Börsenbulle als Symbol steigender Kurse – derzeit haben die Optimisten am Markt klar die Überhand Foto: dpa/Boris Roessler

Börsenparty trotz wirtschaftlicher Tristesse: Aktienmarkt und Realwirtschaft haben sich in Deutschland entkoppelt. Als Signal für einen Aufschwung taugt das Dax-Hoch aber kaum, kommentiert unser Autor Hannes Breustedt.

Allzeithochs hier, Dauerflaute dort: Die Rallye an den Börsen steht in starkem Kontrast zur pessimistischen Stimmung in der deutschen Wirtschaft. Während der Dax sich nach scharfer Kurskorrektur Anfang August schon wieder auf Rekordjagd befindet, rutscht die Konjunktur tiefer in die Krise.

 

Ein Widerspruch ist das nicht: An der Börse wird zwar die Zukunft gehandelt, doch das Kursfeuerwerk wird weniger von Wachstumshoffnung als von Zinsfantasien angefacht. In Deutschland haben sich Aktienmarkt und Realwirtschaft ohnehin entkoppelt. Deshalb taugen Dax-Hochs auch kaum als Signal eines möglichen Aufschwungs.

Kranker Mann Europas und Bremsklotz der Eurozone

Die deutsche Wirtschaft steckt tief in der Misere: Das Geschäftsklima ist im Keller, die Konsumstimmung mau, die Aussicht auf eine Erholung im zweiten Halbjahr düster. Hatte der schwungvolle Jahresauftakt noch Hoffnungen auf ein konjunkturelles Frühlingserwachen oder gar ein Sommermärchen geweckt, so brachte das zweite Quartal Ernüchterung. Es droht der Rückfall in die Rezession. Statt Aufwärtstrend ist wieder von Deutschland, dem kranken Mann Europas und Bremsklotz der Eurozone die Rede.

Die Partylaune der Dax-Anleger wirkt in diesem tristen Umfeld deplatziert. Von Aufbruchstimmung kann im Land keine Rede sein, es herrscht Trübsal. Firmeninsolvenzen, Stellenstreichungen und Sparmaßnahmen verunsichern die Menschen. Der private Konsum, auf dem angesichts mangelnder Wachstumsimpulse durch Außenhandel, Bau und Investitionen die Hoffnungen vieler Ökonomen lagen, springt trotz starker Reallohnsteigerungen nicht an. Neue Daten und Umfragen zeigen, dass die schwache Konjunktur den Arbeitsmarkt erreicht, der sich bislang noch recht robust zeigte.

Konjunktur in Deutschland hat nur begrenzte Bedeutung

Börsianer neigen dazu, Risiken auszublenden. So stehen geopolitische Gefahren wie drohende Eskalationen im Nahostkonflikt oder im Ukrainekrieg steigenden Kursen nicht im Weg. Mit Blick auf die wirtschaftliche Dauerkrise in Deutschland kann man Anlegern aber keine Realitätsverweigerung attestieren. Im Dax werden zwar Anteile von Unternehmen der Realwirtschaft gehandelt, doch die Konjunktur in Deutschland hat nur sehr begrenzte Bedeutung für Aktionäre.

Entscheidend sind die Gewinnerwartungen der Konzerne, nicht das Wirtschaftswachstum des Landes. Den Großteil ihrer Umsätze machen Schwergewichte wie Mercedes-Benz oder SAP außerhalb Deutschlands – der Heimatmarkt spielt für die großen Dax-Unternehmen längst nur noch eine untergeordnete Rolle.

Was die Börsen derzeit antreibt, ist jedoch ohnehin vor allem die Aussicht auf Leitzinssenkungen. Billigeres Zentralbankgeld macht Kredite günstiger und Zinsanlagen unattraktiver, die Liquiditätszufuhr kann im Finanzsystem wie Doping für Aktien wirken.

Anleger fiebern US-Zinswende entgegen

Nach großen Fortschritten im Kampf gegen die hohe Inflation leitete die Europäische Zentralbank (EZB) bereits im Juni die Zinswende ein, im September dürfte die US-Notenbank Fed endlich nachziehen. Das ist das große Ereignis, dem die Anleger seit Jahresbeginn entgegenfiebern. Zugleich dürfte die EZB ihren Kurs weiter lockern – die Aussicht treibt die Aktienmärkte zusätzlich an.

Natürlich können Zinssenkungen die Weltkonjunktur anschieben, wovon letztlich auch die exportlastige deutsche Wirtschaft profitieren würde. Das dürfte aber ein langwieriger Prozess werden – sowohl EZB als auch Fed sind noch weit entfernt von einer expansiven Geldpolitik. Der Zinssenkungszyklus beginnt gerade erst, Inflationsrisiken sind noch nicht ganz abgehakt. Erschwerend kommt hinzu: Deutschlands lähmende Strukturprobleme wie überbordende Bürokratie und mangelnde Digitalisierung können die Notenbanker ohnehin nicht lösen.