Stuttgart 1991 im Rad-Fieber. Hier jagen die Profis die Jahnstraße hinunter. Foto: Kraufmann

Am Sonntag kommt die Deutschland-Tour der Radprofis in die Stadt. Einen Auftrieb wie bei der Weltmeisterschaft 1991 wird es aber sicher nicht geben. Die Fans standen damals in Zehnerreihen hintereinander und das Essen ging sogar aus.

Stuttgart - Stuttgart und Radrennen – das ist keine neue Allianz. Allein die seit 1911 30-mal ausgefahrene Deutschland- Tour war schon ein Dutzend mal zu Gast in der Landeshauptstadt, zuletzt dreimal nacheinander von 2000 bis 2002. Bei den beiden letzten Rennen in Stuttgart siegte jeweils Erik Zabel im Sprint. Der ist heute nicht mehr aktiv, am Sonntag wird aber sein Sohn Rick versuchen, die Tradition fortzusetzen.

Es wird sicher einiges los sein rund um das Finale der erstmals seit 2008 wieder ausgefahrenen Deutschland Tour. An den Auftrieb vom 25. August 1991 wird das Spektakel allerdings nicht herankommen können. 300 000 Menschen säumten an diesem Sonntag vor 27 Jahren die Straßenränder bei der Rad-Weltmeisterschaft der Profis, das ist bis heute WM-Rekord. Die Strecke führte damals vom Start und Zielbereich vor dem Neckarstadion durch Gablenberg hinauf zum Fernsehturm und wieder zurück. Schon allein die Kurswahl hatte seinerzeit für Aufregung in der Szene gesorgt. 16 Runden zu je 15,8 Kilometer waren zwischen Neckar und Degerlochs Höhen zu fahren, das waren satte 252,8 Kilometer mit amtlichen 4129 Höhenmetern.

Der Wasen war ein einziger Campingplatz

So ein Profil kennt man eigentlich nur aus dem Hochgebirge, entsprechend gallig kommentierten viele Profis den Kurs. Nur Eddy Merckx, der als Ehrengast in der Stadt war, fand ihn „sehr schön“. Aber der Belgier war ja in seiner aktiven Zeit nicht umsonst als der Härteste der Harten gerühmt geworden. Auf jeden Fall lockte der Kurs die halbe Radwelt nach Stuttgart. Degerloch war zugeparkt mit italienischen Wohnmobilen, der Wasen ein einziger Campingplatz, die Fans standen teilweise in Zehnerreihen an der Strecke. Im Pressezentrum in der Schleyerhalle ging beim Ansturm von 1000 Journalisten das Essen aus und auf den Straßen feierte die Fangemeinde den neuen Weltmeister Gianni Bugno. Die größte Fete stieg bei den Italienern in Degerloch, da wackelte fast der Fernsehturm. Stoccarda im Radfieber.

Die vierte und letzte Etappe der Tour führt von Lorsch über die Region nach Stuttgart

Dabei stand das Spektakel sogar auf der Kippe. Die Pfarrer der acht an der Strecke liegenden evangelischen und katholischen Kirchen wollten erreichen, dass die Helikopter, die über dem Fahrerfeld als Relaisstation für die Fernsehübertragung fliegen, erst nach Gottesdienst und Glockengeläut am Mittag aufsteigen sollten. Das wäre freilich zu spät gewesen. OB Manfred Rommel (CDU) hatte aber damals mit Engelszungen den Klerus beruhigt, der sich durchaus auf das Feiertagsgesetz hätte berufen können. Die Helis knatterten dann von zehn Uhr an gegen das Geläut, das Rennen war gerettet.

Stuttgart war irgendwie Rad

Stuttgart setzte damals die Reihe stimmungsvoller Sportereignisse fort, die 1986 mit der Leichtathletik-EM begonnen hatte. 1987 war dann die Tour de France in der Stadt, was auch Zehntausende auf die Straße trieb. Stuttgart war irgendwie Rad – bis das einen heftigen Achter bekam.

2007 war wieder Profi-WM im Städtle. Drei Jahre zuvor hatte man sich beworben, wollte die Titelkämpfe unbedingt haben, was auch geklappt hat. Aber dann kam 2006 der große Dopingskandal, der auch einen Jan Ullrich aus dem Sattel warf. Profiradsport war auf einmal bäh und Stuttgart nur noch mäßig interessiert, vorsichtig gesagt. Die damalige Sportbürgermeisterin Susanne Eisenmann (CDU) versuchte als Reaktion, der Dopingkrake im Alleingang an den Hals zu gehen, verlangte Anti-Doping-Erklärungen von den Profis oder strich Rudi Altig und Eddy Merckx von der Liste der Ehrengäste. Entsprechend eisig war die Stimmung bei dem Rennen, das mit Start und Ziel am Killesberg und 14 mal den Herdweg hinauf sogar noch schwerer war, als das von 1991. Es gewann die Italiener Paulo Bettini mit viel Wut im Bauch, weil er nach dem Willen der Sportbürgermeisterin gar nicht hätte starten dürfen, weil er die Anti-Doping-Erklärung partout nicht unterschreiben wollte. Stuttgart scheiterte aber mit einer einstweiligen Verfügung gegen Bettini vor dem Landgericht.

Danach war Radsport in der Stadt kein Thema mehr. Im Sog der stimmungs- und stillosen Weltmeisterschaft ging auch das Sechstagerennen in der Schleyerhalle unter. Dass Stuttgart sich jemals wieder um ein Profirennen bemühen könnte, galt viele Jahre als ausgeschlossen. Jetzt ist es doch wieder so weit, elf Jahre nach der verkorksten WM. Ob die Stuttgarter tatsächlich wieder Spaß am Radsport haben, wird man dann am Sonntag sehen.

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