Klaus Allofs, Manager beim VfL Wolfsburg: Die Wölfe beißen wieder Foto: Bongarts

Unterstützung für den geschassten VfB-Manager Fredi Bobic von einem prominenten Kollegen. „Die Zeit war zu kurz, um ein gerechtes Urteil über seine Arbeit zu fällen“, sagt Wolfsburgs Manager Klaus Allofs und fordert Geduld von den Club-Verantwortlichen.

Stuttgart - Guten Tag, Herr Allofs. Es sieht so aus, als könnte der VfB Stuttgart von Ihnen lernen . . .(schweigt kurz) . . . wie soll ich das verstehen?
Wie macht man aus einem Abstiegskandidaten einen Anwärter für die Champions League?
Ehrlich  gesagt habe ich mir nie große ­Sorgen um die Zukunft des VfL Wolfsburg gemacht.
Als Sie vor zwei Jahren als Geschäftsführer Sport aus Bremen gekommen sind, kämpfte der VfL gegen den Abstieg.
Ja, aber mir war klar, dass ein großes Potenzial vorhanden ist. Aber der Verein hatte eben unruhige Zeiten hinter sich.
So ist das beim VfB Stuttgart noch immer.
Wenn es zu unruhig wird, ist der sportliche Erfolg aber in Gefahr.
Welche Maßnahmen haben Sie ergriffen?
Ich habe das vorhandene Potenzial analysiert nach dem Prinzip: Was hilft uns weiter, was hemmt uns eher?
Sie haben im Spielerkader aussortiert.
Ja, die Spieler müssen Klarheit haben. Wo ist mein Platz, habe ich eine reelle Chance zum Einsatz zu kommen? Es darf keine leeren Versprechungen geben.
Das dürfte aber noch nicht alles sein.
Das klingt vielleicht banal, aber man muss wieder Vertrauen schaffen in die handelnden Personen. Es muss klare und nachvollziehbare Entscheidungen geben. Die haben wir getroffen. Nur so entsteht wieder so etwas wie ein Teamgeist.
Ihre Maßnahmen wirkten aus heutiger Sicht erstaunlich schnell.
(lacht) Ja, da war ich selbst ein wenig überrascht. Es ging aber nicht sofort voran. Es gab ein Unentschieden nach dem anderen und wir kamen auch nicht gleich da unten wieder raus. Aber es war von der Stimmung her zu spüren, dass wieder etwas zusammenwächst.
Sie haben den Trainer gewechselt und sich von Superstar Diego getrennt.
Wie gesagt: Man musste einige Entscheidungen treffen. Lorenz-Günther Köstner (Anm. d. Red.: Bis dahin U-23-Coach beim VfL) hatte interimsmäßig übernommen und einen guten Job gemacht, aber ich hatte das Gefühl, dass da noch zu viele Erinnerungen an die Vergangenheit mit dran hingen.
Sie wollten den Neubeginn.
Ja, ich hatte das Gefühl, dass wir ein ganz neues Kapitel aufschlagen müssen. . .
. . . in der Winterpause kam Dieter Hecking vom 1. FC Nürnberg.
Ich hatte von seiner Ausstiegsklausel gehört. Wir führten dann ein sehr langes und intensives Gespräch und danach fiel die Entscheidung, ihn zu holen.
Ein mutiger, weil in der Öffentlichkeit nicht unumstrittener Schritt.
Im Nachhinein war es der genau richtige Schritt. Der richtige Mann am richtigen Ort. Unsere Entwicklung nahm dann noch einmal Fahrt auf.
Mit welchem Plan haben Sie die Mannschaft auf das heutige Niveau gehoben?
Das ist eigentlich kein Hexenwerk. Ich hatte ja die Erfahrung aus knapp 13 Jahren bei Werder Bremen. Man schaut sich die Mannschaft an und fragt sich: Wo sind ihre Stärken, wo haben wir noch Defizite? Und dann macht man sich auf die Suche. Die Mannschaft war ja intakt und wollte zeigen, dass mehr in ihr steckt. Wir durften also auch nicht zu viel machen, um nicht neue Unruhe zu schaffen.
Das klingt in der Theorie einfach, ist in der Praxis aber schwierig.
Da haben Sie recht. Sie können in diesem Geschäft nie davon ausgehen, dass Sie Entscheidungen treffen, handeln und am nächsten Tag schon die positiven Ergebnisse haben.
Das bedeutet aber man braucht Geduld, die es in diesem Geschäft nicht mehr gibt.
Ich will es so ausdrücken: Unsere Art der Geduld ist eine andere.
