In Allmannsweiler im Kreis Biberach sind die Menschen im Schnitt fünf Jahre jünger als im Landesdurchschnitt. Foto: Laura Hornberger

Für kleine Dörfer auf dem Land sind die Prognosen langfristig eher düster. Denn laut Statistiken altert die Bevölkerung dort schneller als in der Stadt – und viele junge Leute ziehen irgendwann fort. Doch es gibt Orte in Baden-Württemberg, in denen es anders läuft. Ein Besuch im jüngsten Dorf des Landes.

Allmannsweiler - Ins Neubaugebiet sind es vom Rathaus aus nur ein paar Meter. Links reihen sich weiß gestrichene Häuser, gepflasterte Einfahrten, Gärten mit Kinderschaukeln aneinander, vorne endet die Straße auf dem Acker. Stefan Koch, der Ortsvorsteher, bleibt stehen und guckt in die Ferne. Bauland, sagt er, sei einer der wichtigsten Gründe, für junge Leute in einen Ort wie diesen zu kommen. „Und das Land“, sagt eine Frau, die vor ihrem Neubau auf der Treppe sitzt. „Wenn ich hier ein paar Meter den Hügel hoch gehe, sehe ich zum Federsee.“

 

Allmannsweiler, 30 Minuten von Biberach entfernt und 65 Kilometer südwestlich von Ulm. Um die 300 Menschen leben hier. Es gibt eine gotische Kirche aus dem 14. Jahrhundert, zwei Milchviehbetriebe, zwei Bushaltestellen, einen Maschinenbauer, einen Landtechniker, ein Bauunternehmen, ein Feuerwehrhaus, ein Jugendhaus, ein Backhaus und seit ein paar Monaten auch einen Laden. Die Bewohner hier sind im Schnitt rund 38 Jahre alt: Mehr als 5 Jahre jünger als der Landesdurchschnitt und 14 Jahre jünger als die Bewohner im ältesten Dorf des Landes, Ibach im Schwarzwald.

Was läuft in Allmannsweiler anders als anderswo? Der Bürgermeister sagt, hier spielen viele Dinge zusammen. Die Geburtenrate in den letzten Jahren sei gestiegen, vier Kinder kamen 2017 in dem Ort auf die Welt. Ein Altersheim gibt es nicht, nur 31 von den knapp 300 Einwohnern sind im Rentenalter, auch das senkt den Altersschnitt. Dann die Infrastruktur, sowohl die Breitbandanbindung im Ort, die Betriebe hier, als auch die vielen Arbeitsplätze und die größeren Städte in der nahen Umgebung. „Die Wirtschaft im Landkreis Biberach boomt“, sagt Stefan Koch, die Arbeitslosenquote liegt bei 2,1 Prozent. Die großen Industrieunternehmen in der Region böten viele Arbeitsplätze, davon würden auch die Gemeinden auf dem Land profitieren, weil junge Menschen eben gut eine Stelle fänden. Aber Stefan Koch, ein großgewachsener Mann mit weißem Hemd und grauem Haar, sagt auch, dass da noch andere Punkte sind.

Die Wirtschaft im Landkreis Biberach boomt, davon profitieren auch die kleinen Gemeinden

Vor ein paar Jahren haben sie hier im Ort eine Bürgerbefragung gemacht. Dabei kam raus: Oft sind es nur Kleinigkeiten, die fehlen. Spielplätze zum Beispiel. Ein größeres Haus für die Feuerwehr. Eine Verschönerung der Beton-Mauern, die das Gelände entlang der Dorfmitte stützen. Erweiterungsflächen für die, die ein Gewerbe haben. Einkaufsmöglichkeiten im Ort. Stefan Koch sagt: Sie haben Leute mitgenommen, hier in Allmannsweiler. Arbeiten die Punkte nach und nach auf, haben die Stützmauern verschönert, den Spielplatz angelegt, Flächen geschaffen. Und jemanden für einen kleinen Dorfladen gewonnen.

„Wolfes Landgenuss“ liegt an einer der zwei größeren Straßen im Ort. Ein kleiner Raum im Untergeschoss eines Wohnhauses, die Fassade ist frisch verputzt. Drinnen eine lange Theke mit Wurstwaren, Käse, belegten Brötchen. Hinter der Theke reihen sich Körbe mit Brot und Brötchen, rechts im Regal stehen Colaflaschen neben Nudelpackungen neben Chipstüten. „Die Leute nehmen das Angebot dankbar an“, sagt Wolfgang Scham, der Inhaber des Ladens. Vor allem für Ältere sei das wichtig, sagt er, auch als sozialer Treffpunkt in einem Ort. „Man redet überall von Nahversorgung, aber eigentlich werden mehr kleine Läden zugemacht als aufgemacht.“

Die Statistiker beobachten eine Trendumkehr: Das Land wird wieder attraktiver

Die Prognosen für kleine Gemeinden auf dem Land sahen lange sehr düster aus. Ab der Jahrtausendwende haben die Statistiker für den ländlichen Raum einen Bevölkerungsrückgang beobachtet – und eine schnellere Alterung. Bis 2015 verlor der ländliche Raum stärker an Einwohnern als die sogenannten Verdichtungsräume. Es war von Landflucht die Rede und von einer Vergreisung der Dörfer, weil der Trend in die Städte fast ausschließlich von jungen Menschen bestimmt wurde. Doch seit ein paar Jahren ändert sich vielerorts etwas.

