Mikaele Shiffrin (rechts) und Lindsey Vonn haben sich fest im Blick. Foto: AP

Bei dem Ski-Weltmeisterschaften im schwedischen Are sind die Augen vor allem auf die US-Rennläuferinnen Mikaela Shiffrin und Lindsey Vonn gerichtet.

Stuttgart - Die Amerikaner haben schon immer mit großem Interesse auf den Areskutan geschaut. Das ist der halbkugelartige Hausberg der Ski-WM 2019, die am Dienstag im mittelschwedischen Are beginnt. Es ist schon ein paar Jahre her, als die Weltraum-Beobachter der Nasa mal vorsichtshalber in Are anriefen und nachfragten, was denn da los sei. „Wir fahren Ski!“, antworteten die Schweden entrüstet. Hinter dem rundum mit Flutlichtern beleuchteten Areskutan vermuteten die Nasa-Wissenschaftler vermutlich die Landung eines riesigen Ufos – so bizarr sah das Luftbild aus.

Bei dieser WM blicken die Amerikaner abermals gespannt auf den Areskutan. Dabei geht es diesmal nicht um die befürchtete Invasion Außerirdischer, doch aber um zwei überirdische Skirennläuferinnen – aus den USA! Die eine heißt Mikaela Shiffrin, die andere Lindsey Vonn. Während Shiffrin in Are die Konkurrentinnen möglicherweise in Grund und Boden fährt, befindet sich Vonn auf ihrer Abschiedstour. Ski-Diven-Alarm made in USA – nichts könnte die Skiszene, aber vor allem Amerika mehr in Aufruhr versetzen als das. Dabei beflügelt die kitschige Story in erster Linie die Gegensätzlichkeit ihres Stoffs: Shiffrin (23) steht für die traumhafte Zukunft. Vonn (34) für die tränenreiche Vergangenheit.

Die Sharon Stone der Skiwelt

Vonn, die Sharon Stone der Skiwelt, tat erst vor wenigen Tagen kund, dass ihr lädierter Körper nicht mehr zulasse als die WM in Are – und danach dann Schluss sei. „Es waren emotionale zwei Wochen, in denen ich die schwerste Entscheidung meines Lebens getroffen habe, aber ich habe akzeptiert, dass ich den Skirennsport nicht fortsetzen kann“, meinte die US-Lady, die alles gewann; Olympia-Gold, zwei WM-Titel, vier große Kugeln – aber vor allem stramme 82 Weltcuprennen. „Ich werde nächste Woche bei der WM in Abfahrt und im Super-G antreten. Es werden die letzten Rennen meiner Karriere sein“, meinte sie noch – und wenn Vonn so etwas sagt, schwingt immer auch Pathos mit. Ist diese Lücke überhaupt zu schließen?

Die Wirklichkeit, sie sieht anders aus, Vonn ahnt es vielleicht. Hätte sie weitergemacht, wäre es der krampfhafte Versuch einer etwas in die Jahre gekommenen Primadonna auf Skiern gewesen, den fast 30 Jahre bestehenden Ingemar-Stenmark-Rekord von 86-Weltcupsiegen zu knacken. Da Vonn sich zu Saisonbeginn verletzte, wollte sie sogar noch die nordamerikanischen Rennen des nächsten Winters mitnehmen, um die schwedische Slalom-Ikone im ewigen Ranking auf Platz zwei zu befördern. Auf diese Weise ruhmreich abzutreten, es wäre so ganz ihrem Geschmack gewesen. Stattdessen muss sie aufgeben, sie kann nicht mehr. „Mein Körper ist irreparabel kaputt. Er schreit mich an, aufzuhören – und es ist tatsächlich an der Zeit, ihm zuzuhören“, sagt Lindsey Vonn. Warum sie in Schweden überhaupt noch mitmacht, ergibt im Hinblick auf ihre Aussagen keinen Sinn. Doch es wird der Versuch sein, sich mit einer Medaille, und sei es nur Bronze, würdevoll zu verabschieden.

Eine der größten ihres Sports

Dabei ist Miss Vonn, eine der Größten ihres Sports, schon vor Jahren abgelöst worden von Mikaela Shiffrin. Die ist noch immer erst 23 Jahre jung, kommt aber schon auf sehr erstaunliche 56 Weltcupsiege. Hätte Vonn den Schweden Stenmark tatsächlich noch eingeholt, wäre Shiffrin ohnehin ein paar Jahre später an ihr vorbeigezogen. Die neue amerikanische Ski-Granate ist zweimalige Olympiasiegerin, gewann drei WM-Titel – auch in dieser Hinsicht ist sie schon besser als ihre elf Jahre ältere Landsfrau.

In diesem Winter scheint sich Shiffrin ohnehin mal wieder in ihrem eigenen Kosmos zu bewegen. Sechs Slalom-Rennen gewann sie, dazu drei Riesentorläufe und dreimal einen Super-G – auch den Parallelslalom in St. Moritz hat sie für sich entschieden. Als die Einzigartige zuletzt für ihren Doppelerfolg in Maribor, wo sie den Riesenslalom und den Slalom gewann, den „Goldenen Fuchs“ überreicht bekam, da meinte die nette Blonde nur: „Es ist cool.“ Vier Goldmedaillen trauen die Experten ihr in Are zu.

Shiffrin ist bei den Fans beliebt

„Ich weiß noch nicht, welche Rennen ich bei der WM fahre, vielleicht bin ich auch in der Kombination dabei“, sagt Mikaela Shiffrin, die schon in jeder Disziplin gewann – und die im Hinblick auf ihre schüchterne, beinahe auch etwas niedliche Art ein echtes Stein im Brett hat bei den Skifans und vor allem bei den Amerikanern, die von Lindsey Vonns allürenhaften Auftritten hin und wieder genug haben.

Gut möglich, dass sich in den nächsten Tagen nochmal die Nasa in Are meldet, um Informationen zu bekommen über den außerirdischen Auftritt von Mikaela Shiffrin – und den tränenreichen Abschied von Lindsey Vonn.

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