf der Kirchentags-App schon zu viele Veranstaltungen markiert. Zudem bin ich bei zwei Veranstaltungen selbst dabei und habe eine dritte in Zusammenarbeit mit der Stiftung Welt-Ethos initiiert.
Wie setzen Sie das Katholikentag-Motto „leben teilen“ um?
Wie erfreulich viele Bürgerinnen und Bürger bin auch ich ehrenamtlich aktiv und teile meine Erfahrungen und meine Zeit mit anderen. Dazu passt zum Beispiel eine Veranstaltung mit dem Kolping-Bildungswerk. Es geht darum, wie Jung und Alt besser zusammenleben und voneinander lernen können. Wie können wir nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben unser Wissen und unsere Erfahrungen in einer sinnstiftenden Weise einbringen? Auch diese Fragen des sozial nachhaltigen Handels spiegeln das Motto „leben teilen“ wieder.