War das Durchschnittsalter zuletzt in Stadtkreisen wie Heidelberg, Ulm oder Freiburg am niedrigsten, hatte der Kreis Biberach Ende 2017 nach Tübingen immerhin die zweitjüngste Bevölkerung unter den Landkreisen. Auch anderswo haben ländlich geprägte Kreise Bevölkerungszuwachs und werden jünger: Drei der zehn jüngsten Dörfer des Landes liegen im Kreis Ravensburg, vier im Alb-Donau-Kreis, zwei im Kreis Biberach. Bevölkerungszuwächse gibt es auch in kleinen Gemeinden im Kreis Tuttlingen und Lörrach. Das liege zum einen am Zuzug und zum anderen an einer höheren Geburtenrate, sagt Werner Brachat-Schwarz vom Statistischen Landesamt. Seit zwei, drei Jahren beobachtet er eine gewisse Trendumkehr: „Seit 2016 sind die relativen Wanderungsverluste in den dünn besiedelten Gebieten geringer als in den Ballungsräumen.“ Heißt: Die Differenz zwischen jenen, die wegziehen, und jenen, die zuziehen, ist auf dem Land nicht mehr so groß – auch dann, wenn man die Zahlen der zugezogenen Flüchtlinge nicht mit einrechnet.

Das Land und kleinere Gemeinden seien wieder attraktiver geworden für Zuziehende, sagt Brachat-Schwarz. „Das dürfte meines Erachtens vor allem darauf zurückzuführen sein, dass der Wohnraum in den Städten immer knapper und somit teurer geworden ist“, sagt Statistiker Brachat-Schwarz. Weil Zuzug üblicherweise Verjüngung bedeute und Wegzug eine überdurchschnittliche Alterung, wirke sich das auch auf das Durchschnittsalter vieler Gemeinden aus.

Um zukunftsfähig zu bleiben, müsse die Infrastruktur in der Fläche ausgebaut werden

Die Entwicklung gilt allerdings nicht für alle Gegenden im Land gleichermaßen. „Schwache Regionen“ seien beispielsweise der Neckar-Odenwald und der Main-Tauber-Kreis, sagt Brachat-Schwarz. Das Durchschnittsalter ist in diesen Regionen hoch, weil viele junge Menschen wegziehen und weniger nachkommen. Die Gründe dafür seien vielfältig: Infrastruktur, Arbeitsplatzangebot, Lage. Dass der Erholungsort Ibach im südlichen Hochschwarzwald im Schnitt so alt ist, liege sicher auch daran, dass die Gemeinde verkehrstechnisch nicht sehr günstig gelegen sei, sagt Werner Brachat-Schwarz.

In der Infrastruktur sieht auch Steffen Jäger vom Gemeindetag Baden-Württemberg die Herausforderung der kommenden Jahre. Denn der Fachkräftemangel werde sich überall bemerkbar machen – und wenn man es nicht schaffe, die freiwerden Stellen nachzubesetzen, sei das ein Problem. „Es gibt keine ländliche Region, in der wir nicht einen Weltmarktführer haben.“ Wolle man da zukunftsfähig bleiben, gelte es auch auf dem Land Wohnraum, Bildungs- und Gesundheitsangebote, Pflege und Mobilität flächendeckend auszubauen. Vieles läge da nicht in der Verantwortung der Kommunen, sondern beispielsweise bei den Krankenkassen oder dem Land: „Hier muss man eben auch in die Fläche gucken und nicht nur auf die betriebswirtschaftlichen Zahlen“, sagt Jäger. Immerhin, das politische Bewusstsein sei in den vergangenen Jahren gestiegen, viele Prozesse angestoßen, die Rahmenbedingungen seien gut.

Experten gehen davon aus, dass viele junge Leute früher oder später in die Städte ziehen

Guckt man auf die Prognosen der Statistiker, scheint ungewiss, ob die Entwicklung weiter in diese Richtung geht. Denn die Gemeinden altern überall in Baden-Württemberg. Während derzeit zwischen 30 und 40 der Einwohner von Allmannsweiler im Rentenalter sind, könnten es im Jahr 2030 schon über 70 sein, rechnen Statistiker vom Landesamt voraus. Gleichzeit gehen die Experten davon aus, dass etwa jeder fünfte der 18 bis 25-Jährigen auf dem Land früher oder später in die Städte ziehen wird, beispielsweise zum Studium.

„Wenn man’s richtig anpackt, kommen die vielleicht irgendwann wieder zurück“, sagt Bürgermeister Stefan Koch. Er steht vor dem Jugendhaus Babalouu, in der Ortsmitte von Allmannsweiler, da, wo auch das Backhaus und das kleine Feuerwehrhaus sind. Man müsse eben was tun für den sozialen Zusammenhalt in der Gemeinde, für die Vereine, für Leben im Dorf und für die Jugend: „Viele von denen, die zum Studium weggezogen sind, sind wieder hierhergezogen, wenn sie im Häuslesbauer-Alter waren.“ Wer aus der Gemeinde einen Bauplatz wolle, käme bei der Vergabe auch zum Zuge.

Und die Jugendlichen? Können sich das vorstellen. Hannes Walter, 21, will im September eine Ausbildung in Biberach anfangen – und dafür erstmal im Ort wohnen bleiben. „Man ist hier ja nicht ganz ab vom Schuss“, sagt er. Seit ein paar Jahren organisieren er und ein Team von 15 Leuten Stammtische, Dorf-Feste und Partys für Jugendliche aus der Umgebung im Jugendhaus. Er findet: Es läuft super hier in Allmannsweiler, auch für junge Leute. Und selbst wenn er danach fürs Studium wegzieht, will er auf jeden Fall wieder hierher zurückkommen. Er mag den Ort und das Land, und er kennt die Leute hier.