Allgaier Automotive bei Nacht: Ende des Jahres werden in dem Traditionsbetrieb für immer die Lichter ausgehen. Die Belegschaft hatte lange gehofft, dass es noch eine Lösung gibt. Foto: Giacinto Carlucci

Die Tage des einstigen Flaggschiffs im Filstal sind gezählt: Das Aus des insolventen Autozulieferers Allgaier in Uhingen ist für viele Beschäftigte äußerst emotional.

Das Ende von Allgaier Automotive ist nah: Zum 31. Dezember 2025 werden in dem Traditionsbetrieb für immer die Lichter ausgehen. „In Uhingen läuft der Geschäftsbetrieb noch bis Weihnachten. Es werden hauptsächlich Restarbeiten erledigt“, teilt Insolvenzverwalter Michael Pluta mit. Der Sanierer ist von der Einstellung der Belegschaft beeindruckt: „Das Team arbeitet weiter engagiert, was in der aktuellen Phase nicht selbstverständlich ist. Dafür möchte ich allen Beschäftigten herzlich danken. Sie zeigen Haltung, Anstand und Einsatz bis zum Schluss.“ Bei Allgaier Automotive seien rund 600 Mitarbeiter bis Jahresende beschäftigt, die zum Großteil anschließend in eine Transfergesellschaft wechseln werden. Bis auf 30 Beschäftigte hätten sich alle dazu entschieden, in dieser Gesellschaft weiterzumachen. Jene 30 hätten geklagt – in dem Glauben, dass Allgaier doch eine Zukunft habe, hatte Pluta Ende September erklärt.

 

Die meisten Allgaier-Mitarbeiter sind emotional stark berührt

Eine von ihnen ist eine 62-Jährige, die seit mehr als 36 Jahren bei dem Autozulieferer beschäftigt ist. Ihren Namen möchte sie nicht nennen, aber Einblick in ihr Gefühlsleben geben. „Mittlerweile geht es“, sagt sie. Aber es habe eine Phase gegeben, da habe ihr das nahende Ende des Betriebs sehr zu schaffen gemacht: „Da waren die Lichter aus, alles war dunkel, keine Fertigung mehr. Da hat es mich ein bisschen gerissen und mir kamen die Tränen“, erzählt sie. Sie ist froh, dank ihres Alters die Situation einigermaßen abfedern zu können: „Ich bin ein halbes Jahr lang in der Transfergesellschaft und werde dann mit Arbeitslosigkeit bis zur Rente überbrücken. Ohne Abschlag.“

Bei Allgaier Automotive seien rund 600 Mitarbeiter bis Jahresende beschäftigt. Foto: dpa/Marijan Murat

Andere Kollegen in den 50ern hätten es schwerer. Sie seien zu jung für die Rente, aber eben in einem Alter, in dem es nicht leicht sei, noch einmal neu anzufangen. Sie schildert die Ängste dieser Mitarbeiter, die private finanzielle Verpflichtungen hätten und derzeit keine berufliche Perspektive sehen. Ganze Familien würden hier arbeiten, vom Großvater bis zum Enkel. Manche wiederum seien „gottfroh“, wenn die Zeit bei Allgaier vorbei sei, erzählt sie.

Wieder andere fielen in ein tiefes Loch, berichten andere Beschäftigte. Immer wieder schwingt bei vielen Beschäftigten die Frage nach dem Warum mit. Auch die 62-Jährige quälen diese Gedanken: „Man hätte viel früher in die Insolvenz gehen sollen“, meint sie. Sie blickt zurück auf viele Opfer, die die Belegschaft erbracht habe. Auf den Verzicht von Weihnachts- und Urlaubsgeld, auf unentgeltlich geleistete Arbeitsstunden. Immer in der Hoffnung, dass das Unternehmen wieder auf die Beine kommt. Alle Bemühungen waren umsonst. „Das ist eine traurige Geschichte für alle Beteiligten“, fasst sie zusammen. Und für sie persönlich auch: „Ich hätte mir natürlich ein anderes Ende gewünscht. Ich wollte bei Allgaier in Rente gehen. Aber das ist Geschichte, wir können es nicht mehr ändern.“

Starkes Mitgefühl für die Allgaier-Kollegen

Ein Mitarbeiter, Ende 40, ist seit einigen Wochen zu Hause auf Abruf, weil es in seinem Bereich schlichtweg keine Arbeit mehr gibt. Er hat einen neuen Job gefunden, die Abstriche bei Arbeitszeit und Verdienst nimmt er in Kauf. „Ich habe etwas Neues gefunden und kann somit etwas beruhigter ins neue Jahr blicken“, sagt er. Das Mitgefühl für seine Kollegen ist groß: „Die haben 24 Stunden am Tag Leib und Seele für Allgaier gegeben und stehen nun mit leeren Händen da.“

Auch den Betriebsratschef plagen in diesen Tagen diese quälenden Fragen: Wieso, weshalb, warum? Hätte es nicht doch eine Chance gegeben, Allgaier am Leben zu halten? „Aber es nützt nichts. Wir erfüllen unsere Pflicht, mehr können wir nicht tun“, sagte Stilianos Barembas vor wenigen Wochen. Er machte nie ein Hehl daraus, dass ihn die Situation emotional belastet: „Da liegt man schon manchmal nachts im Bett und denkt sich: Das ist alles unglaublich.“

Sarah Schweizer (CDU) sieht die Politik in der Pflicht

Eine, die sich sehr für Allgaier eingesetzt hat, ist die Göppinger CDU-Landtagsabgeordnete Sarah Schweizer. Die Politikerin hatte Gespräche bei den Autobauern eingefädelt, an deren Ende eine Abwicklungsvereinbarung stand. Nach langen Verhandlungen waren der Sozialplan und Interessenausgleich unter Dach und Fach sowie eine Transfergesellschaft gegründet. Die Kunden, sprich die Autohersteller, finanzieren das Ganze. Dennoch: „Für die rund 600 Mitarbeiter und ihre Familien beginnt jetzt eine schwierige Zeit“, sagt Schweizer. Ihr sei es ein Anliegen gewesen, noch einmal persönlich vor Ort zu sein, mit den Beschäftigten zu sprechen und danke zu sagen, erzählt Schweizer nach einem Besuch bei Allgaier. „Sehr beeindruckt hat mich, wie die Menschen hier - trotz allem - sehr positiv auf die Zeit bei Allgaier zurückblicken“, sagt sie. „Man hat alles gegeben, aber hat auch viel dafür bekommen, das habe ich oft gehört.“ Schweizer sieht die Politik jetzt in der Pflicht, „das Ruder herumzureißen und den Standort Deutschland wieder wettbewerbsfähig zu machen - und zwar schnell“.​

Lage wurde gehofft und gebangt

Unternehmen
 Allgaier war im Juli 2022 mehrheitlich von der chinesischen Westron Group übernommen worden. Knapp ein Jahr nach dem Einstieg meldete der neue Eigentümer Insolvenz an und hatte anschließend erneut seinen Hut in den Ring geworfen. Belegschaft, Insolvenzverwalter und Betriebsrat hofften lange, dass es mit einem Investor klappt.

Ende
Als im Herbst 2024 der potenzielle Interessent Aequita, ein Kapitalgeber aus München, absprang, war das Ende des Uhinger Unternehmens im Prinzip besiegelt.