Im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League hat das Team von Allianz MTV Stuttgart sensationell gegen Fenerbahce Istanbul gewonnen. Auch dank der starken Leistung der erst 21-Jährigen Jolien Knollema.
Die Ränge der Scharrena hatten sich am späten Dienstagabend bereits geleert, die Aufräumarbeiten begonnen – als trotzdem immer wieder Applaus aufbrandete. Und zwar immer dann, wenn eine Spielerin oder ein Mitglied des Trainerteams sich auf den Weg von der Umkleidekabine in den Vip-Raum machte. Der Beifall war mehr als berechtigt – meinte auch Aurel Irion. „In der Champions League unter die besten Acht zu kommen und dann eines dieser Teams zu besiegen, das haben die Spielerinnen und Trainer großartig gemacht“, sagte der Geschäftsführer von Allianz MTV Stuttgart am Tag nach der Sensation gegen Fenerbahce Istanbul – und fügte an: „Hut ab.“
Mit riesengroßem Kampfgeist, vielen spektakulären Abwehraktionen und doch auch kühlem Kopf hat die Mannschaft des Trainers Konstantin Bitter das türkische Topteam trotz zweimaligem Satzrückstand mit 3:2 (22:25, 26:24, 19:25, 25:20, 15:10) niedergerungen. Die Stuttgarter Fans in der ausverkauften Scharrena waren euphorisiert wie selten – und natürlich stellte sich plötzlich eine Frage, die vor dem Hinspiel im Viertelfinale eigentlich gar kein Thema war: Ist nun sogar der Einzug ins Halbfinale drin?
„Mehr geht nicht“, sagte zwar Kim Renkema, die Sportdirektorin, nach dem überraschenden Erfolg am Dienstagabend. Doch Jolien Knollema brauchte ebenfalls nicht viele Worte, um den Traum, der nun geträumt werden darf, zu beschreiben: „Warum nicht!?“ Das Gute für die Niederländerin: Im Gegensatz zu ihrer Sportchefin kann sie am kommenden Mittwoch auf dem Feld daran mitarbeiten, die dann noch größere Sensation zu schaffen. Wer sie am Dienstagabend hat spielen sehen, weiß, dass die Außenangreiferin eine ganze Menge dafür tun kann.
Ja, es war Eline Timmerman, die in den Sätzen vier und fünf jeweils den entscheidenden Punkt machte. Und ja, es war Krystal Rivers, die auf MTV-Seite erfolgreichste Punktesammlerin (23) war und zur Spielerin der Partie gewählt wurde. Aber: Noch lange bevor die US-Amerikanerin richtig aufdrehte, hatte eben Jolien Knollema großen Anteil daran, dass die Gäste aus Istanbul nie weit wegziehen konnten, dass der Trainer später sagen konnte: „Wir haben immer gespürt, dass was geht.“ Am Ende waren es 16 Punkte, die die Niederländerin beisteuerte. Und die damit eine Rolle spielte, die für sie gar nicht zwingend vorgesehen war in dieser Saison.
Viel Lob für Jolien Knollema
Sicher, ihre Landsfrau Kim Renkema hatte sich einiges versprochen, als sie die Angreiferin im vergangenen Sommer verpflichtet hat. Aber eben vor allem perspektivisch. Denn Jolien Knollema ist Anfang Januar gerade erst 21 Jahre alt geworden und damit die Jüngste im Kader des deutschen Meisters. Doch schon vor der Bundesligasaison hatte sie überraschend viele Einsätze im niederländischen Nationalteam, und auch der dadurch späte Start in Stuttgart bremste sie nur unmerklich. „Sie hat sich über die Saison hinweg hervorragend entwickelt“, lobte Konstantin Bitter und strich heraus, was die 1,88 Meter große Volleyballerin auszeichnet.
Knollema verfüge neben ihrem Talent und den körperlichen Voraussetzungen über eine spezielle Mentalität. Aber eben auch über den nötigen Schuss Lockerheit, den es brauche, „um auf diesem Niveau zu spielen“. Man habe, ergänzte der Coach, im Training viel mit dem Talent gearbeitet, „und wir haben ihr Vertrauen geschenkt, dass sie nun zurückzahlt“. Bitter ist sicher: „Wir werden noch viel Freude an ihr haben.“ Die Frage ist nur: auch über diese Saison hinaus?
Kim Renkema macht aus ihrem Wunsch, Jolien Knollema in Stuttgart zu halten, kein Geheimnis. Zumal sie auch der Meinung ist, dass dies für die 21-Jährige der richtige Weg wäre: „Sie hat schon gezeigt, was für ein Riesentalent sie ist, aber hier kann sie sich in Ruhe weiterentwickeln.“ Was die Sportdirektorin an Knollema beeindruckt: Trotz ihrer Größe und ihrer Athletik sei sie keine reine Angreiferin, sondern erstaunlich vielseitig. „Wenn sie in der Annahme noch stabiler wird“, sagt Kim Renkema, „bietet sie ein Paket, dass es so nicht allzu oft gibt.“
Das Pokalfinale gegen den SC Potsdam ist besonders wichtig
Bei Allianz MTV wird man versuchen, das Potenzial der Nationalspielerin weiter herauszuarbeiten – auch wenn nun erst einmal die Aktualität das sportliche Programm bestimmt. Am Sonntag (17 Uhr) steht das Zwischenrundenspiel in der Bundesliga gegen den Dresdner SC an. Am Mittwoch (18 Uhr) folgt das Rückspiel in Istanbul, vier Tage später steigt das Pokalfinale. Das Titelduell mit dem SC Potsdam gilt als das wichtigste Match der kommenden Tage.
Doch ein Gedanke hat sich seit Dienstagabend verflüchtigt: Dass man in Istanbul deswegen die eine oder andere Spielerin schont, vielleicht sogar gar nicht mitreisen lässt. Bei einer klaren Niederlage im Viertelfinal-Hinspiel wäre das wohl so umgesetzt worden. Nun aber ist ein erstmaliger Einzug ins Halbfinale der Königsklasse zwar immer noch unwahrscheinlich, aber eben keine Utopie mehr. Und Konstantin Bitter sagt: „Wir werden alles versuchen, es gibt kein Taktieren.“ Also reist die bestmögliche Mannschaft an den Bosporus.
Zu der Jolien Knollema längst gehört.