Vor 60 Jahren wurde eine Anwerbevereinbarung mit Tunesien abgeschlossen / Sadok Ben Naoua kam als „Gastarbeiter“ nach Stuttgart
„Zum ersten Mal von zuhause weg und dann gleich fliegen! Was war ich nervös. Während des ganzen Fluges habe ich nur gebetet und später, nach dem Aussteigen, die Schuhe ausgezogen, um deutschen Boden unter meinen Füßen zu spüren.“ Mit diesen Worten erinnert sich Sadok Ben Naoua an seine Ankunft als tunesischer „Gastarbeiter“ im Jahre 1970 auf dem Stuttgarter Flughafen. Angeworben hatte man ihn in einem Hotel in der damals schon beliebten Urlaubsregion Hammamet in einem Restaurant, wo er als Kellner arbeitete und durch seine bruchstückhaften Deutschkenntnisse aufgefallen war, die er sich durch den Kontakt mit den deutschen Gästen angeeignet hatte. Die deutschen Anwerber – keiner wusste genau, wer sie eigentlich waren – sagten, die Angesprochenen sollten sich morgen auf dem Marktplatz einfinden, da würden sie weitere Informationen bekommen.
Jetzt galt es, sich adrett zu machen, denn Sadok wurde gesagt, es würde eine strenge Auswahl erfolgen. So klaute er seinem Vater aus der Herde ein Schaf und kaufte sich dafür den ersten Anzug in seinem Leben. In Reih und Glied standen die Bewerber auf dem Marktplatz. Bei dem oder anderen hieß es „Einen Schritt hervortreten“, wobei keiner wusste, was das bedeuten würde. Es war aber das Zeichen, dass man zum Kreis der Auserwählten für Deutschland gehören sollte. Der damals 19-Jährige war einer von ihnen, ging zu seinem Vater und sagte ihm, dass er morgen nach Deutschland gehen würde.
800 000 Menschen waren damals in Tunesien arbeitslos
In Tunesien waren damals 800 000 Menschen arbeitslos. In Deutschland dagegen herrschte Arbeitskräftemangel, im Hotel- und Gaststättengewerbe und in den Krankenhäusern fehlten die Leute. Sadok Ben Naoua profitierte von der Vereinbarung, die beide Länder im Herbst 1965 getroffen hatten. Neben wirtschaftlichen Gründen spielten dabei vor allem auch (wie schon 1963 mit Marokko) außenpolitische Gründe eine Rolle, wie die Migrationswissenschaftlerin Karen Schönwälder betont. Tunesien hatte die Bundesrepublik im Konflikt mit Ägypten unterstützt und jetzt erwartete Präsident Bourgiba eine Gegenleistung. Fremder als Türken oder Spanier fühle man sich nicht, so wurde argumentiert. Mit diesen Herkunftsländern hatte die Bundesrepublik bereits Anwerbeabkommen abgeschlossen. Der Widerstand gegen eine erneute Ausweitung der Arbeitskräfteanwerbung gerade gegenüber nichteuropäischen Ländern wurde erst gegen erheblichen Widerstand einzelner Ministerien durch einen Kabinettsbeschluss überwunden, sodass durch einen Notenwechsel, nicht durch eine formelle Anwerbevereinbarung, ein begrenztes Kontingent tunesischer Arbeitskräfte ins Land geholt werden durfte.
Mit der mutigen Entscheidung das große Los gezogen
Für die tunesischen und die anderen „Gastarbeiter“ spielten nicht nur die besseren Verdienstmöglichkeiten, sondern auch der Wunsch nach einem Leben in Freiheit, ohne familiären und sozialen Zwang eine wichtige Rolle. Der heute 79-jährige Sadok Ben Naoua hatte mit seiner mutigen Entscheidung das große Los gezogen. Im Restaurant auf dem Schloss Solitude, später in der Liederhalle, stieg er in der Hierarchie als Oberkellner auf. Seine Frau Fatma durfte nachziehen, arbeitete als Hausdame im Hotel. Den Eltern war es sehr wichtig, dass die vier Kinder Deutsch lernen. Die ganze Familie hat die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen. Alle sind gut in Deutschland integriert. Sohn Emir Ben Naou ist Diplom-Psychologe und Psycho-Therapeut mit einer Praxis in Stuttgart. Tunesien ist für die Familie nur noch ein Urlaubsland, auch wenn der Vater, wie Emir sagt, Tunesien im Herzen behalten hat.
Heute leben 9035 Menschen mit tunesischer Staatsangehörigkeit in Baden-Württemberg. Ihre Zahl hat sich seit 1995 fast verdreifacht, wobei rund die Hälfte weiblich ist. Das liegt vor allem an den neuen „Gastarbeiterinnen“ und „Gastarbeiter“ aus Tunesien, die gezielt für die Alten- und Krankenpflege angeworben werden. Sie sind hoch qualifiziert und haben meistens ein Studium hinter sich. Heute werden die tunesischen Arbeitskräfte nicht mehr unbedingt vor Ort gesucht, vielmehr bieten jetzt Agenturen im Internet ihre Dienste bei der Anwerbung von tunesischen Fachkräften an. Aber auch die Bundesagentur für Arbeit und andere staatliche Stellen suchen und vermitteln ausländische Pflegekräfte nicht nur aus Tunesien für Deutschland.