Trainer mit viel Temperament: MTV-Coach Hernandéz Foto: Baumann

Eine Vorbereitung ohne Nationalspielerinnen, ein schwerer Auftakt am Donnerstag in Schwerin, hohe Erwartungen – all das ist Guillermo Naranjo Hernandéz egal. Der Coach der Volleyballerinnen von Allianz MTV Stuttgart ist überzeugt von seinem Team: “Wenn es nicht läuft, liegt es an mir.“

- Señor Hernández, Sie sehen erholt aus.
Wirklich? Danke für das Kompliment. Aber eigentlich hatte ich gar keine Zeit, um mal richtig auszuspannen.
Wieso nicht? Die Saison war nach den drei Niederlagen in den Play-offs um die Meisterschaft gegen den Dresdner SC doch schon Ende April zu Ende.
Richtig. Aber ich habe trotzdem keinen Urlaub gemacht.
Sondern?
Ich habe Volleyball geschaut, am Computer. Zum Beispiel die European Games und den Grand Prix, insgesamt vier große Turniere für Nationalmannschaften, bei denen Spielerinnen von mir im Einsatz waren.
Warum?
Weil ich einige meiner Neuzugänge erst noch richtig kennenlernen musste. Ich habe mich darauf vorbereitet, woran wir künftig zu arbeiten haben werden. Aber auch noch aus einem anderen Grund.
Aus welchem?
Ich habe zwar meine erste Saison als Cheftrainer eines Bundesligisten hinter mir . . .
. . . die mit Rang zwei in der Meisterschaft und dem Pokalsieg sehr erfolgreich war.
Richtig. Und trotzdem habe ich auch in dieser Saison gelernt, dass ich noch nicht genug weiß über Volleyball und mich weiterentwickeln muss. Deshalb versuche ich, so viel Volleyball wie möglich zu schauen, mit so vielen Trainern wie möglich zu sprechen, so viele Spiele wie möglich taktisch zu analysieren. Ich habe noch längst nicht ausgelernt.
Gilt das auch für Ihr Verhalten auf der Bank?
(Lächelt) Sie spielen sicher auf meine Rote Karte am Ende des zweiten Spiels gegen Dresden an. Ich kann dazu nur zwei Dinge sagen. Erstens: Es gab viele vergleichbare Situationen, in denen andere Trainer nicht mal eine Gelbe Karte bekommen haben.
Und zweitens?
Gibt es viele Momente, in denen mir mein spanisches Temperament hilft. Dieser Moment gehörte nicht dazu.
Wie lief die Vorbereitung auf die neue Saison?
Es spricht für die Arbeit eines Vereins, wenn er viele Nationalspielerinnen hat.
Aber?
Es macht die Arbeit eines Trainers nicht ­einfacher.
Das müssen Sie uns erklären.
Als wir am 17. August die erste Einheit hatten, waren gerade mal fünf Spielerinnen aus dem Erstliga-Kader dabei. Die anderen weilten bei ihren Nationalteams. Zum Glück haben wir einige junge Talente, mit denen ich schon seit Juli in der Halle war. Sonst hätten wir nicht sinnvoll trainieren können.
Wie sahen die Einheiten aus?
Wir hatten viel Zeit, um an technischen Schwächen zu arbeiten. Spielerisch und taktisch konnten wir nicht viel machen. Aber das ging unseren Konkurrenten Dresden oder Schwerin auch nicht groß anders.
Seit wann ist Ihr Team komplett?
Am Donnerstag kam Femke Stoltenborg. Sie stand bei der EM mit den Niederländerinnen im Finale, hatte danach noch drei Tage frei. Wenigstens sind alle, die bei der EM dabei waren, in guter körperlicher Verfassung und ohne Blessuren zu uns gestoßen.
Fit, aber müde?
Nein, höchstens mental ein bisschen. Renata Sandor hat mit Ungarn die Europa-Liga gewonnen und auch bei der EM hervorragend gespielt. Ihr merkt man an, dass sie im Sommer keine Pause hatte – allerdings sieht man es nicht, wenn sie auf dem Feld steht.
Femke Stoltenborg spielt in Ihrem Team eine enorm wichtige Rolle. Wie groß ist der Nachteil, dass sie kaum Zeit zur Eingewöhnung hat?
Es ist ein Problem, wenn die Zuspielerin ihre Kolleginnen nicht kennt. Doch je mehr Qualität eine Zuspielerin hat, umso schneller geht die Integration. Bei Femke Stoltenborg wird es folglich nicht lange dauern.
Reicht es schon, um die Abläufe bis zum Auftakt in Schwerin zu automatisieren?
Unser Ziel ist nicht das Spiel in Schwerin.
Sondern?
In der Bundesliga wird die Qualität, im Gegensatz zu vielen anderen Ligen, immer höher. Zudem wird es nächste Saison so eng zugehen wie vielleicht noch nie – Dresden, Schwerin, Münster und Stuttgart werden die vier besten Teams sein, doch andere wie Potsdam oder Hamburg folgen gleich danach. Deshalb hätte ich es gerne gesehen, wenn ich meine Mannschaft früher beisammengehabt hätte. Aber es ging eben nicht früher.
Sie haben meine Frage nicht beantwortet.
(Überlegt) Lassen Sie es mich so sagen: Wir sind sicher so gut, dass wir um alle nationalen Titel kämpfen werden. Die Qualität in meinem Team ist jetzt noch höher als vergangene Saison. Ich habe bessere Spielerinnen auf der Bank sitzen, als sie mancher Verein für seine Startformation hat. Ich werde wechseln können, ohne an Qualität zu verlieren. Das ist für Stuttgart neu. Nun müssen wir es nur noch schaffen, auch ein besseres Team als vergangene Runde zu sein.
Wie zuversichtlich sind Sie?
Sehr zuversichtlich. Ich habe die Mannschaft, die ich mir vorgestellt habe. Deshalb weiß ich: Wenn es nicht läuft, dann liegt es an mir. Ich bin dafür verantwortlich, dass diese Mannschaft gut arbeitet.
Auch in der Champions League?
Auch in der Champions League!
Allianz MTV Stuttgart startet erstmals in der Königsklasse. Was bedeutet das für Ihre Mannschaft?
Sie spielt einen Wettbewerb auf allerhöchstem Niveau. Das ist supertoll und wird sie ganz sicher enorm weiterbringen.
Aber?
Es ist auch ein Wettbewerb mehr. Wir haben weniger Zeit, uns zu erholen. Und wir haben weniger Zeit, um zu trainieren. Aber es war unsere Entscheidung, uns anzumelden.
Was ist sportlich möglich?
Wir haben ganz sicher die schwerste Gruppe erwischt, es gibt keinen einfachen Gegner. Und trotzdem bestehen durchaus Chancen, wenn wir unsere beste Leistung zeigen.
Auch gegen die beiden Top-Teams aus Baku?
Die Vereine in Baku haben zwar viel mehr Geld, aber auch viele neue Spielerinnen, neue Trainer, eine hohe Belastung und viel Druck. Vielleicht schaffen wir es ja, auf dem Feld eine größere Einheit zu sein. Dann ist es möglich, eine Überraschung zu schaffen.