Zwischen den Jahren 1984 und 1989 war Daimler in Sindelfingen bundesweit auf der Suche nach Arbeitskräften. Unter anderem ein langer Streik hatte ein Loch hinterlassen. Hunderte Norddeutsche sollten es stopfen.
Was machen hunderte Ostfriesen in Sindelfingen? Sie erledigen die liegengebliebene Arbeit der Schwaben. Klingt wie eine schlechte Mischung aus Ostfriesen- und Schwabenwitz – ist aber so passiert. Und zwar vor mittlerweile 40 Jahren, als ein langer Streik die Produktion bei Daimler-Benz – heute Daimler AG – lahmgelegt hatte und viele Arbeiter mit Migrationshintergrund zurück in ihre Heimatländer gegangen waren (siehe Infobox). Wer waren die Menschen aus dem strukturschwachen Norden, die sich ins fremde Schwabenland getraut haben? Und was ist aus ihnen geworden?
Sindelfingen, Mitte der 1980er-Jahre: Wenn freitags gegen 22 Uhr die Spätschicht beim Daimler-Benz-Werk endet, sind zahlreiche junge Männer schon auf dem Weg zum Werkstor. Sie sprinten fast, um vor den anderen auf die Straße zu kommen.
So war es jedenfalls in den meisten Wochen zwischen 1984 und 1989. Junge Männer wie Ingo Dueselder, Theodor Kok, Joachim-Bernd Willms, Karl Siemens und Peter Eihusen – ebenso wie viele andere Ostfriesen – haben fast 700 Kilometer Heimweg vor sich, wenn sie vom Ländle aus ins Wochenende starten.
Samstags um 4 Uhr wollen sie bei ihren Familien im ostfriesischen Landkreis Leer (Niedersachsen) sein. Das Programm ist voll: Es warten Freunde, Partnerinnen und nicht zuletzt der Fußballverein auf die sogenannten ostfriesischen Schwaben. Ein Wochenende lang stürzen sie sich ins ostfriesische Leben. Am Sonntag geht es dann um 18 Uhr los, um rechtzeitig zur Frühschicht wieder in Sindelfingen zu sein. „Wir haben nie einen Unfall gebaut und zu spät gekommen sind wir auch fast nie“, sagt Peter Eihusen. 27 Jahre war er damals alt. Er pendelte vier Jahre lang. „Ich bin nicht ein einziges Wochenende in Sindelfingen geblieben.“
Mehr als 100 Ostfriesen im Wohnheim
Nach Sindelfingen zu ziehen, das ist für viele der Ostfriesen damals keine Option – auch für Eihusen nicht. „Der Ostfriese an sich will nicht wegziehen“, erklärt ein ehemaliger Leeraner Journalist, der damals auch über das Thema berichtet hat. Viele der Männer haben im Norden schon Haus und Familie, sind fest verwurzelt. „Das Arbeitsamt hat damals Reklame gemacht, aber ganz viele haben abgewartet.“
Doch die Arbeitslosigkeit ist in Ostfriesland damals so hoch, dass sich schließlich doch genug Arbeitssuchende finden, die die freien Stellen bei Daimler-Benz in Sindelfingen füllen können. Durch die langjährige Beschäftigung von Arbeitern aus anderen Ländern kann Daimler-Benz den Männern aus Ostfriesland Zimmer anbieten – für viele ein Pluspunkt. Im inzwischen abgerissenen Daimler-Wohnheim Niederer Wasen in Sindelfingen wohnen 1987 stolze 140 Ostfriesen – „Wir waren deutsche Gastarbeiter in Deutschland, das kann man sich nicht vorstellen“, sagt Eihusen heute. Ein anderer ehemaliger Daimler-Werker erinnert sich, dass es Männer gegeben habe, die sich bei jedem Besuch im Norden kanisterweise ostfriesisches Wasser mitgenommen hätten – weil der Tee mit dem harten schwäbischen Wasser anders schmeckt.