Das müssen Sie bitte erklären.
Sehr wichtig ist, dass wir den eingeschlagenen Weg nicht sofort in Frage stellen, wenn wir mal schlecht in die Saison starten oder vier- , fünfmal hintereinander nicht erfolgreich sind. Wir signalisieren diese Geduld und haben damit auch die eine oder andere schwierige Phase überstanden. Denken Sie nur an die vergangene Saison und an die Niederlage gegen Braunschweig. Da war Stehvermögen verlangt. . .
. . . und das nötige Finanzpolster
Wir haben einige außergewöhnliche Maßnahmen ergriffen. Bei der Erstverpflichtung, Ivan Perisic, haben auch glückliche Umstände geholfen. Das brachte zusätzliche Qualität in den Kader, dann kamen Luiz Gustavo hinzu und noch Kevin de Bruyne. Aber wir haben gleichzeitig auch junge Spieler entwickeln können wie Maximilian Arnold und Robin Knoche, was eine gute Signalwirkung für den Verein hatte.
Braucht man auch Glück dazu?
Mit Sicherheit. Viel wichtiger ist aber die Geduld. . .
. . . die man beim VfB nicht immer hat.
Wie gesagt. Man darf seinen Plan, seine Philosophie nicht ständig über den Haufen werfen, wenn es mal nicht so gut läuft.
Was wohl nicht bedeutet, dass man seinen Weg nicht ständig hinterfragt.
Das versteht sich von selbst. Das war zum Beispiel im vergangenen Jahr so, als sich die Gelegenheit bot Luis Gustavo zu verpflichten. Da haben wir uns schon gefragt, ob dieser Schritt zu diesem Zeitpunkt nicht zu groß ist. Aber wir waren uns einig: Das müssen wir jetzt machen. Die Möglichkeit kommt so vielleicht nicht wieder. So war das auch, als wir Diego gehen ließen oder Kevin de Bruyne verpflichteten. Das sind entscheidende Weichenstellungen.
Wie sichern Sie ab, dass es keinen Flop gibt?
Es gibt keine Garantie. Das habe ich in den letzten Jahren in Bremen ja selbst erlebt. Man hat alle wichtigen Informationen, man hat ein gutes Gefühl – trotzdem erfüllen nicht alle Personalentscheidungen die Erwartungen. Das hängt ja nicht immer nur von einem Spieler selbst ab, da haben auch seine Teamkollegen Einfluss oder die Entwicklung des Vereins. Man muss Chancen und Risiken gegeneinander abwägen. Wenn die Chancen größer sind, darf man aber ­keine Angst haben Entscheidungen zu treffen.
VfB-Sportvorstand Fredi Bobic hatte nach Meinung seiner Kritiker zu viele Fehlent­scheidungen getroffen.
Man darf nicht vergessen, dass er eine sehr schwierige Aufgabe hatte. Es tut mir leid, dass Fredi Bobic gehen musste. Es kam in Armin Veh ein neuer Trainer und er stand dadurch ziemlich allein in der Schusslinie. Natürlich wird man daran gemessen, wen man holt und wen man gehen lässt. Aber er hat auch viele Dinge richtig gemacht. Leider hat er die Zeit nicht bekommen, die es gebraucht hätte, um ein gerechtes Urteil über seine Arbeit fällen zu können.
Ist es gerecht, was der Mainzer Sportdirektor Christian Heidel behauptet. Er sieht den VfL Wolfsburg in punkto Wirtschaftskraft auf Höhe der Bayern. Korrekt?
Nein, ich habe ja auch gesagt, dass ich enttäuscht darüber bin, dass er sich auf diesem Gebiet nicht als Experte erweist.
Es gibt für einen Verein aber sicher Schlimmeres als eine hundertprozentige Volkswagen-Tochter zu sein.

(lacht) Das stimmt, die Unterstützung ist gut und wir machen viele sinnvolle Dinge damit. Volkswagen ist weltweit ein führender Autobauer und möchte einen erfolgreichen Fußballverein. Dazu stehen wir sehr selbstbewusst. Wir haben eine tolle Nachwuchsarbeit, eine sehr erfolgreiche Frauenfußballmannschaft und mit dem Profiteam wollen wir mittelfristig in die Champions League. Wir sind aber kein legitimer Bayern-Jäger. Die Unterstützung von VW wird diese Größenordnungen nie erreichen.

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