Der Ausspracheabend zum Thema Allianz-Neubau ist gut besucht gewesen. Foto: Christoph Kutzer

Beim Informationsabend hörten sich Vertreter von Stadt und Allianz die Bedenken von Bürgern gegenüber dem geplanten Allianz-Neubau an. Doch die Fronten sind verhärtet.

Vaihingen - Donnerstagabend, 18 Uhr. Vor der Alten Kelter in Vaihingen stehen Grüppchen diskutierender Menschen beisammen. Noch einmal lassen sie Argumente Revue passieren und stimmen sich auf den anstehenden Informations- und Ausspracheabend zum umstrittenen Allianz-Neubau an der Heßbrühlstraße ein. Drinnen werden derweil zusätzliche Stühle in den Saal gekarrt. Der Andrang ist größer als erwartet. Kein Wunder: immerhin verspricht der Abend Statements und Antworten von Baubürgermeister Peter Pätzold, Rainer Hagenbucher, dem Leiter im Ressort Betrieb und Personenversicherungen bei der Allianz Stuttgart, und Michael Hausiel vom Stadtplanungsamt. Als Sachverständiger für alle Fragen, die die Zukunft des Vereinssports angehen, ist Martin Hampp vom Sportamt vor Ort.

Fruchtbare Diskussionen bleiben beim Zusammentreffen von Stadt und Allianz auf der einen und Projektgegnern auf der anderen Seite aus. Immerhin aber schenkt man sich trotz verhärteter Fronten gegenseitig Gehör. Zwischenrufe bleiben die Ausnahme, obwohl schnell deutlich wird, wie grundlegend die Skepsis gegenüber der Position der Stadt ist, und wie unzureichend viele Antworten auf heikle Fragen empfunden werden.

Verkehr ist der Knackpunkt

Tatsächlich ist das Verkehrskonzept, das das zusätzliche Pkw-Aufkommen abfedern soll, derzeit vage. Konkrete Aussagen gab es auch am Donnerstag nicht. Ähnlich steht es um den drohenden Verlust von Wohnraum an der Liebknechtstraße. Zwar verspricht Hausiel, man werde den Anwohnern Ersatzunterkünfte zur Verfügung stellen, wo diese liegen werden und wie die Umsiedlung ablaufen soll, scheint derzeit jedoch noch offen zu sein. Für besonderen Unmut sorgt die Argumentation, die Wohnungen würden sich im „Achtungsabstand des Störfallbetriebs“ für die Bebauung befinden und dürften daher gar nicht mehr an gleicher Stelle errichtet werden. „Sie sind aber schon da!“ wirft eine Anliegerin ein. Ihr Einwand bleibt unkommentiert.

Rainer Hagenbucher betont immer wieder, man habe alle in Stuttgart verfügbaren Flächen eingehend geprüft. Ein vergleichbar großes Areal mit ähnlich guter Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr gebe es nicht. Da nur rund ein Viertel der Mitarbeiter mit dem Auto zur Allianz komme, sei dies von herausragender Bedeutung.

Es geht um 4000 Arbeitsplätze

Eine Sanierung der beiden bestehenden Standorte wäre seiner Darstellung nach nicht nur unrentabel, sondern würde auch von den Räumlichkeiten her den Anforderungen an eine veränderte Arbeitswelt nicht gerecht. „Agile Projektmethoden und Teamarbeit sind in diesen Gebäuden nicht darstellbar“, so der Ressortleiter. Insgesamt gehe es um die Zukunft von 4000 Arbeitsplätzen. Neben den Argumenten, die die Notwendigkeit eines Umzugs unterstreichen, kommt auch immer wieder die Ökologie zur Sprache. Der Verweis auf einen geplanten Grünstreifen von 40 Metern Breite trifft bei den Kritikern allerdings auf wenig Begeisterung. „Es ist schon seltsam, wenn Klimatologen eine Breite von mindestens 50 Metern fordern und man dann anbietet, statt der ursprünglich anvisierten 30 Meter eben doch 40 einzuplanen“, kommentiert Bezirksbeirat Gerhard Wick (SÖS/Linke-plus) das Zugeständnis an die Frischluftzufuhr in Richtung Talkessel.

Dass die Skepsis im gesamten Gremium überwiegt, zeigt die an den Ausspracheabend anschließende Sondersitzung des Bezirksbeirats, in der das „Planungsverfahren Büroneubau“ mit einer Zweidrittelmehrheit abgelehnt wird. Es wird nun voraussichtlich in der nächsten Sitzung am Dienstag nochmals verhandelt.

Die SPD will die Frischluftschneise erhalten

Die Sozialdemokraten im Gemeinderat begrüßen die Bemühungen der Allianz, nach Aufgabe der Räume in der Innenstadt dennoch am Standort Stuttgart bleiben zu wollen. Das unternehmenseigene Gelände im Synergiepark werfe allerdings noch „zahlreiche Fragestellungen“ auf. „Die klimatologischen Auswirkungen, der Ersatz der vorhandenen Sportflächen, die Bewältigung der zusätzlichen Verkehrsmengen in Vaihingen, der Verlust von SWSG-Wohnungen an der Liebknechtstraße und des Betriebsgeländes des Tiefbauamts machen die Entscheidung schwierig“, schreibt die SPD in einem Antrag.

Zwar begrüßt die Partei, dass der Versicherer in Gesprächen mit Nachbarvereinen zusammen mit dem TSV Georgii Allianz Lösungen gefunden habe und der Allianz-Vorstand sich „zum Wertausgleich des bisher als Sportfläche definierten Baugrundstücks bekannt hat“. Sie beantragt allerdings, dass vor einem Bebauungsbeschluss „einvernehmliche Klarheit über die Ausgleichsmaßnahmen und den Wertausgleich“ bestehen und der neue Kunstrasenplatz noch vor Baubeginn fertiggestellt sein soll. Für den Anteil der städtischen Grundstücksfläche solle ein städtisches Vorkaufsrecht eingetragen werden.

Das Interesse der Allianz an einem langfristigen Mietvertrag für die neuen Räume an der Heßbrühlstraße sei positiv, für die entfallenden Wohnungen der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft sowie die Flächen des Tiefbauamts solle aber gleichwertiger Ersatz angeboten werden, ist dem Antrag zu entnehmen. In einem Gesamtverkehrskonzept müssen nach Ansicht der Partei zudem Maßnahmen enthalten sein, „die den Schleichverkehr in die umgebenden Wohngebiete verhindern“.

Auch Klima und Natur beschäftigen die Partei. Die SPD beantragt, die alte Eiche an der Heßbrühlstraße in jedem Fall zu erhalten und einen 50 Meter breiten Grünstreifen am Schwarzbach freizuhalten, denn die Fläche sei wichtig als „nächtliches Frisch- beziehungsweise Kaltluftproduktionsgebiet“ für Vaihingen.

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