Manche Menschen reagieren plötzlich allergisch auf rotes Fleisch. Wie kann das sein? (Symbolbild) Foto: imago/Westend61

Schnitzel? Würstchen? Wenn Leonie das isst, fängt ihre Haut schrecklich an zu jucken. Was Zecken mit dieser plötzlich auftretenden Fleischallergie zu tun haben, erklärt ein Experte.

Leonie* hatte jahrelang mit Hautproblemen zu kämpfen. Immer wieder juckte es sie am ganzen Körper so stark, dass sich die heute 13-Jährige blutig kratzte. Die Ursache zu finden, gestaltete sich schwierig. „Hautärzte rieten uns, sie gut einzucremen“, erinnert sich ihre Mutter Julia Bach*. Nach dem Genuss eines Leberkäswecken hatte die damals Achtjährige eines Tages so starken, juckenden Ausschlag und Schüttelfrost, dass sie im Olgahospital des Klinikums Stuttgart behandelt werden musste. Der Juckreiz ließ erst nach der Einnahme eines Antihistaminikums nach.

 

Zu dieser Zeit stellte die ganze Familie gerade ihre Ernährung um. Aus Gründen des Klimaschutzes isst sie nur noch einmal pro Woche Fleisch. „Da wurde es dann offensichtlich: Die juckenden Quaddeln kamen immer nach dem Verzehr von Fleisch“, sagt Julia Bach. Sie recherchierte und fand Artikel, in denen von einer Fleischallergie die Rede war – ausgelöst durch einen Zeckenstich. Betroffene Menschen reagieren ganz plötzlich allergisch auf rotes Fleisch, obwohl sie es vorher jahrelang problemlos genießen konnten.

Stuttgarter Kinderarzt kannte das Alpha-Gal-Syndrom nicht

Bei Leonie tauchten die Probleme allerdings schon sehr früh auf. Da Julia Bach ihre Tochter im Alter von drei Jahren aus Südostasien adoptierte, geht sie davon aus, dass der Zeckenstich vorher passierte. „Als ich mit meiner Vermutung zum Kinderarzt ging, hat er mich nicht ernst genommen. Er meinte, dass es keine Fleischallergie gibt“, erinnert sich die Mutter.

Doch seit Leonie auf Fleisch verzichtet, hat sie keine allergischen Reaktionen mehr. Und inzwischen ist auch klar: Eine Fleischallergie, beziehungsweise das Alpha-Gal-Syndrom, gibt es wirklich. Dabei handelt es sich um eine durch Zeckenstiche ausgelöste Nahrungsmittelallergie gegen rotes Fleisch und andere Produkte von Säugetieren wie Rind, Schwein oder Lamm.

Ursache der Allergie ist ein Zeckenstich

„In Deutschland werden bereits seit der Erstbeschreibung des Alpha-Gal-Syndroms Anfang der 2000er Jahre Patienten diagnostiziert. Die Fälle gab es natürlich auch davor. Man wusste zu der Zeit nur noch nicht, womit man es zu tun hat“, sagt Manfred Kneilling, der am Universitätsklinikum Tübingen die Allergologie leitet.

Aufgrund der milderen Winter und längeren Vegetationsperioden habe sich die Aktivitätssaison von Zecken stetig verlängert. Deshalb sei von einer steigenden Anzahl von Zeckenstichen und damit auch mit einer zunehmenden Alpha-Gal-Sensibilisierung zu rechnen. In Deutschland liegen allerdings noch keine Zahlen dazu vor, wie viele Betroffene es tatsächlich gibt, teilt das Robert-Koch-Institut in Berlin auf Anfrage mit.

Manfred Kneilling leitet am Uniklinikum Tübingen die Allergologie. Foto: Oliver Hallmaier, Uniklinik Tübingen

Worum es sich bei Alpha-Gal handelt

Doch was ist dieses Alpha-Gal überhaupt, das durch einen Zeckenstich auf den menschlichen Körper übertragen wird und bei manchen eine Nahrungsmittelallergie auslösen kann? „Alpha-Gal ist ein für den Menschen immunogener Zucker, der fast in allen Säugetieren vorkommt, jedoch nicht bei Menschen und Affen“, sagt Kneilling. „Dieser Zucker wird vom Immunsystem als fremd erkannt, aktiviert es und führt schließlich zur Bildung von spezifischen Antikörpern gegen Alpha-Gal bei dafür sensitiven Patienten und Patientinnen.“

Haben sich die Antikörper gebildet, reagieren etwa zehn Prozent dieser Menschen drei bis sechs Stunden nach dem Verzehr von rotem Fleisch mit Symptomen. Zu den häufigsten gehören wie bei Leonie Nesselsucht, Schwellungen im Gesicht durch Wassereinlagerung unter der Haut sowie Juckreiz. Weitere Symptome sind Bauchschmerzen, Durchfall und Übelkeit. Der Blutdruck kann sinken, dabei kann es zu Schüttelfrost kommen, und im schlimmsten Fall droht ein Kreislaufkollaps.

Ein Notfallset ist bei Fleischallergie sinnvoll

„Vorsicht ist auch beim Verzehr von gelatinehaltigen Produkten wie Süßwaren, Kapselhüllen, Desserts, Gummibärchen oder Marshmallows geboten“, warnt der Experte. Auch Lebensmittelzusatzstoffe tierischen Ursprungs wie Rinderfett, Talg, bestimmte Aromen oder Bindemittel könnten Alpha-Gal-haltig sein, ebenso wie manche Medikamente.

Milch und Milchprodukte von Kuh, Ziege oder Schaf werden oft besser vertragen, da die Konzentration von Alpha-Gal darin eher gering ist. Geflügel, Fisch und Meeresfrüchte können ohne Gefahr verzehrt werden. Wer den Verdacht hat, unter einer Fleischallergie zu leiden, sollte dies beim Hautarzt abklären lassen, rät Kneilling. Gegebenenfalls sei es dann nötig, ein Notfallset, bestehend aus einem Adrenalin-Autoinjektor, Antihistaminika- und einer Kortison-Lösung, vorrätig zu haben.

„Die Behandlung konzentriert sich auf Allergenvermeidung und Symptomkontrolle“, sagt Kneilling. Wenn allergische Patienten Lebensmittel mit niedriger Alpha-Gal-Konzentration vertrügen, sollten sie diese in ungefähr gleicher Weise weiter konsumieren, um die Toleranz zu erhalten.

Über die Jahre könne die Allergie abklingen, wenn auf den Verzehr von Lebensmitteln mit hoher Alpha-Gal-Konzentration verzichtet wird und keine weiteren Zeckenstiche dazu kommen. Auch Julia Bach hat beobachtet, dass ihre Tochter inzwischen wieder kleinere Mengen rotes Fleisch verträgt. Das wichtigste ist jedoch: Mit ihrer Haut hat sie keine Probleme mehr, seit sie von ihrer Fleischallergie weiß.

*Mutter und Tochter wollen ihre Namen anonym halten.