Allgaier ist insolvent – nun wird ein Investor gesucht. Foto: dpa/Marijan Murat

Nach der Allgaier-Pleite äußert sich Insolvenzverwalter Michael Pluta zu den Gründen des Scheiterns – und zu den Überlebenschancen.

Für den Uhinger Autozulieferer Allgaier wird ein neuer Eigentümer gesucht – doch bis dahin sind noch etliche Aufgaben zu erledigen.

 

Herr Pluta, wie stehen die Chancen, dass der insolvente Autozulieferer Allgaier weiter am Leben bleibt?

Die Chancen stehen gut, weil die Produkte nachhaltig sind. Die Karosserieteile, die Allgaier baut, werden auch im Elektroauto benötigt. Das Unternehmen, seine Produkte und seine Anlagen werden in der Branche weiter gebraucht werden. Das macht mich zuversichtlich.

Welche Bedeutung hat Allgaier für die Autohersteller?

Das Werk ist fast einen Kilometer lang, das findet man nicht überall. Schon von der Größenordnung her hat Allgaier in der Branche Gewicht und kann nicht ohne Weiteres ersetzt werden.

Wie sehen Sie die Chancen, einen Käufer zu finden?

Ich glaube schon, dass das Unternehmen verkaufbar ist. Aber das geht nicht von heute auf morgen. Wir haben den Verkaufsprozess noch nicht gestartet und lassen im Moment auch niemanden hinein, weil wir uns erst einmal selbst ein Bild machen müssen.

Michael Pluta ist zuversichtlich. Foto: Firmenfoto/Firmenfoto

Warum wurde zuerst nur für die Holding ein Insolvenzantrag gestellt?

Die Holding war als einzige Gesellschaft in der Lage, überhaupt einen Insolvenzantrag zu stellen, weil die Geschäftsführung präsent war. Die Geschäftsführer der anderen Gesellschaften waren in China und nicht greifbar. Es hat einige Tage gedauert, bis man es organisieren konnte, dass auch die anderen Gesellschaften über die Holding in dieses Verfahren gehen.

Welche Rolle spielt der chinesische Eigentümer Westron bislang in diesem Verfahren?

Wir haben mit den Vertretern von Westron bisher leider keinerlei Gespräche führen können. Sie haben sich noch nicht bei uns gemeldet.

Wie präsent war der neue Eigentümer im Unternehmen?

Ich habe gehört, dass der eigentliche Geschäftsführer nie im Unternehmen war, aber trotzdem die Geschäfte geführt hat. Das hat bei den Mitarbeitern zu sehr großer Verstimmung geführt. Dabei ist doch klar, dass man als Chef bei einem solchen mittelständischen Betrieb auch selbst im Laden stehen muss. Dass der Chef nie da ist, spricht sich natürlich auch bei den Kunden und Lieferanten herum. Diese stehen ja auf allen Ebenen mit den Allgaier-Beschäftigten im Kontakt.

Welche Bedeutung hat die Geschäftsführung durch Westron auf den Zustand des Unternehmens?

Ich erkenne bei Allgaier einen erheblichen Investitionsstau. Zudem haben viele Zulieferer lange auf ihr Geld gewartet. Das führt natürlich zu einer erheblichen Unsicherheit und zu einer großen Nervosität am Markt. Wir können jetzt Zahlungsbestätigungen ausstellen, sodass die Zulieferer bei künftigen Geschäften sicher sein können, ihr Geld zu bekommen.

Müssen Sie den Investitionsstau vor einem möglichen Verkauf beseitigen?

Diesen Investitionsstau müssen wir unbedingt auflösen. Auch wenn absehbar ist, dass Reparaturen anstehen, müssen wir aktiv werden, weil dafür ja Teile bestellt werden müssen. Aber den Anlagenpark erneuern können wir nicht. Es ist nicht möglich, für einige Millionen Euro eine neue Pressstraße zu bauen. Zum Glück sind die Anlagen hier von namhaften Herstellern und halten auch etwas länger. Aber ewig können wir nicht mehr damit zuwarten, das, was an den Anlagen abgeschrieben wird, auch wieder zu investieren.

Autohersteller sind ja bekannt dafür, Zulieferer bei Preisverhandlungen hart anzufassen. Hat Allgaier genug bahnbrechende Neuerungen zu bieten, mit denen man sich dem Preisdruck widersetzen kann?

Wenn man sich zum Vergleich ein Unternehmen wie Bosch anschaut, dann gibt es große Unterschiede. Bosch hat ja eine eigene Entwicklung mit eigenen Patenten. Das verschafft dem Unternehmen einen riesigen Vorteil. Klar ist: Je mehr man als Zulieferer aus Sicht der Abnehmer austauschbar ist, desto eher kann man unter Druck geraten. Dass Allgaier so groß ist, bringt zwar einen Vorteil, doch die Hersteller wissen natürlich, dass dieser Kilometer Fabrik auch ausgelastet werden muss, und nutzen das logischerweise auch bei den Verhandlungen. Was geschieht, wenn Aufträge angenommen werden, die nicht mehr auskömmlich sind, zeigt sich jetzt bei Allgaier.

Die IG Metall hat ja einen Ergänzungstarifvertrag angeboten, der einen Verzicht auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld enthält. Ist dieser Verzicht nötig für die Fortführung des Unternehmens?

Im Moment nicht. Es wäre auch unsinnig, wenn die Mitarbeiter in dieser Phase solche Einschnitte vereinbaren würden. Sie würden dann ohne Not auf Ansprüche auf Arbeitslosen- und Insolvenzgeld verzichten. Das Thema könnte allerdings aufkommen, wenn verkauft wird und es um die Frage geht, wie ein künftiger Eigentümer das Unternehmen fortführt.

Wie sieht Ihr weiterer Zeitplan aus?

Im Moment sind wir noch im Stadium der Notaufnahme. Jetzt geht es darum, das Unternehmen zu reanimieren und den Blutverlust zu stoppen, damit es weitergehen kann. Als Nächstes geht es um die Frage des Finanzbedarfs und um die Frage, wo die Verlustbringer sitzen. Im Juli werden wir jemanden beauftragen, der nach einem Kaufinteressenten sucht. Es wird ein mindestens ein Vierteljahr dauern, bis wir konkrete Angebote haben. Dann wird endverhandelt, was bis zum Jahresende dauern kann.

Allgaier-Insolvenz

Verfahren 13 Beschäftigte setzt die Ulmer Kanzlei Pluta für das Insolvenzverfahren bei dem Uhinger Autozulieferer Allgaier ein, der einst von Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt geführt wurde. Anwalt Michael Pluta ist Insolvenzverwalter bei Allgaier Automotive, der mit 1200 Mitarbeitern größten Gesellschaft; sein Kollege Fritz Zanker leitet das Verfahren bei der Holding Allgaier Werke, in der die Vermögenswerte gebündelt sind.

Allgaier
Das Uhinger Unternehmen meldete vor einer Woche Insolvenz an – nur ein Jahr nachdem es vom chinesischen Investor Westron übernommen worden war.