Sofern an dem Würfel nichts manipuliert wurde, ist die Wahrscheinlichkeit die Zahl Sechs zu würfeln genauso groß wie eine der anderen Zahlen zu Würfeln. das zumindest behauptet die mathematische Wahrscheinlichkeitsrechnung. Foto: dpa

Forscher diskutieren an der Universität Duisburg-Essen über das Phänomen Zufall. Und darüber, was es mit Ursache, Wirkung und den nächsten Lottogewinnern auf sich hat.

Duisburg - „Das ist reiner Zufall.“ Diesen Satz hört man häufig oder spricht ihn selber aus. Doch stimmt er auch: Gibt es tatsächlich Zufälle, ist alles vorherbestimmt oder nach dem Ursache-Wirkung-Prinzip erklärbar?

Mister Spock glaubt nicht an Zufälle

„Sie glauben doch nicht an Zufälle, Spock, oder?“ fragt Dr. „Pille“ McCoy, Schiffarzt der „Enterprise“ Mister Spock. Darauf antwortet das Supergenie aus den „Star Trek“-Filmen: „Doktor McCoy, Ihre predigtartigen Ausführungen betreffen einige ursächliche Faktoren, lassen das Gesamtbild außer acht. Sie übersehen die wichtige Tatsache, dass in einer progressiven Gleichung keine Variable für sich stehen kann.“

Für Spock steht fest: Nichts geschieht ohne Ursache. Allenfalls hat man zu wenig Informationen, ist subjektiv oder hat keinen blassen Schimmer von Kausalketten, um eine exakte Vorhersage zu treffen oder eine bestimmtes Ereignis in einem Sinnzusammenhang einzuordnen, um es zu verstehen. Zufall gibt es nicht, sondern nur unvollkommenes Wissen um die Dinge. Davon ist auch der französische Moralist Voltaire (1694 - 1778) überzeugt: „Zufall ist ein Wort ohne Sinn; nichts kann ohne Ursache existieren.“ Der Dichter Novalis (1772-1801) schreibt: „Auch der Zufall ist nicht unergründlich – er hat seine Regelmäßigkeit.“

Nicht wissen, bedeutet nicht, dass es Zufälle gibt

Alle drei Geistesgrößen fassen den zentralen Wunsch der Wissenschaft zusammen: Das scheinbar Unbegreifliche durch Gesetzmäßigkeiten begreifbar zu machen. Dabei ist unser Leben weniger planbar, als uns lieb ist. „Zufälle haben eine gewisse Wahrscheinlichkeit einzutreten, die Welt ist von ungewissen Ereignissen völlig durchsetzt“, erklärt Ulrich Herkenrath, Professor für Stochastik und Versicherungsmathematik an der Universität Duisburg-Essen. Dort diskutieren bei einer Tagung Mathematiker, Hirnforscher, Neurobiologen und Philosophen über das Phänomen Zufall.

Wir würden es als völlig normal hinnehmen, wenn ein Haus abbrennt, sagt Herkenrath. Wenn es aber unser eigenes sei, fühlten wir uns durch den Zufall ungerecht behandelt. „Hier spielt die menschliche Urerfahrung eine tragende Rolle. Der Mensch möchte seine Umwelt planbar gestalten. Aber er erfährt, dass seine Pläne immer wieder durchkreuzt werden.“

Die Sache mit dem Würfel

Die Stochastik berechnet die statistische Wahrscheinlichkeit von Zufällen. Sie liefert Rechenmodelle, wie sich scheinbar zufällige Ereignisse quantifizieren lassen. Mathematiker sprechen dann von Zufall, wenn ein Experiment, das, wenn es unter gleichen Bedingungen wiederholt wird, nicht zwangsläufig das gleiche Ergebnis liefert.

Nur weil etwas nicht kausal erklärbar und unvorhersehbar ist, heißt das nicht, dass dieses Ereignis außerhalb objektiver Zusammenhänge steht. Ein Beispiel: Jemand würfelt drei Mal hintereinander eine Sechs. Eine Tatsache, die sich mit der Bewegungsenergie des Würfels, Luftreibung, Reibungsenergie der Tischplatte und der Kraft, mit der jemand würfelt erklären lässt. Hinter dem Zufall steckt ein Kausalitätsprinzip. Gäbe es absolute Zufälle im Sinne ursacheloser Ereignisse, müsste es auch Wunder geben, was den Naturgesetzen diametral widerspricht.

„Übernatürliche Vermutungen“

Was ist also vorherbestimmt und was zufällig? Das sei eine philosophische Frage, betont Herkenrath. Wenn die Lottogewinner schon vor der nächsten Ziehung feststünden, dann stünden sie seit Anfang der Welt fest und wir lebten in einer Welt, in der alles vorbestimmt ist. „Wenn sie jetzt noch nicht feststehen, dann leben wir in einer Welt, in der vieles in der Zukunft noch nicht vorherbestimmt, also unbestimmt und somit zufällig ist. Naturwissenschaftlich beweisbar ist keine der beiden Aussagen, da beide auf übernatürlichen Vermutungen basieren.“

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