Alpen nicht in Sicht Der Fernsehturm ist kein Fern-seh-Turm

Von Christian Ignatzi 

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Stadt und SWR werben mit der Alpen-Sicht vom Fernsehturm. Doch das ist schlicht falsch.

Stuttgart - Sieht man sie, oder sieht man sie nicht? Die Alpen an der Grenze zwischen der Schweiz, Österreich und Deutschland sind etwa 170 Kilometer von Stuttgart entfernt. Die Landeshauptstadt und der SWR werben für ihren Fernsehturm damit, dass man von seiner Kanzel bis zu den Gipfeln der Berge sehen kann.

Auf der Aussichtsplattform des Fernsehturms weht ein eisiger Wind. Viel sieht man nicht an diesem nebelverhangenen Nachmittag. In den Dunstwolken kann man höchstens noch die Albausläufer erkennen. Doch den Blick vom Fernsehturm wollen sich einige Leute nicht trüben lassen. Im Gegenteil: "Bei gutem Wetter reicht die Sicht bis zu den Alpen!", heißt es da auf der Homepage der Stadt Stuttgart.

Der SWR, dem der Fernsehturm gehört, wirbt sogar im Radio damit, dass man 170 Kilometer weit blicken kann. Das Stadtmarketing Stuttgart und die Lexikonplattform Wikipedia schließen sich der Meinung an, man könne von dort aus die Alpen sehen. Auf der Aussichtsplattform des Fernsehturms zeigt eine bronzene Anzeigetafel, was man in der Blickrichtung sieht. Richtet man sich nach Süden, steht da geschrieben: "Mailand, Zürich, Reutlingen." Aber was sieht man denn nun wirklich?

SWR will künftig kleinere Berge erklimmen

Die Mitarbeiter des Panoramacafés im Turm sind sich nicht einig: "Ich habe keine Ahnung, ich bin kurzsichtig", sagt einer. Ein anderer glaubt, die Antwort zu kennen: "Unser Aufzugwärter hat es einmal bei gutem Wetter versucht, aber er hat nur das Alpenvorland gesehen", sagt er. Damit liegt er gar nicht so falsch. Das Landesamt für Geoinformation hat sich auf Anfrage der "Südwest Presse" mit dem Thema beschäftigt und hat ein klares Urteil gefällt: Man kann die Alpen vom Fernsehturm aus nicht sehen.

Die Experten haben das anhand der Entfernungen und Höhen berechnet. Die Besucherkanzel des Fernsehturms befindet sich 634 Meter über dem Meeresspiegel. Einer der höchsten Alpengipfel in der Nordschweiz ist der Säntis. Der Gipfel des Bergs erreicht 2503 Meter über Nullniveau. Die Entfernung zwischen dem Fernsehturm und dem Säntis liegt bei 167 Kilometern. Nach den Berechnungen des Landesamts für Geoinformation müsste der Säntis 564 Meter höher sein, um trotz Erdkrümmung vom Fernsehturm aus sichtbar zu sein. "Es ist also nicht möglich, die Alpen von Stuttgart aus zu sehen", sagt Christiane Dworak vom Geoinformationsamt.

Die große Entfernung ist dabei nicht einmal das Problem. Die Sicht auf die Gipfel der Alpen wird schlichtweg durch die Schwäbische Alb versperrt. Über 800 Meter ist das Gebirge hoch und ist vom Stuttgarter Fernsehturm aus auch im Winterdunst noch bestens zu erkennen. Die Besucher des Stuttgarter Wahrzeichens müssen sich künftig also mit dem Blick über den Talkessel der Landeshauptstadt und das Panorama von Schwarzwald bis Schwäbischer Alb begnügen.

Die Touristenführer können in Zukunft nicht mehr mit der Stuttgarter Weitsicht werben. Auch der SWR selbst will künftig kleinere Berge erklimmen. "Wir werden den Werbespot, in dem wir davon sprechen, dass die Alpen zu sehen sind, überarbeiten", sagt eine Sprecherin. "Die Betriebsgesellschaft, die den Fernsehturm vor uns geführt hat, hatte ihre Informationen aus literarischen Texten, und wir haben das übernommen." Bei dem entsprechenden Werbespot handle es sich auch nicht um einen Spot des SWR, sondern der privatrechtlichen Betreibergesellschaft. Beschwerden habe es bisher keine gegeben. Die Besucher hätten die Fernsicht vom Stuttgarter Fernsehturm auch ohne Alpenpanorama genossen.

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