Enttäuschte Mienen bei den Volleyballerinnen von Allianz MTV Stuttgart – das erste Finalspiel verlor das Team knapp und umstritten 2:3. Foto: Baumann

Die Volleyballerinnen von Allianz MTV Stuttgart verlieren ihr erstes Play-off-Finale gegen den SSC Schwerin nach zwei höchst umstrittenen Pfiffen 2:3. Nun fordern alle Beteiligten den Videobeweis.

Stuttgart - Auch am Tag danach war Kim Renkema noch fassungslos. Per WhatsApp verschickte die Sportchefin von Allianz MTV Stuttgart Fotos der Szenen, die das erste Duell gegen den SSC Palmberg Schwerin entschieden hatten. „Es waren zwei klare Fehlentscheidungen“, sagte Renkema, „das ist unfassbar, traurig, bitter. Ich verstehe nicht, wie so etwas passieren kann.“ Was geschehen ist? Werden die Stuttgarter Volleyballerinnen so schnell nicht vergessen.

Es war ein berauschendes Finale. Nicht immer auf höchstem Niveau, nicht ohne Fehler. Aber ungemein spannend, kämpferisch und emotional. Vor 2250 Fans, die aus der Scharrena ein Tollhaus machten. Beide Teams durchlebten Höhen und Tiefen, nach dem 25:21, 22:25 und 22:25 holten sich die Stuttgarterinnen trotz eines 10:12-Rückstands den vierten Satz mit 25:21 – danach setzte sich die Achterbahnfahrt der Gefühle im Tie-Break fort. Aus einem 0:3 machte das MTV-Team eine 12:9-Führung, die Halle feierte schon den so wichtigen Auftaktsieg in der DM-Finalserie (maximal fünf Spiele). Doch die Siegesgesänge sollten schnell verstummen. Stattdessen gab es ein Pfeifkonzert und lautstarke „Schieber! Schieber!“-Rufe.

Die Kapitänin beklagt Ungerechtigkeiten

Beim Stand von 12:11 sahen die Stuttgarterinnen den Aufschlag von Jelena Oluic im Aus, das Schiedsrichter-Gespann entschied auf Ass. Und gleich danach nahmen die Unparteiischen bei einem Schweriner Schmetterschlag, der hinter dem Feld gelandet war, eine Berührung von MTV-Mittelblockerin Paige Tapp wahr, die danach schwor, ganz sicher nicht am Ball gewesen zu sein. Statt 14:11 stand es 12:13. „Das hat uns einen Knacks gegeben“, sagte Kapitänin Deborah van Daelen, „es ist unglaublich hart, eine ganze Saison lang jeden Tag für den Traum vom Titel zu trainieren, und dann im entscheidenden Moment nicht nur gegen Schwerin, sondern auch gegen den Schiedsrichter spielen zu müssen. Wäre es gerecht zugegangen, hätten wir gewonnen.“

Ähnlich sahen es die Verantwortlichen des MTV, die sich trotzdem bemühten, nicht als schlechte Verlierer rüberzukommen. Einen Seitenhieb auf Felix Koslowski wollten sie sich aber nicht verkneifen. Der SSC-Coach, der auch Bundestrainer ist, trägt stets ein am Handgelenk befestigtes Tablet, auf dem er sich die letzten Ballwechsel noch einmal anschauen kann. „Mit diesen Bildern beeinflusst er die Schiedsrichter das ganze Spiel über, und am Ende zeigt das eben Wirkung“, erklärte MTV-Geschäftsführer Aurel Irion, „so etwas geht nicht, müsste eigentlich bestraft werden.“ Und auch Renkema kritisierte Koslowski: „Er geht ständig zu den Unparteiischen, weist sie mit seinen Tablet-Aufnahmen auf angebliche Fehlentscheidungen hin. So etwas gehört nicht in unseren Sport.“ Was aber kein grundsätzliches Plädoyer gegen den Videobeweis sein sollte. Ganz im Gegenteil.

Im Pokalfinale gibt es den Videobeweis

Anders als im (vergleichsweise unwichtigen) Supercup und im Pokalendspiel gibt es in der DM-Finalserie für die Trainer nicht die Möglichkeit, Schiedsrichterentscheidungen überprüfen zu lassen. Das System wäre für eine Leihgebühr zwischen 3000 und 4000 Euro pro Spiel in jeder Halle zu installieren. Nach dem Duell am Samstag waren sich alle Beteiligten einig: Es wäre gut investiertes Geld. „Aus meiner Sicht lag der Schiedsrichter bei den umstrittenen Szenen im Tie-Break richtig“, meinte Koslowski, „trotzdem bin ich total für den Videobeweis. Er nimmt den Schiedsrichtern den Druck und die negativen Emotionen raus. Ein DM hat große Bedeutung, die Unterschiede zwischen den Teams sind extrem klein – da würde diese Technik helfen.“ Ähnlich denkt MTV-Coach Giannis Athanasopoulos: „Wir brauchen dieses System, ohne dass wir Trainer bei Entscheidungen der Schiedsrichter macht- und hilflos sind. Ich denke, dass wir gewonnen hätten, wenn ich die Chance zur Überprüfung gehabt hätte.“

Stattdessen lastet nun der Druck vor dem zweiten Duell an diesem Mittwoch (18.10 Uhr/Sport 1) auf den Stuttgarterinnen, die zudem personelle Probleme haben. Außenangreiferin Nika Daalderop droht für die ganze Serie auszufallen, auch Libera Teodora Pušić (beide Verletzung am Sprunggelenk) muss wohl weiter pausieren. Ihre Vertreterin Annie Cesar (19) wurde zwar als beste Spielerin geehrt, konnte die serbische Nationalspielerin aber nicht komplett ersetzen. „Annie war klasse, aber es war eben erst ihr zweites Profi-Spiel von Beginn an“, sagte Athanasopoulos, „doch wenn sie weiter hart arbeitet, kann sie unsere Libera der Zukunft werden.“

Aufgetrumpft hat auch Nikoleta Perović. Sie machte nicht nur 21 Punkte, sondern ihre bestes Spiel im MTV-Trikot. „Sie war sehr gut“, lobte der Coach die Diagonalangreiferin, die bisher hinter den Erwartungen geblieben war. Und auch Renkema meinte: „Sie ist explodiert, hat gezeigt, was sie wirklich drauf hat.“ Nun hofft die Sportchefin, dass ihr gesamtes Team über sich hinauswächst. Am besten schon am Mittwoch: „Schwerin ist eine ganz starke Mannschaft. Um sie zu schlagen, muss alles passen.“ Auch die Leistung der Schiedsrichter.

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