Birgit Kunzmann unterrichtet seit 1980 Erwachsene im Lesen und Schreiben. Foto: Lichtgut/Oliver Willikonsky

Die häufigsten Kurse bei der Volkshochschule sind Sprachkurse, doch viele Volkshochschüler müssen erst einmal lesen lernen. Die Analphabetenquote im Land ist hoch.

Stuttgart - Marcel Menger (33) erlitt als Kleinkind bei einem häuslichen Unfall Verbrühungen am ganzen Körper. Nicht nur äußerlich vernarbte der Junge, er sprach spät und undeutlich, verschluckte Silben und war selbst auf der Förderschule das Opfer für Spott und Schläge seiner Mitschüler. „Ich bin dann dort mit dem Abgangszeugnis weggegangen“, sagt er. Das heißt: ohne Schulabschluss, ohne Lesen oder Rechnen zu­ ­beherrschen.

Bild der Verpackung eingeprägt

„Ich konnte mich lang durchmogeln“, sagt Menger heute und lächelt. „Wenn wir weggegangen sind, hat mir mein Kumpel alles vorgelesen, auch die Speisekarten, und wenn ich für Mama einkaufen sollte, hat sie mir die Sachen gezeigt und ich habe mir die Verpackung eingeprägt.“ Die Methode funktionierte selbst in dem Zeitungskiosk, in dem er vier Jahre lang mitarbeiten durfte: „Die Zeitungstitel konnte ich durch die Farben unterscheiden, andererseits wusste ich, wann welcher Titel rauskam: ,Der Spiegel‘ montags damals, die Wochenzeitung ,Zeit‘ donnerstags.“

Als der Kioskbesitzer nicht mehr zahlungsfähig war und Marcel Menger seinen Job verlor, bewahrte ihn ein Nachbar vor dem Zusammenbruch: „Er gab mir Geld, damit ich einen Alphabetisierungskurs machen konnte.“ Als das Arbeitsamt, so Menger, keinen weiteren Kurs bezahlen wollte, machte ihm die VHS das Angebot, die vergleichsweise günstige Kursgebühr in Raten zu bezahlen. Zwei Jahre lang lernte er Lesen und Schreiben, „es ging schneller als gedacht und hat Spaß gemacht“, sagt der 33-Jährige, der schon die nächste Etappe im Auge hat: den Hauptschulabschluss.

Der Koch kann jetzt Rezepte lesen

„Wir haben es hier mit Menschen zu tun, die trotz normalem Schulbesuch nicht zum Lesen und Schreiben kommen“, sagt Birgit Kunzmann. Seit 1980 unterrichtet sie diese Jugendlichen nun schon – und oft mit Erfolg: „Es gibt den Koch, der es jetzt schafft, Rezepte zu lesen und danach zu kochen, oder es gibt die Putzkraft, die in den Service eines Restaurants aufsteigen oder die Arbeit einer Kassiererin ausüben kann.“ Motivation und Selbstvertrauen seien, so die Lehrerin, Garanten für solche Erfolge.

Mehr denn je werden Angebote zur Grundbildung gebraucht. Laut Bildungschancenstudie der Caritas haben im Jahr 2017 bundesweit mehr als 52 000 Jugendliche die Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen, 5000 mehr als noch zwei Jahre zuvor. Die Autoren der Studie haben den Anstieg vor allem auf die Zuwanderung nach Deutschland zurückgeführt. Die Zahlen aus Baden-Württemberg sind im Jahr 2018 entsprechend gewesen: Rund 30 Prozent der männlichen Ausländer und der Männer mit Migrationshintergrund haben keinen Hauptschulabschluss in der Tasche, bei den ausländischen Frauen und den Frauen mit Migrationshintergrund ist es jeweils rund ein Fünftel. Rund 20 Prozent der Männer mit deutscher Staatszugehörigkeit haben keinen Hauptschulabschluss, bei den deutschen Frauen sind es 13 Prozent.

Jeder Zehnte kann Texte nicht lesen

Das Kultusministerium konstatiert: Jeder zehnte Baden-Württemberger kann nur einzelne Sätze, aber keine zusammenhängenden Texte lesen. „Wir wollen den Betroffenen klarmachen: Es gibt gute Chancen, ihr Problem zu lösen“, so Kultusministerin Susanne Eisenmann beim Start der jüngsten Alphabetisierungs- und Grundbildungskampagne. Dafür stellt das Ministerium den Bildungsträgern erneut Geld zur Verfügung, in diesem Jahr 400  000 Euro.

Das Berufsziel motiviert

In der VHS-Außenstelle im Stuttgarter Osten findet seit acht Jahren der Unterricht für Menschen mit geringen Lese- und Schreibkompetenzen statt. Rund 20 000 Unterrichtseinheiten in Lesen und Schreiben hat die VHS im Jahr 2018 abgehalten, rund 18 500 Einheiten gab es mit dem Ziel, die Teilnehmer zum Schulabschluss zu bringen.

Marcel Menger hat die Abschlussprüfung im ersten Anlauf nicht bestanden. Aber aufzugeben kommt für ihn nicht in Frage. Er ist motiviert, es beim zweiten Mal besser zu machen: „Ich will Servicehelfer werden beim Wohlfahrtswerk.“ Im Juni ist Prüfung, und im Moment sehe es „von den Noten her ganz gut aus“.

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