Auf in den Süden
Ganze Busse werden damals mit Ostfriesen gefüllt und vom Norden in den Süden gefahren. Und im allerersten dieser Busse sitzt im Sommer 1984 Peter Eihusen. „Das ist eine Geschichte, die man nicht vergisst“, sagt er heute. „Wir Ostfriesen haben im Süden ganz schön was bewegt.“
Lange gezögert hat Eihusen nicht, als ihm der Job angeboten worden war. „Bei uns gab’s keine Arbeit. Ich hatte ein kleines Kind und musste meine Familie ernähren“, sagt er. Und das war mit dem neuen Gehalt endlich wieder möglich. „Ich war 1200 Mark (Anmerkung der Redaktion: ehemalige Währung der Bundesrepublik Deutschland) gewöhnt. Im ersten Monat in Sindelfingen bekam ich 1900 Mark – das war exorbitant.“
Untersuchungen vor der Einstellung
Viele Männer waren lange arbeitslos gewesen. Peter Eihusen hatte als Automechaniker bei einer Tankstelle gearbeitet, bevor sie schließen musste. Joachim-Bernd Willms hatte Elektroinstallateur gelernt, Theodor Kok war Automechaniker, Ingo Dueselder kam vom Bau. Stellen in technischen Berufen waren im Norden jedoch Mangelware – nun gab es wieder Hoffnung.
Zwischen dem Zeitpunkt, zu dem Eihusen erstmals von der Möglichkeit im Süden zu arbeiten gehört hatte, bis zu seiner ersten Schicht bei Daimler in Sindelfingen vergehen damals nur zwei Monate. Doch bevor die Arbeitswilligen starten konnten, gab es noch Untersuchungen. „Es war ein bisschen wie bei der Bundeswehr“, erinnert sich Peter Eihusen. Einer seiner damaligen Kollegen, Karl Siemens aus dem Rheiderland, erzählt, dass er zunächst aufgrund gesundheitlicher Bedenken abgewiesen wurde. „Ich hab dann mehr Sauerkraut gegessen und beim nächsten Mal haben sie mich genommen“, sagt er scherzhaft. Er ist nicht der Einzige, auch Joachim-Bernd Willms musste sich ein zweites Mal bewerben.
Jahrelanges Pendeln
Schnell hätten sich nach der ersten Schicht am Donnerstag, 23. August 1984, Fahrgemeinschaften gebildet. Mit 40 Mark schaffte man damals mit dem Golf Turbodiesel die 681 Kilometer zwischen Wohn- und Arbeitsort – mit einem Tankstopp auf der Autobahn 5 kurz vor der A 45. Weniger als 140 Stundenkilometer seien Eihusen und seine Kollegen auf den Fahrten selten gefahren – ein alter Zeitungsartikel spricht sogar von Tempo 170. „Das Pendeln hat mich nicht belastet“, sagt er. „Schlecht gelaunt bin ich nie zur Arbeit gefahren.“
Vier Jahre lang ist Eihusen jedes Wochenende gependelt. Damit ist er vielleicht einer derjenigen, der diese Strapazen am längsten auf sich genommen hat. Doch nicht jeder war dazu bereit. „Ich habe ein halbes Jahr im Wohnheim gelebt“, sagt Theodor Kok. Ihn habe das beengte Zusammenleben mit acht Männern pro Zimmer zu sehr an die Zeit beim Bund erinnert. „Ich bin dann nach Ehningen gezogen und habe meine jetzige Frau auch nach unten geholt“, sagt Kok. Auch Karl Siemens gab nichts auf das Wohnheimleben. Er nahm die Hilfe des Konzerns in Anspruch, eine Wohnung für ihn zu finden. Er ist einer der wenigen Ostfriesen, die heute noch im Süden – genauer gesagt in Horb am Neckar – leben.
Heutzutage, sind sich die ostfriesischen Schwaben von Daimler einig, würde sich das kein Arbeiter mehr antun. „Das waren andere Zeiten und eine ganz andere Lebensweise“, sagt der heute 58-jährige Joachim-Bernd Willms. „Aber“, sagt Peter Eihusen, „ich würd’s wieder machen. Ich bin da ganz bei Udo Lindenberg.“
Rückkehr in den Norden – nicht für alle
„Mit dem Neuanlauf des R 129 in Bremen wurde Anfang dieses Jahres allen bis dahin in Sindelfingen verbliebenen Ostfriesen eine Versetzung ins Werk Bremen angeboten“, heißt es in einem internen Schreiben von Daimler-Benz von 1989, das der Redaktion vorliegt. Peter Eihusen hat sich direkt nach Bremen versetzen lassen – wo er bis zum Renteneintritt im April 2022 tätig war. „Eigentlich wollte ich den Job nur ein Jahr machen. Dann sind 38 daraus geworden“, sagt er. Von Bremen aus – rund 100 Kilometer von Leer entfernt – konnte er täglich nach Feierabend zu seiner Familie zurück, nicht nur am Wochenende.
