Enttäuschung pur bei Allianz MTV Stuttgart – doch es bleibt noch eine Chance auf den Titel. Foto: Baumann

Die Volleyballerinnen von Allianz MTV Stuttgart haben Spiel vier in der Finalserie um die Deutsche Meisterschaft klar verloren. Schaffen sie es, sich bis Samstag noch einmal aufzuraffen?

Schwerin - Eine Kapitänin, die ihre Aufgabe lebt, geht immer voran. Wenn alles klappt, aber erst recht, wenn es nicht läuft. Deborah van Daelen ist eine solche Anführerin. Eine halbe Stunde nach der desaströsen 0:3-Niederlage (15:25, 18:25, 16:25) beim SSC Schwerin machte sie sich auf zu den rund 30 Fans von Allianz MTV Stuttgart, die noch in der Halle standen und nach den Gründen für den enttäuschenden Auftritt ihres Teams suchten. Erst diskutierte die Niederländerin mit, und dann schaffte sie es sogar noch, den Anhängern und auch sich selbst Mut für das entscheidende fünfte Finalduell an diesem Samstag (18.30 Uhr) zuzusprechen. Dafür wurde sie mit Applaus verabschiedet. „Wir haben einen guten Plan und den Heimvorteil“, sagte van Daelen, „ich weiß, dass wir mit unserem Publikum im Rücken viel, viel, viel besser spielen können.“ Das wird auch nötig sein, um nicht zum fünften Mal nacheinander Vizemeister zu werden.

Noch ist nichts verloren, die hochdramatische Serie zwischen den Volleyballerinnen aus Stuttgart und Schwerin steht 2:2. Und doch wirkten alle, die mit dem MTV zu tun haben, wie paralysiert. Als sei nicht nur ein Spiel verloren worden, sondern viel mehr. Einerseits stimmte das, weil sich Außenangreiferin Julia Schaefer Mitte des zweiten Satzes schwer am Bein verletzt hatte und mit Verdacht auf Wadenbeinbruch ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Doch andererseits geht es nun darum, das traumatische Erlebnis von Schwerin möglichst schnell aus den Köpfen zu bekommen. „Diesmal hat nichts gestimmt, nichts funktioniert“, sagte Kim Renkema, die frustrierte Sportchefin, „doch es gibt keine Zeit, darüber nachzudenken. Wir haben 46 Stunden Zeit, um ein anderes Team aufs Feld zu bekommen.“ Oder, um es mit den Worten von Trainer Giannis Athanasopoulos zu sagen: „Jetzt ist alles Kopfsache.“

Der SSC Schwerin ist mental im Vorteil

Das Momentum, so viel ist nach dem vierten Duell klar, liegt auf Seiten des SSC Schwerin. Vom ersten Ballwechsel an hatte der Titelverteidiger dominiert, die Gäste waren in den 78 Minuten nicht einmal auch nur in der Nähe, das Spiel drehen zu können. Der MTV war in allen Bereichen unterlegen, vor allem in der Feldabwehr. „Wir hatten das Messer an der Kehle, doch wir haben an unsere Chance geglaubt“, sagte SSC-Coach Felix Koslowski, „wir hatten vorher Lust auf ein fünftes Spiel. Und jetzt ist unsere Lust noch größer.“

Der Meister der vergangenen beiden Jahre hatte auch abseits des Spielfelds alles dafür getan, um seine Ambitionen zu unterstreichen. Zwei Stunden vor der Partie war in den sozialen Medien die Vertragsverlängerung von Zuspielerin Denise Hanke verkündet worden, womit klar ist, dass alle Säulen des Teams auch nächste Saison in Schwerin aufschlagen werden. Zudem hatte der Verein alle Flüge und Hotelzimmer für das fünfte Spiel gebucht – ohne zu wissen, ob es überhaupt stattfindet. „Wir sind mit 7000 oder 8000 Euro in Vorleistung gegangen“, sagte Koslowski, „das zeigt, wie überzeugt wir waren, dass es dieses finale Duell geben wird.“

Eine logistische Herausforderung

Vor dem es nun vor allem darum geht, möglichst schnell zu regenerieren. Und, im Falle von Allianz MTV Stuttgart, nicht am Boden liegen zu bleiben. „Unser Gegner ist jetzt mental im Vorteil. Unsere Aufgabe muss es jetzt sein, eine Trotzreaktion zu zeigen und mit aller Wucht zurückzuschlagen“, sagte Geschäftsführer Aurel Irion, der noch ein zweites Problem hat – ein logistisches.

Die Volleyball-Bundesliga und der übertragende Fernsehsender Sport 1 haben bestimmt, dass zwischen dem vierten und dem fünften Finalspiel der Frauen nicht mal 48 Stunden liegen. „Ich musste noch nie in so kurzer Zeit ein Spiel organisieren“, sagte Irion, „ich hoffe, dass bis Samstag in der Halle alles steht und die Scharrena auch voll wird. Auf jeden Fall schon mal vielen Dank an die Liga für einen derartigen Plan!“ Als Felix Koslowski von diesen Klagen hörte, meinte er: „Die Stuttgarter sollten aufhören, ständig Nebenkriegsschauplätze aufzumachen.“

Vielleicht ist aber genau das nötig, um von der sportlichen Talfahrt in Spiel vier abzulenken und sich gemeinsam noch einmal aufzuraffen – für das letzte Duell der Saison. Und das, was danach kommt. Eine Feier mit Schale? Oder der Frust über eine Saison ohne Titel? Zweiteres wollen die MTV-Verantwortlichen unbedingt vermeiden. Weshalb Renkema und Irion am Ende eines enttäuschenden Abends in Schwerin exakt dieselben Worte wählten: „Wir müssen das Spiel am Samstag unbedingt gewinnen. Für Julia Schaefer. Für das Team. Für den Verein. Für uns alle.“

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