Auch Dueselder, Kok und Willms entschieden sich für die Rückkehr. „Es hieß dann, sie fragen alle Ostfriesen, ob sie wieder in den Norden kommen – die haben dann hier Vorstellungsgespräche gehabt. Nur mich hatten sie vergessen. Ich bin dann selbst ins Personalbüro gegangen und hab gefragt, was das soll“, erzählt Kok. Auch heute sei er mit seiner Frau noch oft in Sindelfingen. „Wir lieben das schwäbische Essen, und die Sprache ist einfach niedlich.“
Das Essen ist auch ein Grund, warum sich Karl Siemens entschied, nicht wieder nach Ostfriesland zu gehen. Er ist im Süden geblieben. Warum? Die Antwort könnte kaum ostfriesisch-pragmatischer sein: „Geblieben bin ich, weil man Brötchen überall kaufen kann, und ich wollte nicht noch einmal von vorne anfangen.“
Vorgeschichte
Streik
In den 1980er-Jahren gab es einige der heftigsten Streiks, die die Bundesrepublik wohl je gesehen hatte. Einer davon tobte in Sindelfingen zwischen der Industriegewerkschaft (IG) Metall und den Daimler-Werken. Es ging um die 35-Stunden-Woche, und gekämpft wurde mit harten Bandagen. Sieben Wochen Streik und Aussperrung hinterließen Spuren. 520 000 Autos sollten damals in den deutschen Daimler-Werken vom Band laufen. Der Streik warf den Konzern um rund 65 000 Autos zurück. Und zu allem Überfluss hatten damals rund 700 Sindelfinger Werker die Rückkehrhilfe des Bundes in Anspruch genommen, um in ihre Heimatländer Türkei und Portugal zurückzukehren.
Arbeitslosigkeit
In Ostfriesland sah es umgekehrt aus. Die Arbeitslosenquote war 1984 auf einem Rekordhoch von rund 26 Prozent (Zum Vergleich: derzeit liegt sie in Leer bei 7,8 Prozent). Einige Stimmen sprechen davon, dass die Quote damals im Winterhalbjahr auf bis zu 50 Prozent anstieg. „Die Region wurde damals als Armenhaus Deutschlands bezeichnet“, erinnert sich ein Zeitzeuge. Ein anderer spricht vom „Exodus der Ostfriesen“. Ein Strukturwandel habe die Region besonders hart getroffen. Deindustrialisierung und Globalisierung lauteten damals die Stichworte. Gleich mehrere Schiffswerften – für Ostfriesland eine wichtige Branche – gingen in den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren pleite, dazu wurde noch das Olympia-Schreibmaschinenwerk in Leer geschlossen. Tausende verloren plötzlich ihre Arbeitsplätze.
Lösung
Die Arbeitslosen aus dem Norden sollten in Süddeutschland arbeiten. Im Landesarchiv Baden-Württemberg findet sich im Jahresbericht 1984 ein entsprechender Auszug. In der zweiten Jahreshälfte habe sich der Bedarf insbesondere in der Automobilindustrie verstärkt. „Durch Anwerbeaktionen vor allem des Arbeitsamtes Stuttgart bei bundesweit nahezu 50 Arbeitsämtern konnten über 1000 Arbeitnehmer im Ausgleich vermittelt“ werden. Die Sindelfinger Zeitung hatte am Samstag, 28. Juli, geschrieben: „Kontakte zwischen Böblingen und Arbeitsämtern vor allem in Norddeutschland bestehen bereits – im Gespräch sind sogar Sonderzüge oder Busse zwischen Sindelfingen und Leer in Ostfriesland.“
Wiederholung
Es war nicht das einzige Mal, dass ein Autobauer aus einer strukturschwachen Gegend Arbeiter in die Region Stuttgart schickte. Zuletzt gab es 2019 eine Welle von Facharbeitern, die von Volkswagen in Emden (Niedersachsen) zu Porsche in Stuttgart wechselten. Wenige Jahre später folgten die meisten von ihnen einem Aufruf des Konzerns und kehrten wieder zurück nach Ostfriesland.